Schutz und Schmuck

d'Lëtzebuerger Land vom 22.03.2019

Drei grandiose Universalwerkzeuge hat die Menschheit bisher zustande gebracht: Smartphone, Schweizer Taschenmesser – und Schürze. Wobei so ein Stoffkittel ganz entschieden überlegen ist, wenn man Äpfel auflesen, Gartenscheren verstauen, Gläser polieren oder verschmierte Kinder abwischen will. Eine Schürze bietet viel Platz für Taschen, Verzierungen, schlaue Sprüche. Sie bewahrt andere Kleider vor Schmutz und Abnutzung. Sie kann auch am Ofen aufgewärmt und ins kalte Bett mitgenommen werden. Zum Schluss taugen ihre Reste als Putzlappen.

Jahrhundertelang waren Schürzen treu an unserer Seite. Dafür werden sie von der Wissenschaft schofelig behandelt. Seriöse Forschung dazu kann man lange suchen. Immerhin hat Elke Gaugele, inzwischen Professorin an der Wiener Akademie der Bildenden Künste, eine Doktorarbeit geschrieben: „Schurz und Schürze. Kleidung als Medium der Geschlechterkonstruktion.“ Von der venezianischen Modehistorikerin Elda Danese gibt es das Buch La vestaglietta. Una storia tra erotismo e moda – was besser klingt als auf Deutsch die Inhaltsangabe „Kittelschürzen im italienischen Film seit 1920“. Und das war es auch schon mit Werken zur Kulturgeschichte der Schutz- und Schmuck-Klamotten.

Viele Museen haben Schürzen in ihren Sammlungen, allein schon deshalb, weil sie zu Trachten, zu Berufskleidung, aber auch zum Ornat der Freimaurer gehören. Eigens erwähnt werden sie aber nur selten. Im baden-württembergischen Museum für Alltagskultur im Schloss Waldenbuch war vor neun Jahren die Ausstellung BeSCHÜRZENd – Eine Hommage an ein weibliches (?) Kleidungsstück zu sehen. Das Historische Museum im ostfriesischen Aurich hat 2016 zu seiner Schau Wer trug schon Schürze? – von Arzt bis Zofe auch einen Katalog herausgegeben. Spezielle Schürzen-Museen gibt es in dem weißrussischen Dorf Bezdezh, wo man stolz auf bestickte Volkskunst ist, und in dem amerikanischen Städtchen Iuka, Mississippi, wo Carolyn Terry mehr als 3 500 Schürzen zusammengetragen hat

„Jede Schürze hat eine Seele“, schwärmt Ute Dwinger, die Vorsitzende der Landfrauen in Schmalfeld bei Hamburg. Sie sammelt leidenschaftlich Schürzen, bisher schon über 700 – und die dazugehörenden Geschichten. Ihr Fundus ist die Grundlage für die Wanderausstellung Angebandelt, die in einem Seminar an der Universität Regensburg entstanden ist. Bei ihrer Tour durch Deutschland wird sie jeweils mit regionalen Leihgaben ergänzt. An Stoff mangelt es nicht; schwieriger wäre es, historische Alltagsfotos ohne beschürzte Menschen zu finden.

Waschmaschinen, billige Jeans und Funktionskleidung machten schützende Kittel weniger notwendig; ab ungefähr 1960 änderte sich die Mode. Davor aber begleiteten Schürzen durchs ganze Leben. Oft war eine Schürze das erste Kleid, auch für kleine Buben. Nach dem Tod trugen die Angehörigen vielerorts ein Jahr lang eine schwarze Schürze, anschließend für ein weiteres halbes Jahr eine „halbschwarze“ mit silbergrauen Blumen. Im Neckartal etwa hieß die dezente, wieder lebenszugewandte Bemusterung „Austrauerschwarz“.

Die ältesten Schürzen sind ab dem 13. Jahrhundert belegt. Zunächst waren sie Männersache: robuste, zum Teil aus Leder gefertigte „Fürtücher“ für Schmiede, Schreiner, Gerber, Gärtner und zahlreiche andere Berufe. In Südtirol tragen Bauern und Handwerker bis heute einen blauen Werktagsschurz, „Fürtig“ genannt. Um 1930 wechselten viele Werktätige zu Arbeitskitteln, Latzhosen und Schutzanzügen. Aber zum Beispiel ein Grill-Weltmeister ohne Schürze? Nach wie vor undenkbar.

Bei der Weiblichkeit setzten Schürzen sich als eigenständige Kleidungsstücke im 16. Jahrhundert durch, zuerst als Standessymbol von Bäuerinnen. Am französischen Hof kamen Schürzen mit angenähten Lätzchen in Mode. Bald wurde auch in Bürgerhaushalten ganz in weiß serviert, mit Rüschen und Spitzen. Von jungen Frauen wurde lange erwartet, dass sie in freien Minuten kunstvoll Schürzen für ihre Aussteuer bestickten: Die Schwiegermutter in spe wollte Kompetenznachweise in Sachen Haushalt sehen. Viele Omas kamen praktisch nie heraus aus ihrer „Hooverette“-Kittelschürze, einer US-Erfindung aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg.

Bis in die 1960-er Jahre waren Schürzen für Schulmädchen Pflicht: Sie sollten gegen Eitelkeit und Stolz, Tinten- und Kreideflecken helfen. Die Kluft für den Kochunterricht wurde im Handarbeitsunterricht gleich selbst gemacht, schließlich sollte eine gute Hausfrau, Gattin und Mutter unbedingt auch Zuschneiden, Nähen und Säumen können. Von Mädchen, die älter wirken wollten, wurden die Schulschürzen innig gehasst und schnellstmöglich ausgezogen. Mittlerweile sind derartige Traumata meist längst vergessen. Schürzen sind Vintage, und Schnittmuster samt Anleitungen für das Dirndl-Zubehör gibt es im Internet.

In Oberkirch im Schwarzwald ist die kleine Ausstellung Angebandelt – ein Date mit der Schürze noch bis 26. Mai im Heimat- und Grimmelshausenmuseum zu sehen:
www.oberkirch.de / Frau Heinz informiert zum Kittelwesen: www.kulturversorgung.de

Martin Ebner
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