Bac-International

Nagelprobe

d'Lëtzebuerger Land vom 25.03.2010

Dass Schüler vor ihrem Abschlussexamen nervös sind, ist nichts Ungewöhnliches. Aber im Lycée technique du centre (LTC) sind dieser Tage auch die Lehrer gespannt wie Flitzebögen. „Es ist das erste Mal, dass wir ein solches Examen organisieren“, erklärt Netty Maas. Die Deutschlehrerin und Vizerektorin des hauptstädtischen technischen Lyzeums ist zugleich verantwortlich für den Bac international, den das LTC seit 2006 als erste öffentliche Schule in Luxemburg in Französisch anbietet. Das Abschlussexamen als Lackmustest: Sind die Jungen und Mädchen genügend vorbereitet? Außer dem LTC bietet noch die priva-te Waldorfschule das internationale Baccalauréat, das zum Universitätsstudium berechtigt, auf Französisch an – dort lagen die Erfolgsquoten bislang zwischen 95 und 100 Prozent. „Wenn wir die hätten, wären wir die Ruhe selbst“, scherzt Maas.

Wie realistisch das Traumergebnis ist, wird man im Juni wissen, wenn die Ergebnisse der Genfer Prüfungsjury zurück sind. Leicht wird es eher nicht, denn anders als in anderen BI-Ländern haben die Jugendlichen des LTC einen kleinen Nachteil: Die Prüfungssprache Französisch ist in der Regel nicht ihre Muttersprache, im Examen werden sie sich aber mit Muttersprachlern messen müssen. Die mündlichen Prüfungen, die in jedem Land nach demselbem Verfahren durchgeführt werden, sind sabgeschlossen, die Lehrer zufrieden: „Viele haben große Fortschritte gemacht“, weiß Maas.

Noch etwas kommt erschwerend für die Jungen und Mädchen der Luxemburger BI-Klasse hinzu: Wo in anderen Ländern Diplomaten- und Bankierskinder sich mit dem BI auf die Universität vorbereiten, sind es im LTC vor allem Einwanderer der ersten Generation. „Bei uns sind die Kinder nicht mit dem Hintern in Gold getaucht“, sagt Maas. Eine euphemistische Umschreibung für wirtschaftlich und/oder sozial benachteiligte Lebensverhältnisse. Weil sie es zu Hause mit dem Stiefvater nicht mehr ausgehalten hat, wohnt ein Mädchen in Bonneweg in einem betreuten Wohnprojekt, um dort in Ruhe lernen zu können. Zusammen mit ihren Klassenkameraden stellte sie am Mittwoch im Lycée selbst gefertigte Skulpturen aus Ton, Zeichnungen und Collagen dem Publikum vor. Auch einige Eltern sind gekommen, wenngleich nicht alle. „Meine Mutter versteht nicht wirklich, was ich an der Schule mache“, erzählt Schülerin Graciene und zuckt mit den Schultern. Einige haben in der Schule zum ersten Mal Solidarität erlebt, beim Lernen, auf gemeinsamen Ausflügen – das schweißt zusammen. Ebenso die Erfolge. Das Gala-Diner, das die Klasse im Rahmen ihres CAS-Projekts (créativité, action, service) vorbereitet hatte, war so ein Höhepunkt: Von der Planung, über die Organisation, das Kochen und das Servieren, alles wurde zusammen angepackt. Am Ende, nach einem, wie Lehrer Jérôme Vilm bestätigt, „vorzüglichen Essen“ kamen 1 600 Euro für einen wohltätigen Zweck zusammen.

Nun der Endspurt. Der ausführliche Essay, für den jeder Schüler ein Thema seiner Wahl recherchieren und analysieren soll, ist geschrieben und verschickt, ebenso die mündlichen Prüfungen, nun wird mit Hochdruck gebüffelt. „Die Zeit ist knapp und es ist wirklich viel“, stöhnt Magdalena. Einige sind in Zeitverzug geraten, das passiert, wenn man für das Timing selbst verantwortlich ist. „Es ist ein schmaler Grat zwischen zu viel oder zu wenig Anleitung“, sagt Mathelehrer Théo Linden. Im Vergleich zum herkömmlichen Examen werden weniger Fächer geprüft, aber ein Spaziergang ist der BI deshalb keineswegs: „Unsere Schüler arbeiten härter als andere“, betont Maas.

Für das zweijährige Programm, das die Genfer International Baccalaureat Organisation entwickelt hat, müssen die Schüler aus sechs Fachbereichen je drei Fächer von insgesamt 240 Stunden auf fortgeschrittenem Niveau und 150 Stunden auf Standardniveau wählen. Fünf Stunden Französisch und Englisch sind Pflicht; dazu kommen in unterschiedlicher Gewichtung Human- und Naturwissenschaften, Mathematik, Informatik und Kunst. Zuvor werden die Schüler in Übergangsklassen auf die neuen Anforderungen wie autonomes Lernen und externe Evaluation vorbreitet. Auch die Lehrer haben spezielle Ausbildungen durchlaufen. Wenn die Ergebnisse aus Genf im Juni zurückkommen, wird das daher auch ein Feedback für sie sein: Haben sie das nötige Rüstzeug mitgegeben?

Nicht jeder hält das hohe Tempo durch: Von anfänglich 21 Schülern, die sich angemeldet hatten, sind 13 geblieben. Die anderen haben das Handtuch geworfen: weil sie die Anforderungen nicht bewältigen konnten oder wollten. „Ich weiß nicht, ob ich mich noch einmal dafür entscheiden würde, es ist wirklich viel Lernen“, sagt Schülerin Graciene nachdenklich, aber auch stolz. Wen das BI interessiert: Der nächste „Tag der offenen Tür“ ist am 8. Mai von 9 bis 12 Uhr.

Was die Unterrichtsministerin nun im Rahmen der Sekundarschulreform für alle Schulen einführen will, gehört beim BI zum Standardprogramm: die Anleitung zu Eigenverantwortlichkeit steht im Mittelpunkt der mit geschätzten 5 000 Euro pro Kopf nicht ganz preiswerten Ausbildung. Der Schüler kann aus bestimmten Feldern verschiedene Kursen wählen. „Die Schüler denken selbstständiger“, sagt Lehrer Linden, der froh gewesen wäre, „wenn ich so etwas zur Vorbereitung auf die Uni gehabt hätte“. Dort gehören Referate halten und selbständiges Recherchieren zu den Kernkompetenzen. Nach vier Jahren Büffelei sollten die Schüler sie hoffentlich haben. Jetzt fehlt nur noch das Zeugnis.

Ines Kurschat
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