Der Start des Luxembourg Future Fund war von Pleiten, Pech und Pannen begleitet. Sechseinhalb Jahre nach seiner Vorstellung sind noch nicht alle Probleme gelöst

Reisegeschwindigkeit

d'Lëtzebuerger Land vom 29.06.2018

Anfang 2012 stellten Wirtschaftsminister Jeannot Krecké (LSAP) und Finanzminister Luc Frieden (CSV) zusammen den Luxembourg Future Fund (LFF) vor. Es war eine der letzten großen Gesten Kreckés als Minister, bevor er sein Amt an Etienne Schneider abgab (LSAP) und sie sollte Symbolcharakter haben. Mitten in der Krise sollte in die Zukunft investiert werden, 150 Millionen Euro, davon 120 Millionen Euro von der öffentlichen Förderbank SNCI und 30 Millionen Euro vom European Investment Fund (EIF). Eines der Hauptanliegen dabei war, direkt in innovative junge Unternehmen zu investieren. Dann aber zog sich der Aufbau des Fonds so lange hin, dass sogar nicht unbedingt für ihre regierungskritische Haltung bekannte Medien begannen, sich darüber lustig zu machen. Das groß angekündigte Projekt riskierte vollends zum PR-Debakel zu werden, als der Wunschkandidat der Regierung, der Skype-Unternehmer Gerard Lopez, der Start-Ups zur Direktbeteiligung hatte auswählen sollen, durch die Due-Dilligence-Prüfung der Partner vom EIF fiel.

Zum jetzigen Zeitpunkt, sechseinhalb Jahre später, ist nicht wirklich klar, wie viel Geld wohin geflossen ist, in welche Unternehmen im Endeffekt investiert wurde und was genau diese Unternehmen machen. Vielleicht ist dies ein rein administratives Problem, aber dennoch ist es eines. Denn der Dachfonds Paladin European Cyber Fund SCSP-SIF, dem im Februar 2016 vom LFF 20 Millionen Euro versprochen wurden, das größte bisher öffentlich gemachte Engagement des LFF, um im Bereich der Cyber-Sicherheit zu investieren, ist durch seine besondere Gesellschaftsform nicht verpflichtet, beim Handelsregister jährliche Bilanzen abzugeben, in denen zu prüfen wäre, welche Fonds und Firmen er finanziert.

Das ist deswegen besonders pikant, weil im Management der Paladin Group, der US-Firma, der der Paladin European Cyber Fund SCSP-SIF über mehrere Zwischenfirmen in Luxemburg und den Cayman Inseln gehört, ein gewisser Lt. Gen. (Ret) Kenneth A. Minihan sitzt, in dessen Lebenslauf steht: „He retired from the U.S. Air Force on June 1, 1999, after more than 33 years of active commissioned service to the nation. On his final tour of duty he served as the 14th Director of the National Security Agency/Central Security Service, a combat support agency of the Department of Defense with military and civilian personnel stationed worldwide.“ Minihan ist also ein ehemaliger Direktor des größten US-Auslandsgeheimdienstes NSA, der, wie 2014 bekannt wurde, sehr wahrscheinlich sogar das Telefon der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel abhörte. Spätestens seit dem Skandal um die illegitime Verwertung von Facebook-Nutzerdaten durch die Firma Cambridge Analytica wäre es gut zu wissen, welches Geschäftsmodell die Cyber-Sicherheits-Start-Ups verfolgen, die über den Paladin European Cyber Fund SCSP-SIF öffentliche Fördergelder von der SNCI erhalten.

Dass es eine solche Rechenschaftspflicht gegenüber der Öffentlichkeit gibt, sieht auch der Verwaltungsratspräsident der SNCI und des LFF, Patrick Nickels, so. Doch Nickels ist, genauso wie die Mitarbeiter des EIF, die beim LFF die Investitionsberatung übernehmen, an Vertraulichkeitsklauseln gebunden, die es ihnen unmöglich machen, etwas über die Beteiligungen, die der Paladin European Cyber Fund genommen hat, Aufschluss zu geben. Das könnten nur die Vertreter des Fonds selbst, beziehungsweise die Cyber-Sicherheitsfirmen, in die der Fonds investiert hat – wenn Fonds und Start-Ups dazu bereit wären. Der EIF, Teil der Europäischen Investitionsbank, der Milliardeninvestitionen in europäische KMU abwickelt, organisiert regelmäßig Foren, in denen sich Risikokapitalfonds sowie Start-Ups, die von ihnen Geld erhalten, vorstellen. Ein solches Forum mit den Firmen zu organisieren, die direkt oder indirekt Geld vom LFF erhalten, wäre vielleicht eine Möglichkeit, für etwas mehr Transparenz zu sorgen, wenn auch keine wirklich zufriedenstellende.

Ziel und Zweck des LFF ist an erster Stelle, sogenannte Spillover effects zu erreichen. Wenn Luxemburger Geld investiert wird, soll sich das positiv auf die heimische Wirtschaft auswirken, indem sich neue Firmen aus dem Ausland hier niederlassen, Personal einstellen, dazu beitragen, die vorhandenen Kompetenzen in bestimmten Bereichen ­– Fintech, Cyber-Sicherheit und Weltraumtechnologien – auszubauen und dadurch die Attraktivität des Standorts fördern, damit sich andere Firmen ebenfalls hier niederlassen. Diese Auflagen, versichert Patrick Nickels, sind vertraglich festgehalten – sie sind wahrscheinlich eine der Ursachen dafür, dass es so lange gedauert hat, überhaupt Anlagemöglichkeiten für den LFF zu finden.

