Cybermobbing

Das Netz als Waffe

d'Lëtzebuerger Land vom 24.01.2020

„Plötzlich war die ganze Klasse eine Gruppe. Und ich war außen vor“, beschreibt eine Schülerin das Gefühl von Ausgegrenztsein, das sie befiel, als sie in der Schule Zielscheibe von Cybermobbing wurde. „Das hat mich sehr verletzt, ich hatte ihnen doch vertraut.“ Klassenkameraden hatten ein falsches Facebook-Profil eingerichtet und darüber, mit ihrem Namen und ohne ihr Wissen, Nachrichten und Fotos verschickt. Diese traumatische Erfahrung sei der Grund, warum sie sich heute als Mediateurin am Lycée Aline Mayrisch gegen Mobbing jedweder Form einsetze.

Am Dienstag vergangene Woche hatte ihr Mediations-Team – Schüler der 3e ­– zu einer Podiumsdiskussion in den Festsaal der Schule eingeladen und sich dafür fachliche Unterstützung geholt. Rechtsanwältin Nora Dupont klärt auf: Es gebe in Luxemburg keinen Paragrafen, der Cybermobbing unter Strafe stellt. Aber seit einigen Jahren existiere ein Stalking-Verbot. „Wer jemanden permanent ungefragt Fotos und per Handy belästigt, ist die Grenze zum Stalking nicht weit“, ermahnt sie die geladenen Zuhörer, alles 5e-Schüler, eindringlich.

Wie schmal der Grat zwischen Lästern, zerstörerisches Heruntermachen und strafbares Belästigen ist und wie weit die Folgen von Cybermobbing für die Betroffenen reichen können, beschreibt Torsten Lehnert, Psychiater an der Jugendpsychiatrie der Klinik Kirchberg so: Jeder Fünfte sei durch das Online-Mobbing so stark belastet, dass er oder sie medizinisch-therapeutische Beratung suche. „Die Fälle von Kinder und Jugendlichen, die sich bei uns wegen Mobbing melden, nimmt zu.“ Die Folgen reichen von Selbstzweifel, Stress bis hin zu Angststörungen und Depression. In sehr schlimmen Fällen wüssten Jugendliche keinen Ausweg mehr und fügten sich selbst Verletzungen zu.

Damit es nicht so weit kommt, haben Schulen die Peer-Mediation ins Leben gerufen: „Wir gehen in Klassen. Wer uns lieber privat anspricht, kann dies per E-Mail tun“, erzählt eine Mediatorin. Dass Schüler ihresgleichen beraten, unterstützen oder auch mal rüffeln, ist Teil des Anti-Mobbing-Konzepts: Der Kontakt und die Konfliktlösung unter Gleichaltrigen soll helfen, Hemmschwellen abzubauen.

Aber kommen überhaupt Schüler? „Mich hat einer nach der Stunde angesprochen“, sagt eine Mediatorin. Im Vier-Augen-Gespräch versuche sie zu verstehen, wie weit das Mobbing geht. Ist der Täter bekannt, wird er oder sie zur Rede gestellt. Um besser zu verstehen, wie verletzend Mobbing ist und es in Zukunft zu verhindern, sollen sich beide Seiten aussprechen.

„Oft ist den Tätern gar nicht bewusst, was sie beim Opfer anrichten“, weiß Psychiater Lehnert. Je nach Schwere des Mobbings, etwa wenn unfreiwillig Nudes (Englisch für Nacktbilder) verschickt werden, wird dies dem Klassenlehrer gemeldet: „Wer Nacktfotos von Minderjährigen auf dem Handy empfängt und weiterschickt, ist im Besitz von Kinderpornografie“, warnt Rechtsanwältin Dupont. Und das ist strafbar. Wird ein Fall von Sexting oder Mobbing mit Nudes bekannt, bemüht sich die Schulleitung um äußerste Diskretion. „Wir möchten verhindern, dass die Geschichte Kreise zieht und sich das Opfer weiteren Blicken aussetzt“, erklärt Direktorin Carole Chaine. Oberstes Ziel sei es, das Mobbing oder Sexting zu unterbinden. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Wurde ein intimes Foto erst einmal ins Netz gestellt, ist es kaum mehr einzufangen, so schnell werden Bilder heute verbreitet. Die Luxemburger Vice-Journalistin Rebecca Baden beschrieb in einer preisgekrönten Reportage, wie es sich anfühlte, als ihr Ex-Freund Nackt-Selfies von ihr in der Schule leakte und ihr Teenager-Körper so über Nacht zum „Gemeinschaftsgut“ wurde.

Darum mahnen Experten von Bee-Secure, am besten gar nicht erst Nacktbilder zu verschicken. Denn selbst aus Snapchat, wo Bilder im Prinzip nach zehn Sekunden automatisch gelöscht werden, lassen sich Fotos herunterladen, und mit der Anonymität ist es auch nicht weit her: Wer ungefragt Penisbilder oder andere Nackt-Selfies von sich versendet, wer aus Rache intime Fotos des Ex-Partners verschickt, riskiert nicht nur eine Anzeige wegen Kinderpornografie oder sexueller Belästigung, sondern kann, je nach Kontext, auch wegen Erpressung angezeigt werden. Im schlimmsten Fall landen diese Fotos auf pornografischen Webseiten, wo sie von weiteren tausenden Nutzern geschaut werden. Wer mobbt, muss wissen: Freundschaften und Vertrauen gehen so kaputt, der Täter/die Täterin verletzt persönliche Grenzen. Und könnte mit einem Mal selbst zum Außenseiter werden.

Ines Kurschat
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