Vom Burkini

Undress Code

d'Lëtzebuerger Land du 09.09.2016

Die Seele Frankreichs trägt einen Bikini. Oder nichts, zumindest ist das die theologische Interpretation von Marine Le Pen. Ein gepanzerter Muttibadeanzug ist der Seele Frankreichs vermutlich auch noch zuzumuten. Einen Burkini trägt die französische Seele aber keinesfalls.

Starker Stoff, man kommt davon gar nicht mehr runter. Manche wollen jetzt sogar runter. Aus Solidarität. Aus Schwestern-Soli. An europäischen In-Spots, in London und Berlin und Wien, treffen sich Menschen, denen die Freiheit ein Anliegen ist. Was sollte sie daran stören, dass ihre Schwestern sich lieber betucht ins nasse Element begeben? Das kann ihnen egal sein, denken sie, es ist gleich und gültig, die eine so, die andere so, die eine im Evaskostüm, die andere im Kostüm, das Adam für sie entworfen hat. Und das sie sich überstülpen, freiwillig, es ist ihnen einfach lieber. Und warum sollen sie sich dafür rechtfertigen, tausend Argumente aufzählen oder auch nur eins, für ihren freien Entschluss?

„Wir schwimmen, wie wir wollen“, hat am Wiener Donaukanal am Badeschiff zum Swim-In aufgerufen. Später wird die Zeitzeugin in den Medien bunte Gesell_innen sehen, die fröhlich, in allen Wäschevariationen, eine Polonaise vollführen. Zwei Stunden nach Veranstaltungsbeginn sieht sie ein paar Frauen, die am Rand des kleinen Pools herumstehen. Bis auf eine tragen sie einen Burkini, nur einer weist Feuchtigkeitsspuren auf, zu kalt zum Schwimmen.

Mit Klamotten ins Wasser zu gehen, sicher nicht allzu verlockend? Habe ich mit dieser Frage eine Grenze überschritten, den Rechtfertigungszwang aktiviert? Aber wie soll ich meine unverhüllte Neugierde diskret verhüllen? Nein, sagen die Frauen, mit wäre nicht kälter als ohne. Auch die Frage, ob Kleidung nicht runterziehe, unbequem sei, jeder, der mal ungeplant ins Wasser plumpste, hat schließlich Erfahrungswerte, wird verneint. Mein Haupteinwand, der nur beim Pool-Schwimmen gilt, ist ein hygienischer. Auf FB wurde er als verdeckt rassistisch eingestuft, er ist bald entkräftet. Das sei Neopren, mindestens so hygienisch wie Menschenhaut. Und die Männer in schlabbrigen Bermudabeinkleidern?

Badende mit Gesichtsverhüllung wurden in unseren Breiten noch nicht gesichtet, was könnten also selbst Niqab-Gegnerinnen dagegen haben, wenn Geschlechtsgenossinnen in voller Montur schwimmen? Wenn sich jemand mit religiösen Symbolen belädt, mit tonnenschweren Kreuzen auf behaarter Brust, wie und womit betucht auch immer, wen hindert das, sich daneben unbeschwert mit Haut und Haar und Leib und Seele Sonne und Wasser hinzugeben?

Eine Prinzipienfrage ist nicht auszumachen. Aber wenn manche Vorortbäder, manche Flussabschnitte zunehmend von weiblichen Wesen bevölkert werden, die sich keine Blöße geben, wenn der Mainstream zunehmend von ihnen besiedelt wird, schauen die anderen plötzlich nackt aus. Ist dieses Be-Denken altbackenem Feminismus geschuldet? Der Prüderie-Paranoia verkohlter FKK-Greisinnen?

Die großen Handelsketten setzen jedenfalls voll auf den Hype. Burkini ist cool, und mitten in die Debatte platzt die Aussage eines renommierten Hautarztes, der Burkini könnte langfristig das Hautkrebsrisiko entscheidend senken. Außerdem sei er von einer Australierin als Sonnenschutz entworfen worden, die Hälfte der Käuferinnen trage ihn aus Vorsorgegründen. Inwieweit Männer vorsorgen, wird nicht erwähnt.

Männer! Freie Frauen dürfen entscheiden, wie sie sich wo kleiden. Nach den ekelhaften Szenen am Strand in Frankreich, in der uniformierte und bewaffnete Männer einer Frau eine Blöße aufzwingen, eine Buße auch noch, ist das ein schöner, schwesterlicher und auch brüderlicher Reflex. Ja, das stimmt. Wenn es stimmt. Aber selbst dann ... Selbst dann: Ist es nicht ein bisschen übertrieben, dass Frauen, die sich freuten, dem Joch des Puritanismus entronnen zu sein, euphorisch mit femininistischen Slogans an der Seite von selbstbewussten Burka-Babes und Burkini-Nixen kampagnisieren?

Die Zeitzeugin ist ein Elementarwesen. Habt ihr keine Lust darauf, das Wasser zu spüren, die Sonne, den Wind? Auf diese Frage antworteten die Burkini-Frauen nicht wirklich, und plötzlich kam sie sich primitiv vor.

Michèle Thoma
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