Schnüffler im Staatsdienst

Stichwortfahndung

d'Lëtzebuerger Land vom 02.03.2012

Heute loben wir die bedauernswerten Schnüffler im Staatsdienst. Ihr Leben ist eine einzige Kalamität. Tag und Nacht sind sie umzingelt von Milliarden potenzieller Terroristen. Sie führen einen heldenhaften Kampf gegen das Böse in der Welt. Für alle Geheimdienste gilt eine unumstößliche Regel: die gesamte Menschheit besteht praktisch nur aus Schurken und Bösewichten. Dem armen Schnüffler ist eine wahre Sisyphusarbeit aufgetragen. Er muss die Spreu vom Weizen trennen und kommt schnell zur Überzeugung, dass er den Weizen nimmer finden wird.

Allein im Jahr 2010 haben die deutschen Geheimdienste – Bundesamt für Verfassungsschutz, Bundesnachrichtendienst und Militärischer Abschirmdienst- mehr als 37 Millionen E-Mails durchforstet. Sie suchten nach verdächtigen Stichworten, zum Beispiel dem Begriff „Bombe“. Sobald der aufmerksame Schnüffler „Bombe“ liest, schrillen bei ihm die Alarmglocken. Würden wir tatsächlich den Erkenntnisstand der Schnüffler respektieren, wären längst alle Sportjournalisten verhaftet. Man muss nur deren Reportagen lesen. Jeder einigermaßen kräftige Schuss aufs Fußballtor ist in ihrem Jargon eine „Bombe“. Wer so offen und ungeniert der terroristischen Terminologie huldigt, gehört unbedingt ins Visier der Geheimdienste.

Ihre berufsbedingten Klippen und Fallstricke können die armen Schnüffler ohnehin kaum überblicken. Es gibt immer mehr E-Mailschreiber, die der Sprache nicht mächtig sind. Wer sich auf den Internet-Foren tummelt, wird schnell erfassen: hier ergießt sich im Minutentakt eine wahre Flut von groben Sprachschnitzern und barbarischen Stilblüten ins Netz. Selbst der Sprache können die Schnüffler nicht mehr trauen. Wenn ein semantisch und grammatikalisch unterbelichteter Korrespondent „meine liebe Bombe“ schreibt, darf man schon fast mit Sicherheit davon ausgehen, dass er es gar nicht so meint. Vielleicht wollte er nur „mein liebes Bambi“ schreiben, kann aber leider nicht richtig tippen oder beherrscht sein eigenes Vokabular nur mangelhaft. So schnell kann aus einem ungelenken Liebesbrief ein knallhartes terroristisches Manifest werden.

Überhaupt wären die Schnüffler gut beraten, sich stärker auf so genannte Liebesbriefe zu konzentrieren. Denn der echte Terrorist ist ein intelligentes Wesen und tarnt sich ständig auf sehr erfinderische Weise. Wären wir Terroristen, würden wir nie und nimmer eine „Bombe“ erwähnen. Ganz im Gegenteil: wir würden zum Beispiel „heißes Täubchen“ schreiben. Das klingt nach glutvoller Leidenschaft, aber der Schnüffler sollte sich hüten, hier nur eine erotische Kapriole zu vermuten. Alle vermeintlichen Liebesbriefe sind wahrscheinlich terroristische Handlungsanweisungen. Der geübte Terrorist legt es ja darauf an, die beklagenswerten Schnüffler wirksam zu täuschen. Die Geheimdienste sollten also dringend ihre Stichwortlisten revidieren. Begriffe wie „Schäferstündchen“, „Zungenkuss“, „Ganzkörpermassage“ oder „Dildo“ enthalten augenscheinlich schon das explosive Ferment. „Dildo“ ist in Terroristenkreisen längst ein klassisches Synonym für brandgefährliche Aktivitäten im Verborgenen.

Wer Terroristen dingfest machen möchte, muss um sechs Ecken denken können. Das ist für den Schnüffler eine permanente Tortur. Sein Denkapparat ist am Ende so verbogen und zerknittert, dass er schon ein harmloses Wort wie „Konjunkturaufschwung“ für eine Bombenmetapher hält. Es ist schrecklich: kein einziges Wort verdient noch unser Vertrauen. In allen denkbaren Buchstabenverbindungen kann sich die „Bombe“ verstecken. „Liebling“, „Herzensbrecher“, „Matratzentiger“, „Thermometer“, „Paprikaschnitzel“, alles nur dürftig kaschierte Varianten der „Bombe“. Die intellektuelle Not des Schnüfflers ist beträchtlich. Nach ein paar Jahren intensiver Schnüfflertätigkeit kann er keinen Satz mehr lesen, ohne sofort einen terroristischen Anschlag zu wittern. Das kann zu tragischen Zwischenfällen führen. Denken wir nur an jenen übereifrigen Schnüffler, der seine eigene Ehefrau verhaften ließ, weil sie „Wir müssen endlich den Müll beseitigen, Schatzi“ auf einen Zettel gekritzelt hatte.

Hinzu kommt, dass der Schnüffler sich oft selber im Wege steht. Er ist ja kein Meister der Sprachanalyse, ein komplettes Literaturstudium kann er in der Regel auch nicht aufweisen. Meist tappt er ziemlich unbeholfen durch das zappendustere Sprachdickicht. Mittlerweile steht ja fest, dass hochrangige deutsche Schnüffler nicht einmal das Kürzel „NPD“ korrekt buchstabieren können, von „brauner Zelle“ und „rechtsextremem Sumpf“ ganz zu schweigen. Aber beim Stichwort „Juchtenkäfer“ springt der Fahndungsmotor sofort an. Wem soll man die Schuld geben? Die Sprache ist eben ein teuflisch vertracktes Zeichensystem. Das wissen die Terroristen nur zu genau.

In diesem kleinen Beitrag kommt mehrere Male das Wort „Bombe“ vor. Wir haben es vorsichtshalber in Anführungszeichen gesetzt. Da freuen sich alle Schnüffler, die auf diese schöne Zeitung abonniert sind. Denn Anführungszeichen sind das Allerletzte. Zynischer Terror pur.

Guy Rewenig
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