Die Popularität von Minecraft ist ungebrochen

Digitale Bauklotz-Fantasien

d'Lëtzebuerger Land vom 24.01.2020

Ja, auch ich habe immer wieder gerufen: „Seid ihr schon wieder auf Minecraft?!“, nachdem meine beiden Söhne vor sechs Jahren dieses Spiel entdeckt hatten. Dabei ist Minecraft weder ein Ballerspiel, noch blendet es Werbung ein. Aber ein Suchtpotenzial schien es zu haben. Für einen Erwachsenen auf den ersten Blick unverständlich: Die Welt von Minecraft sieht klobig aus, wie aus schlecht digitalisierten Lego-Steinen zusammengesetzt. In der Zeit verglich ein Feuilletonist das mit Robinson Crusoe: Ein Strand ist von grünen Hügeln umgeben, im Hintergrund ragen Felsen empor. Der Spieler kann sich vorkommen wie ein Schiffbrüchiger, er erkundet eine unbekannte, menschenleere Umgebung und dringt immer tiefer in sie ein. Alles besteht aus Quadern. Die Sonne ist ein kleines grelles Quadrat, und Wolken ziehen als längliche hellgraue Quader am Himmel.

„Wer Minecraft spielt, ist kreativ!“, insistierten meine Söhne, und das stimmt. Eine vorgegebene Geschichte gibt es nicht – nur die Anfangswelt, die die Spieler vorfinden, sie umgestalten und in die sie ihre eigene Welt hineinbauen; immer Block für Block. Dafür setzt Minecraft kaum Grenzen. Eine Riesenpalette von Materialien steht zur Verfügung, von Holz und Lehm bis hin zu Feuer und Eis; desgleichen viele Werkzeuge, von Schaufeln und Hacken bis hin zu TNT-Sprengladungen. Es gibt Einrichtungsgegenstände, zum Beispiel für Wohnungen oder für Werkstätten, darunter so spezielle wie einen „stark abgenutzten Amboss“. Auf dem kann, wer will, schmieden: Gefundene Elemente weiterverarbeiten zu können, ist noch ein Charakteristikum des Spiels. Wie sein Name suggeriert, geht es um das to craft – Strukturen zu schaffen und selber herauszufinden, wie sie funktionieren und mit anderen in Beziehung treten.

Dass Minecraft zum Phänomen werden könnte, deutete sich schon an, nachdem der schwedische Videospiele-Designer und Programmierer Magnus Persson es 2009 vorgestellt hatte und erste, noch gar nicht fertige Versionen davon vertreiben ließ: 700 000 Menschen luden sich in kurzer Zeit die damals kostenlose Classic-Version herunter, in der man lediglich vor sich hin baute. 2010 gab es den „Survival Mode“ nur als Alpha-Version für 9,95 Euro, aber Hunderttausende orderten sie innerhalb kurzer Zeit. Der Überleben-Modus reichert das Spiel um einige Reize an: Dort gibt es Tag und Nacht, die mitunter sehr schnell wechseln, Regen und Schneefall, die unvermutet einsetzen können, aber auch Monster, die abgewehrt werden müssen, um die selbstgebaute Welt zu schützen. Neuerdings bietet Minecraft auch einen Abenteuer-Modus, bei dem im Hintergrund noch mehr künstliche Intelligenz waltet: Wer Lust hat, kann Monster nach Wahl ins Spiel setzen, sogar große „Zerstörer“, und die Auswahlpalette, aus der mit Drag and Drop Elemente auf den Bildschirm gezogen werden können, enthält unter anderem Wesen mit einem gewissen Rollenverhalten: Wer beispielsweise einen Fuchs und ein Huhn ins Spiel bringt, kann beobachten, wie der Fuchs das arme Huhn jagt und frisst.

Eltern mag verstören, dass Minecraft nicht ohne Räuber und Beute auskommt, aber dystopisch sind die Welten, die sich damit erschaffen lassen, keineswegs; jedenfalls nicht von vornherein. Dass in Minecraft mit Blöcken hantiert wird, lässt an Bauklötze denken. Die Grafik des Spiels, die auf einer eigentlich ganz altmodischen 16-Bit-Architektur beruht, erinnert an die Gründerjahre der Home Computer von Commodore und Atari. Auch heute, da Minecraft mehr als 180 Millionen Mal verkauft wurde (Stand Mitte 2019) und als das meistverkaufte Computerspiel gilt, hat sich an dem Block-für-Block-Ansatz nichts geändert. Mittlerweile läuft Minecraft nicht nur auf PCs, Tablets, Smartphones und der Xbox, sondern auch auf dem Computer-Winzling Rapsberry Pi.

Vermutlich hat die immense Popularität dieses Spiels bei Kindern nicht nur damit zu tun, dass die Klötzchen-Welten so einfach sind, dabei andererseits die Gestaltungsmöglichkeiten riesig, sondern auch damit, dass Minecraft dazu einlädt, selbst abwegige Einfälle auszuprobieren: Etwa, auf einer grünen Wiese herumstehende Klötzchen-Schafe mit einer Ladung TNT in die Luft zu jagen. Dass so etwas schlecht sei für Kinder, scheint die Medienwirkungsforschung bisher noch nicht klar festgestellt zu haben. Stattdessen kommen Studien zum Schluss, dass Minecraft das räumliche Abstraktionsvermögen bei Kindern fördert und zum Verständnis von Bauen und von Planen beiträgt. Eine Schule in Stockholm machte Minecraft deshalb zum Pflichtfach für 13-Jährige. Und das Habitat-Programm der Vereinten Nationen rief eine Initiative ins Leben, bei der in Nairobi Kinder und Jugendliche mit Minecraft ihren Vorstellungen von Wohnvierteln Gestalt gaben, auf dass die anschließend von Architekten und Stadtplanern in die Realität umgesetzt würden. Vom Massachusetts Institute of Technology wird empfohlen, dass Eltern, die sich Sorgen machen, Minecraft einfach gemeinsam mit ihren Kindern spielen sollten. Und dabei herausfinden, wann Zuviel zu viel ist.

In den Jahren seit dem ersten offiziellen Release des Spiels als fertige Version im November 2011 entstanden nicht nur spektakuläre Minecraft-Welten wie der Eiffelturm oder eine antike Maya-Stadt. Von einem Ein-Mann-Unternehmen wird das Spiel längst nicht produziert. Schöpfer Magnus Persson gründete bald nach dem nicht so ganz erwarteten kommerziellen Erfolg seiner Alpha- und Beta-Versionen eine Firma, die Mojang Studios. 2014 kaufte Microsoft Mojang für 2,5 Milliarden US-Dollar auf. Der Konzern pflegt die Minecraft-Software nicht nur, lässt sie weiterentwickeln und stellt Updates bereit – er führte 2017 auch In-App-Käufe und einen „Marketplace“ in das Spiel ein. Was, wie im September vergangenen Jahres die deutsche Stiftung Warentest fand, so organisiert ist, dass Minecraft „aus der Perspektive Zehnjähriger inakzeptabel“ sei. In anderen Worten: Besorgte Eltern sollten aufpassen, wofür der Nachwuchs um Finanzierung ersucht. Und die eigenen Kreditkarten-Daten besser nicht im Spiele-Account der Kids abspeichern.

Peter Feist
© 2020 d’Lëtzebuerger Land