Wo Hafermilch und Agavensaft fließen

d'Lëtzebuerger Land vom 15.09.2017

Wer hätte gedacht, dass die Milch Stoff für eine derartige Debatte sein könnte? Als die Regierung vergangene Woche das neue Schulmilchprogramm ankündigte, zeigte sich, dass die Luxemburger Gesellschaft, die Gesetze zur Einführung der Euthanasie, zur gleichgeschlechtlichen Ehe oder zur Lockerung der Abtreibungsbestimmungen, ziemlich gelassen hingenommen hat, nicht komplett abgestumpft ist. Denn beim Thema Schulmilch kochen die Gemüter über. Das beschränkt sich nicht nur auf die Kommentarrubrik bei RTL.lu, das kann man im richtigen Leben testen, indem man das Thema in einer Runde von minimum drei bis vier Personen zur Sprache bringt.1 Dann stellt sich flugs heraus, dass das Thema (Schul-)milch zwischen verschiedenen Gesellschaftsgruppen ungefähr die gleiche Wirkung hat, wie die Grüne Linie auf Zypern oder der 38. Breitengrad zwischen den beiden Koreas: stark vermintes Terrain, das eine unüberwindbare Grenze bildet.

Zumal die Regierung mit ihrer Anti-Zucker-Politik die Neuauflage des Schulmilchprogramms nutzen will, um gezuckerte Getränke aus den Grundschulen zu verbannen. Damit riskiert sie, sich alle jene definitiv zum Feind zu machen, die Schocki, also mit Kakao und Zucker angereicherte Milch, für ein unverzichtbares Grundnahrungsmittel halten. Die Schocki-Fraktion wittert die „endgültige Entmündigung der Bürger durch die da oben, die jetzt auch noch kontrollieren wollen, was wir essen, ohnehin darf man nicht mehr rauchen und man darf nicht mehr Auto fahren, wenn man ein Bier getrunken hat, und jetzt wollen sie auch noch den Kühlschrankinhalt überwachen, nichts darf man mehr und es wird nicht lange dauern, dann schicken sie auch noch Kontrolleure ins Schlafzimmer, um zu überwachen, dass der Sex ordnungsgemäß abläuft, ein Polizeistaat ist das...“

Dann gibt es diejenigen – meist haben sie schon ein paar Jahrzehnte in den, dank Milchkonsum noch gar nicht porösen Knochen –, die sich mit einer guten Dosis Nostalgie an die eigene Schulmilch und damit an die eigene Kindheit erinnern. „Damals hatten wir noch nicht so viel, da waren wir dankbar, wenn wir uns die Joffer ein Glas Milch gegeben hat.“ Früher war eben alles besser, auch die Milch.

Das zumindest finden die Gegner der Schulmilch, die alle Schulmilchbefürworter, wenn nicht für asozial und gemeingefährlich, so doch zumindest für naiv, sowie schlecht informiert bis wenig gebildet halten. Denn da gibt es Verschwörungstheoretiker, die die Regierung verdächtigen, mit der „Milchlobby“ im Bunde zu sein und, dass sie ihr „das Geld die Strass hinunterschüttet wie den Kindern die Milch. Und wer zahlt dafür? Natürlich die Steuerzahler“.

Solche Aussagen bringen das Bildungsbürgertum ganz schön in Wallung. Schließlich weiß es, dass der Marktpreis den Produzenten kein Auskommen bietet und kauft deshalb seit dem großen Milchstreik abwechselnd Milch von der Luxlait, von der Biog und „faire Milch“, um allen Landwirten seine Unterstützung zuteil werden zu lassen, immer bedauernd, dass die Luxlait keine faire Biomilch produziert.

