Identität und Europa

Herausforderung

d'Lëtzebuerger Land vom 11.03.2010

„Denn man muss dem Weisen seine Weisheit erst entreißen. Darum sei der Zöllner auch bedankt: Er hat sie ihm abverlangt“, mit diesen Worten schließt Bertold Brecht sein Gedicht über die Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration. Der Zöllner in unserer Geschichte heißt Bernard Kouchner. Mehr noch dem französischen Außenminister als dem Autor Guy Verhofstadt selber haben wir es zu verdanken, dass es einen belgisch-französischen Diskurs über Identität, Nation und Europa in französischen und belgischen Zeitungen gegeben hat. Kouchner reagierte ziemlich pampig auf die freundlichen Ansage von Guy Verhofstadt, veröffentlicht am 11. Februar in Le Monde unter der Überschrift „Il y a quelque chose de pourri en République française…“. „Je pense que le ridicule tue un peu, mais j‘espère qu‘il ira bien“, hat er daraufhin einen Tag später und völlig humorfrei Verhofstadt ins Stammbuch geschrieben.

Guy Verhofstadt hatte in seinem Beitrag vehement die seiner Meinung nach fehlgeleitete französische Debatte über die nationale Identität kritisiert und betont, dass es nicht darauf ankomme, ob die Jugend noch die Marseillaise singen könne. Das ist nur allzu verständlich für einen belgischen Ex-Regierungschef, dessen Nachfolger Yves Leterme zu Zeiten seines ersten Regierungsantritts einmal die Marseillaise mit der belgischen Nationalhymne verwechselt hatte. Aber musste ihn die von Sarkozy womöglich aus Wahlkampfgründen angezettelte Debatte über eine zeitgemäße französische Identität unbedingt an Vichy erinnern? Und war es notwendig wie in einem scharfen Zeitungskommentar daran zu erinnern, dass nur Völker mit gesundem Selbstvertrauen ihren Platz in Europa finden werden? Eine Gouvernante Guy Verhofstadt wünscht sich in Frankreich niemand. Vielleicht nicht einmal ein Belgien, das Vertrauen zu sich selber hat.

Guy Verhofstadt konnte die Replik Bernard Kouchners nicht auf sich sitzen lassen und das war gut so. Die Frage nach der Identität europäischer Gesellschaften verdient es, ausführlich diskutiert zu werden. Zu schnell ist der Wandel der Welt, politisch wie ökonomisch, als dass er nicht alte Gefüge ins Wanken, wenn nicht zum Einsturz bringen könnte. Zu zahlreich sind auch die Impulse durch Migration, als dass die alten Nationen Europas einfach so bleiben könnten, wie sie waren. Sie verändern ihr Gesicht schneller, als es den meisten von ihnen lieb ist.

Das Eigene und das Fremde sind die großen Themen in der Antwort an Kouchner, die Guy Verhofstadt zeitgleich in den belgischen Zeitungen Le Soir und De Standaard am 24 Februar veröffentlicht hat. In seinem Text kleckert Verhofstadt nicht – er klotzt. Und stellt sich in eine Reihe intellektueller Geister und Traditionen, die es in sich hat: Französische Revolu-tion, Herder und Kant, Volksgeist gegen Aufklärung, Alain Finkielkraut, Napoleon, Heinrich Heine, Goebbels, Renan, Amartya Sen, Au­schwitz, Oussama Bin Laden, Leonidas Donskis. Aufgeführt in der Reihenfolge ihres Auftretens. Am Ende heißt es: Die Zukunft Europas und der Europäischen Union wird post-national sein, oder sie wird nicht sein. Wow. Hätten Sie das gewusst? Weiß das Nicolas Sarkozy? Wo hat Verhofstadt die letzten 50 Jahre postnationaler europäischer Integration verbracht? In Flandern?

Eine öffentliche Diskussion über Identität, sagt Verhofstadt gemeinsam mit Leonidas Donskis, bedeutet schon ein Krisenzeichen für die Gesellschaft und zeigt, dass sie als unstabil und gefährlich angesehen wird. Umso wichtiger ist es da, dass sie geführt wird. Guy Verhofstadt kommt das Verdienst zu, dass er sich Gedanken über die Welt, ihren Zustand und ihre Zukunft macht. Er schreibt schon mal gerne, en passant, ein Buch, das allen, die es schon immer wissen wollten, erklärt, warum und wie die Welt in die Finanz- und Wirtschaftskrise geschlittert ist. Leute wie ihn gibt es zu wenig. Nur schade, dass er seinem Beitrag über Identität und Europa trotz aller schillernden Namen so wenig Tiefe zu geben weiß.

Es reicht nicht zu sagen, dass man Islamismus mit Wachstumsraten und Jobangeboten am besten zu Leibe rückt und dann andeutet, dass man den Rest besser von der Polizei erledigen lässt. Es reicht nicht, viele Millionen Verunsicherte in Europa als „Vichy“ abzutun und damit beiseite zu wischen, dass viele Menschen nicht nur ihre nationale, sondern auch ihre persönliche Identität im brutalen Wandel der globalisierten Welt bedroht sehen. Es ist zu blutleer, einfach zu sagen, wenn Europa in Zukunft überhaupt noch eine Rolle spielen will auf der internationalen Bühne, dann muss es gefälligst seine nationa­len Identitäten in den Hintergrund rücken und seine europäische Identität entwickeln. So einfach läuft das nicht mit der Identität.

Eine europäische Identität existiert bereits und zwar seit vielen Jahrhunderten. Nur deshalb gibt es überhaupt einen europäischen Kontinent, der sich ja gerade nicht durch Geografie, sondern durch eine gemeinsame Kultur begründet. Politiker wie Verhofstadt wünschen sich vor allem deshalb eine europäische Identität, weil sie mit ihr „Staat machen“ wollen. Damit stehen sie selbst in einer unseligen Tradition, denn „Staat machen“ war und ist die Quintessenz jedes Nationalismus. Auch bei Verhofstadt geht es um das Sein oder Nicht-Sein Europas. Sollen wir etwa deshalb alle aufrechte Europäer werden, damit die EU auf dem globalen Parkett eine bedeutende Rolle spielen kann? Umgekehrt wird ein Schuh draus: Nur wenn wir auf die wachsende Unsicherheit auf die Frage: „Wer sind wir?“ eine Antwort finden, die unsere Gesellschaften wieder selbstbewusst und voller Vertrauen in die Zukunft blicken lässt, wird Europa überhaupt eine Rolle spielen können. Und zwar nach innen und nach außen. Wie? Darüber sollten wir in der Tat ausführlich diskutieren! Guy Verhofstadt gestörte Franzosenliebe aber wollen wir mit Thomas Mann trösten: „ Das Volk, das Witz genug hatte, den Nationalismus zu erfinden, wird auch genug haben, mit seiner Erfindung fertig zu werden.“ Vive l’Europe!

Christoph Nick
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