Mart, Colette: Frau im roten Sand

Erinnerungen im Erzählstil

d'Lëtzebuerger Land du 11.08.2005

In den dreizehn Erzählungen, die Colette Mart unter dem Titel Frau im roten Sand veröffentlicht, kristallisieren sich verschiedene Aspekte der Frauenbewegung. Colette Mart fängt die Geschichten von einigen Frauen auf und verarbeitet sie in ganz persönlicher Weise in ihren Erzählungen. Da ist zum Beispiel Marie, die Großmutter, von der die Autorin meint, die Frauenbewegung sei an ihr vorbeigegangen. Trotzdem führte Marie, damals schon, selbständig einen Laden. Marie riet der Enkelin an, den Traum vom Fliegen und vom Sprachenstudium zu vergessen. Ihre Worte hängen noch heute wie ein Fluch über der Autorin, den sie jedoch in ihrem Leben zum Teil schon besiegt hat. Colette Mart hat Kommunikationswissenschaft studiert. Träume hat sie sich bewahrt, zum Beispiel den der Gründung eines Frauenbuchverlags. Ein bisschen verloren sucht Colette Mart die Ehleringer Straße in Esch auf, in Richtung Elektrizitätswerk. Dort findet eine Einweihungsfeier statt. Erinnerungen an die Kindheit kommen auf, denn die Autorin ist dort aufgewachsen. So sieht sie sich als Mädchen mit dem roten Zopf auf der Apothekertreppe sitzen. Die Gegend hat sich verändert. Das Leben auch. Ein Hauch von Melancholie liegt über den Zeilen. Im Meerland bilden die Erinnerungen an "eine Zeit, die uns später verloren ging, wie so viele andere Dinge und wie das Leben selbst" den roten Faden. So führt uns die Autorin durch das Meerland, die belgische Küste hin zu Zeebrugge, Knokke und Bredene. Mir ihren Erinnerungen schweift sie in den Dünen, der Meereslandschaft, an der Küste entlang und fachsimpelt über den Grabenkrieg in Ypern, im flämischen Hinterland. Vielleicht hat damals dort das Zittern in Großmutters Nacken eingesetzt, vielleicht aber auch dadurch, dass sie als Kind von ihrem Bruder geschlagen wurde. Nach Brüssel nimmt Colette Mart uns mit, wo sie wieder von einer Baustelle daran gehindert wird, wie üblich über die Toison d'Or, am Königspalast und an der Albertina vorbeifahren zu können, und stattdessen in der Avenue Louise landet. Die Autorin verliert sich nicht in endlosen Naturbeschreibungen, sondern es gelingt ihr eine glückliche Synthese zwischen Stadt, Häusern und Natur. Auch die Erinnerungen verwebt sie geschickt in verschieden Episoden ihres Lebens. So erzählt sie gleichzeitig von dem siebenjährigen Mädchen in Brüssel und der später neunzehnjährigen Studentin. Ein Vorort in Gent, und auf der Autobahn platzt ein Reifen. Drei Kinder sind im Auto, die Tochter Vanessa, der Sohn Raphael und die Nichte Sarah. Colette Mart baut Erinnerungen an einen früheren Autounfall mit ein. Man merkt, die Autorin ist eine gute Pädagogin im Umgang mit den drei Kindern. Auch hier ist die Erzählung konzentriert. Das Leben kann umkippen, der Leser fühlt mit. Colette Mart vermischt Gegenwart und Vergangenheit bis ins kleinste grammatische Detail. Dem Leser obliegt es, sich Klarheit über die jeweilige Sphäre zu verschaffen. Der Erzählstil ist nicht unbedingt leicht zugänglich, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft greifen fortwährend ineinander. Der Leser muss daraus einzelne Bilder aufbauen, um mit der Autorin mitzudenken. Oft versinkt die Autorin in die Vergangenheit und hält ihren Satzbau trotzdem im Präsenz. Immer wieder spricht sie von den "Kippen des Lebens". Die Autorin versucht, eine Synthese zu machen zwischen all den Orten ihrer Reisen, sei es New York, sei es die belgische Nordsee oder etwa der Züricher See und ihrer Heimatstadt Esch. Ihre Träume trägt sie überall bei sich. Auch Max Frischs' Menschenfiguren befinden sich in ihrem Kopf und dem ihrer Freundin Cynthia: "Sie haben in unserem Leben Platz genommen, sie haben uns die Frigidität, die Impotenz, die eheliche Untreue, die Versagensängste der Männer und der Frauen über den Kopf gestülpt." Frau im roten Sand ist mit Fotos ausgestattet, die Escher Fotos sind von Marie-Georgette Mousel, die Auslandsfotos von F. und Colette Mart selbst. Die Autorin zeugt darin von einer außergewöhnlichen Begabung, mit Licht und Schatten umzugehen. Die Erzählungen sind in den Jahren zwischen 1997 und 2004 entstanden, wovon die Indianerpuppengeschichte schon einmal veröffentlicht wurde. Die Titelgeschichte Frau im roten Sand ist 1989 geschrieben worden. Sie beinhaltet Colette Marts gedankliche Auseinandersetzung mit Christianes Krebserkrankung und der fast simultanen Geburt ihres eigenen toten Kindes.

Colette Mart: Frau im roten Sand - Kurzgeschichten; Éditions Carrière 2005; 125 Seiten; 16 Euro; ISBN. 2-87978-035-7

 

Carmen Heyar
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