Luxemburgensia

Atemlos durch die Jugend

Goerges Christen zerreißt die Welt des Autors
Foto: Marc Angel
d'Lëtzebuerger Land vom 13.12.2019

Samuel Hamen gilt gerade als Wunderkind der Luxemburger Literatur. Seine Literaturkritiken: pointiert. Seine Feuilletonbeiträge: geistreich. Sein Blick als Zeitdiagnostiker: messerscharf. Es kam deshalb wenig überraschend, dass Hamen mit seinem unveröffentlichten Roman I.L.E. den diesjährigen nationalen Literaturwettbewerb für sich entscheiden konnte. Auch Kulturministerin Sam Tanson (déi Gréng) verneigte sich bei der Preisüberreichung vor dem Talent des Schriftstellers – hier mache sich jemand auf, das Erbe von Guy Rewenig anzutreten.

Dabei hat Hamen gerade erst sein Zweitwerk Zeeechen veröffentlicht. Drei Kurzgeschichten, die bereits in Les Cahiers luxembourgeois publiziert und nun in neuer Form in den Editions Binsfeld von Comic-Zeichner Marc Angel (De Jas) grafisch unterlegt bzw. weitergeführt wurden. Mit Bal, Elo und Djö nimmt der Autor die Leser mit in die Tiefen der Luxemburger Provinz Ende der Neunziger- und Anfang der Nullerjahre. Es handelt sich um Coming-Of-Age-Geschichten, die, grob gefasst, das Verhältnis des Ich-Erzählers zu seinen Eltern, seinem besten Freund und seiner ersten Lieben aufarbeiten. Der Erzähler blickt als 30-Jähriger zurück auf seine Jugend zwischen Georges Christen, MTV, Masturbation und Pauschalreisen mit seinen verbeamteten Eltern nach Lanzarote. Erinnerung, Erzählung und grafische Illustration funktionieren dabei nach dem Muster des Kinderspiels stille Post: Am Anfang steht das Ereignis, dann die Erinnerung, dann die Reproduktion der Erinnerung und schließlich die grafische Illustration. Jede Ebene verändert die Geschichte und kleidet sie neu ein.

Der Autor gibt sich dabei große Mühe, nicht in eine klassische Erzählstruktur zu fallen. Es wirkt fast so, als hätte er eine Tabuliste für sein Werk angelegt: kein Storytelling, keine lineare Geschichte und bloß nicht zu viel Nahbarkeit. Dieses Korsett zwingt den Autor geradezu neue literarische Wege einzuschlagen, erhöht aber auch den Schwierigkeitsgrad für Autor und Leser. Der Erzähler hechelt atemlos durch seine Jugend bar jeder konventionellen Narration. Das wirkt bestenfalls erfrischend-originell, etwa dann, wenn ein banaler Versprecher „vum décke Küborn“ auf RTL („Kollike“ statt „Wolleke“) als Vorbote für ein tragisches Schicksal dient.

Der Nachteil dieses Korsetts ist, dass die Erzählungen mitunter verkrampft wirken. Gerade dann, wenn ein Erzählstrang an Fahrt aufnimmt, würgt der Autor ihn ab. Entweder deus ex machina, durch einen zynischen oder vulgären Kommentar aus der erzählten Gegenwart, um mit dem Stimmungsbild zu brechen. Oder auch durch einen forcierten Perspektivwechsel, indem der Erzähler sich fast schon beliebig von einem Detail ablenken lässt, um eine neue Geschichte in der Geschichte zu erzählen ähnlich wie bei Seth Macfarlane in der der Serie Family Guy. Zudem verlässt der Autor sich allzu oft auf seine Sprachgewalt: Kein Abschnitt ohne Bilder, keine Seite ohne Vergleiche. Mitunter wirkt Zeeechen wie die Abschlussarbeit eines Literaturworkshops.

Samuel Hamens Drang zum Experimentieren jenseits bewährter Stilmittel ist ohne Zweifel ein Gewinn für die Luxemburgensia. Aber man fragt sich dennoch, wie sich Hamens Literatur eigentlich lesen würde, wenn er sich kein Handicap auferlegen und frei von literarischen Avantgarde-Zwängen einfach nur schreiben würde.

Samuel Hamen / Marc Angel: Zeeechen. Erzielungen a grafesch Geschichten. Editions Binsfeld.
80 Seiten, 24 Euro.

Pol Schock
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