Senioren-Wohngemeinschaften

Zusammen stärker

d'Lëtzebuerger Land du 14.02.2020

„Chez soi parmi les autres“ ist der Leitspruch von Nouma.lu, und er fasst die Philospohie des kleinen gemeinnützigen Vereins mit eigenem Webauftritt gut zusammen: Es ist das einzige angeleitete Projekt in Luxemburg bisher, das es sich zum Ziel gesetzt hat, ältere Menschen zu einer Wohngemeinschaft zusammenzuführen – und dies bislang ohne staatliche Unterstützung.

Obwohl erst 2016 ins Leben gerufen, gibt es bereits die ersten Erfolgsmeldungen: In drei Jahren soll die erste Alten-Wohngemeinschaft in ihr neues Zuhause einziehen. Testballon wird eine Wohnungsanlage in Lorentzweiler, ein Neubau, in dem zwölf Eigentumswohnungen entstehen sollen. Plus Gemeinschaftsräume, die die Parteien zusammen nutzen können. „Fünf bis sechs Pesonen haben verbindlich Interesse angemeldet“, sagt Emma Zimer.

Die 37-jährige Vereinsgründerin ist die treibende Kraft hinter Nouma asbl. Obwohl derzeit mit beiden Beinen, Kind und Mann fest im Leben stehend, hat sie konkrete Vorstellungen, wie sie im Alter auf keinen Fall leben will: „Ich habe früher in Wohngemeinschaften gelebt und habe bei Hëllef doheem gearbeitet. Da habe ich ältere Menschen getroffen und besucht, die sehr einsam daheim sind, obwohl sie zuhause leben“, erzählt sie freundlich am Telefon. „Ich wusste, das möchte ich nicht.“ Ein Altenheim mit anonymen Zimmern kommt für die quirlige Unternehmerin erst recht nicht in Frage.

Der Gedanke an alternative Wohnformen ließ sie nicht los, aber in Luxemburg suchte sie vergebens; so etwas gab es in der Form nicht. „Ich kannte Senioren-Wohngemeinschaften im Ausland“, sagt sie. Sie recherchierte und besuchte zahlreiche Initiativen in den Nachbarländern, die für sie eine gwissen Vorbildfunktion erfüllten: „Deutschland hat einige Plattformen für alternative Wohnformen für Ältere“, so Zimer.

Sie erkundigte sich über rechtliche Möglichkeiten, suchte sich Partner und legte los: Nouma.lu besteht genau genommen aus zwei Initiativen: Dem Verein, in dem die Luxemburgerin arbeitet, und dem Beienhaus, einer Netzwerkinitiative, in der sich Menschen über 50 treffen, die im dritten Alter nicht allein wohnen wollen.

Wer noch nie mit anderen zusammengewohnt hat, dem wird zu einer Aufwärmphase raten: Partizipatives Wohnen verlangt von allen Beteiligten Offenheit, Lust am Austausch und gemeinsamen Erleben, Teamgeist, aber auch Konfliktfähigkeit, um beispielsweise unterschiedliche Standpunkte auszuhalten, die es in jeder Gemeinschaft zwangsläufig gibt. Für Eigenbrötler ist in einer WG kein Platz. „Sich im Alter auf gemeinsames Wohnen neu einzulassen, ist nicht unbedingt einfach“, sagt Zimer. Im Netzwerk können Interessierte einander kennenlernen und sich gegenseitig beschnuppern.

Eine, die im Alter mit anderen zusammenleben will, ist Astrid Lauterbach, Präsidentin von Beienhaus asbl. Im Interview mit Radio 100,7 im Juni 2019 nannte sie neben der Angst vor Einsamkeit weitere Gründe, warum für sie eine Wohngemeinschaft die bessere Wahl ist: Sie wolle ihren Kindern später nicht zur Last fallen. Vor allem aber möchte sie „selber bestimmen, was ich mache“ und wo sie später wohnen will. Lauterbach hat sich eine Wohnung in dem neuen Projekt in Lorentzweiler gekauft, die sie nach ihrer Vorstellung einrichten kann – und wo sie nach dem Einzug nicht fürchten muss, allein zu bleiben.

So wie Emma Zimer und Astrid Lauterbach denken immer mehr. Mit veränderten Familienkonstellationen und dem Bevölkerungswachstum wandeln sich auch im eher eigentumsorientierten Luxemburg die Wohnformen. Wegen der hohen Preise auf dem Immobilienmarkt sind Wohngemeinschaften schon aus finanziellen Gründen immer öfter eine Option: Wer sich kein Eigenheim oder keine Miete leisten kann, tut sich mit anderen zusammen, um etwas Akzeptables zu finden.

Die Alten-Wohngemeinschaft, wie sie Zimer und Lauterbach vorschwebt, ist mehr als eine reine Zweckgemeinschaft mit dem Ziel, die hohen Kosten zu drücken. „Bisher haben wir noch keine Möglichkeit gefunden, wie wir das Projekt auch für Mietinteressenten zugänglich machen können. Wir arbeiten daran“, sagt Zimer. Die Interesssierten haben sich alle bewusst dafür entschieden, mit anderen zusammen zu wohnen und sich dafür eine Wohnung im Projekt gekauft. Ähnlich wie bei den Mehr-Generationen-Häusern, ein Konzept, das auch in Luxemburg immer mehr Anhänger findet, steht bei dieser Wohnform der Gemeinschaftsgedanke im Mittelpunkt: Es geht darum, Solidarität zu erleben und zu geben, sich auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen. Das kann durch einen Plausch in den Gemeinschaftsräumen sein, zusammen Einkaufen oder Gruppen-Freizeitaktivitäten.

In Deutschland gibt es solche Projekte seit vielen Jahren: Mal handelt es sich um Eigentumswohnungen, die behindertengerecht gebaut sind und vor allem eingebunden in ein Hilfsnetzwerk und wo die BewohnerInnen so lange wie möglich autonom leben können sollen. Andere sind Hausgemeinschaften, die sich aus weltanschaulichen Überlegungen zusammenfinden und ein Projekt auf die Beine stellen. Insbesondere ökologische Wohnformen erfreuen sich zunehmender Beliebtheit.

In Luxemburg waren die ersten alternativen Wohnformen, die sich ausdrücklich an Personen im Alter von 50 plus richten, die generationanübergreifenden Wohnprojekte wie die des 2018 gegründeten Vereins Cohabit’age: In Vianden wohnen alte und junge Menschen in einem Haus zusammen, jeder in einer fertig möblierten und komplett ausgestatteten Wohnung, die Gemeinschaftsräume nutzen alle zusammen. Beide Seiten profitieren von dem Ansatz: Der Mietpreis ist erschwinglich und deshalb auch für jüngere Menschen attraktiv, die älteren Mitbewohner bleiben in sozialem Kontakt.

Aber eine regelrechte Plattform, die gezielt Alten-Wohngemeinschaften unterstützt, gab es in Luxemburg bisher nicht. Nicht einmal das Wohnungsbauministerium scheint nouma.lu näher zu kennen; auf der Liste möglicher Wohnprojekte für Menschen im dritten Alter, die im Ministerium zusammengesetllt wurde, wird es nicht genannt. Auch auf der Internetseite cohabitat.lu, die von Deutschland aus agiert, steht es nicht. Dabei hat nouma.lu bereits ein zweites Projekt in Planung; die Umsetzung wird aber noch einige Jahre dauern. „Noch haben wir keinen konkreten Termin“, sagt Zimer. Wer interessiert ist, kann sich für weitere Informationen bei nouma.lu melden.

Ines Kurschat
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