Daneben gibt es diejenigen, die Schulmilch aus gesundheitlichen Gründen kategorisch ablehnen. Entweder, „weil die Milch heute total verpestet ist“. Die Kinder sollen „Wasser vom Hahn trinken. Das ist viel gesünder“, finden diejenigen, die offensichtlich die Nachricht von der großen Pestizid-Verschmutzung des Stausees vor ein paar Jahren verpasst hatten und auch sonst recht wenig Ahnung über den Zustand des Quellennetzes zu haben scheinen.

Schließlich gibt es noch diejenigen, die Milch an sich für Teufelszeug halten, im Bioladen für ein Vermögen Ersatzprodukte wie Mandel-, Haselnuss-, Reis-, oder Hafermilch kaufen und prinzipiell beim Backen (mit Vollkornmehl) Rohzucker durch Agavendicksaft ersetzen2. Für diese Aufgeklärten ist ein öffentlich finanziertes Schulmilchprogramm in etwa so, als ob das Lehrpersonal auf Geheiß des Bildungsministers Crystal Meth als Pausen-Snack verteilen würde. Und kontrollieren würde, dass alle Kinder brav ihre Drogen genommen haben. „Es gibt doch so viele Studien, die heute belegen, dass Kuhmilch gar nicht gesund ist. Die Asiaten und die Afrikaner, die trinken doch keine Milch – das ist doch der Beleg, dass man keine braucht. Gibt es dann auch Produkte für Kinder mit Laktoseintoleranz? Na hoffentlich MÜSSEN die Kinder die Milch nicht trinken, das wäre ganz schlimm.“ Allergien, Haut- und Verdauungsprobleme, Übergewicht und Diabetes; bis hin zu Krebs kreiden sie der Milch, diesem Übel der westlichen Zivilisation, alle möglichen Krankheiten an.

Noch einen Schritt weiter als die besorgten Mütter, die in der Nebenausbildung Lebensmittelwissenschaftler sind, gehen die (gerne auch männlichen) Tierschützer, die finden: „Kuhmilch ist für Kälber gedacht und den Kühen werden die Kälber genommen. Die Kuhmilch ist von Natur aus kein Nahrungsmittel für den Menschen. Die einzige Milch, die der Mensch braucht, ist die Muttermilch.“ Von da schwenkt die Diskussion dann schnell zur Frage, in welchem Alter Kinder abgestillt werden sollten. Vielleicht wäre es ein guter Moment, wenn sie in der Lage sind, „pasteurisiert“ richtig zu buchstabieren – dann hat sich die Debatte um die Verteilung von Schulmilch auf jeden Fall erledigt.

1 Dieses Experiment führen Leser auf eigene Gefahr durch. Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für Folgeschäden. Hier aber ein paar Fakten, die man versuchsweise in die Debatte einwerfen kann, wobei nicht gewiss ist, ob sie zur Beruhigung oder zum Anheizen dienen: Ja, die Schulmilchprogramme werden von der EU gefördert und die Programme wurden in den Siebzigern eingeführt, um erstens die Milchnachfrage zu stützen und zweitens zur gesunden Ernährung beizutragen. Bisherige, von der EU in Auftrag gegebene Auswertungen kommen zu keinem eindeutigen Schluss, ob diese Ziele erreicht werden, da die Mengen im Vergleich zum Milchabsatz insgesamt bescheiden sind. Förderfähig sind weiterhin milchbasierte Getränke und Produkte, denen bis zu sieben Prozent Zucker beigemischt wurde, sowie laktosefreie Produkte und im Reglement gesondert erwähnt: Peccorino und Parmesan. Die Schulmilch ist keinesfalls überall kostenlos, die Entscheidung treffen jeweils die nationalen und lokalen Behörden. Diesmal wird die Regierung, die die Kosten übernimmt, eine Ausschreibung vornehmen. Ob es Luxlait, Biog oder vielleicht eine andere Molkerei sein wird, die die Schulmilch liefert, steht noch nicht fest.

2 Auf EU-Ebene überlegen Landwirtschaftsverbände, für ein Verbot der Aufschrift „Milch“ auf solchen Flüssigkeiten zu kämpfen

Michèle Sinner
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