„As part of this investment, Paladin, with its worldwide national security and specialized competence experts, will work with the Luxembourg government in developing a world class cyber center to attract the best and the brightest investors, educators, innovators and entrepreneurs to Luxembourg“, sagte Micheal Steed von Paladin beim Closing im April 2017, als der Fonds die Phase abschloss, in der er Geld einsammelte. Der Paladin European Cyber Fund ist in Luxemburg angesiedelt und wird von der CSSF kontrolliert. Die Management Gesellschaft des Fonds, die eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung ist, ebenfalls. Sie hat, wie alle anderen Gesellschaften mit beschränkter Haftung der Paladin-Gruppe in Luxemburg, ebenfalls keine Bilanzen beim Firmenregister hinterlegt, seit sie 2015 gegründet wurden, was sich als Investi­tionspartner der nationalen Förderbank nicht besonders gut macht. Eine Adresse mit Briefkasten existiert in Kirchberg, doch auf der Webseite der Paladin Capital Group ist keine Luxemburger Niederlassung aufgeführt. Eine Bitte um Rückruf beim Londoner Büro, um Aufschluss über das Investitionsportfolio der Paladin European Cyber Fund zu erhalten, blieb bis Redka­tionsschluss unbeantwortet.

Mit der Struktur des LFF begab sich die SNCI auf völliges Neuland in der Art, wie sie in die nationale Wirtschaft investiert. Der FLL ist ein Fonds mit drei Kompartimenten: Das erste ist Investitionen in Risiko-Kapital-Dachfonds wie die Paladin European Cyber Fund vorbehalten, und mit einem Umschlag von 50 Millionen Euro bestückt, das zweite hält 90 Millionen Euro für direkte Co-Investitionen mit Risikokapitalfonds an Start-Ups bereit und das dritte sieht zehn Millionen Euro für gemeinsame Investitionen mit sogenannten Business Angels vor – insgesamt also 150 Millionen Euro.

Abgesehen von den 20 Millionen Euro, die Paladin versprochen wurden und nach und nach gezogen werden, je mehr der Fonds investiert, wurden bisher zwei Investitionen bekannt gegeben und auch dabei gab es Pleiten, Pech und Pannen. „Luxembourg Future Fund: Spire raises additional $70M and opens a European HQ in Luxembourg“, lautete der Titel als die Beteiligung des LFF am Weltraumtechnologie-Unternehmen Spire vergangenen November bekannt gegeben wurde. Das verleitete dazu anzunehmen, Spire erhalte 70 Millionen Dollar vom LFF, eine Falschnachricht, die nie korrigiert und noch vor drei Wochen im Paperjam wiederholt wurde. Dass es völliger Irrsinn wäre, einen derart großen Teil der verfügbaren Mittel des LFF in eine einzige Firma zu investieren, fiel anscheinend niemandem auf. Dabei, bestätigen Vertreter des EIF gegenüber dem Land, sehen die internen Regeln des LFF vor, dass von den 90 Millionen im zweiten Kompartiment, aus dem die Spire-Beteiligung finanziert wird, maximal 20 Prozent an eine einzelne Firma gehen dürfen, sprich 18 Millionen Euro. Spire hat sich in Luxemburg niedergelassen und 70 Millionen Dollar Kapital bei verschiedenen Investoren eingesammelt, wovon einer der LFF ist. Der CEO, Peter Platzeck, sei vor Ort, berichtet Patrick Nickels, und er suche nach qualifiziertem Personal, das er, getreu den LFF-Auflagen, einstellen kann.

Zusammen mit dem Risiko-Kapitalfonds Lakestar hält der LFF außerdem eine Beteiligung an der Firma Crosslend und, so der Stand zum Ende des Geschäftsjahres am 31. März 2017, für 3,5 Millionen Euro eine Beteiligung von 13,48 Prozent an der deutschen Firma gekauft. Die Luxemburger Filiale von Crosslend machte erst diese Woche Schlagzeilen. „Crosslend and BCEE announce collaboration“, lautete die Meldung an die Luxemburger Medien. Die Firma hat bei der CSSF eine Zulassung als Verbriefungsgesellschaft erhalten und stellt ihre IT-Plattform in den Dienst der Banque et Caisse d’Épargne de l’État. Darüber sollen Kredite an Luxemburger KMU verbrieft, also in Wertpapiere umverpackt werden, die dann an Investoren weiterverkauft werden können. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, die ihren Ursprung darin hatte, dass amerikanische Hypothekenkredite zahlungsunfähiger Kreditnehmer verbrieft und weiterverkauft wurden, versicherten Luxemburger Banken jederzeit und zu allen Seiten, in Luxemburg würde „so etwas“ nicht gemacht. Heute nennt sich das „Fintech“, die staatliche Förderbank investiert darin und die Staatsbank BCEE glaubt über diesen Weg, Luxemburger KMU neue Zugangsmöglichkeiten zu Finanzierungsquellen zu eröffnen.

Die Konten für das am 31. März 2018 abgeschlossen Geschäftsjahr sind noch nicht definitiv, daher muss LFF-Präsident Patrick Nickels Vorsicht bei allen Aussagen walten lassen. Doch inzwischen seien ein gutes Drittel der insgesamt 150 Millionen Euro zugeteilt, die dem LFF zur Verfügung stehen. Damit habe der LFF im vergangenen Geschäftsjahr den notwendigen Rhythmus für Investitionsentscheidungen erreicht, um wie vorgesehen bis 2020 seine Mittel zu platzieren. Wenn Nickels nun noch eine Möglichkeit fände, um konsequent Aufschluss darüber zu geben, wohin, wäre der LFF nach langer Zeit endlich auf Reisegeschwindigkeit.

Michèle Sinner
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