Hausfreund par excellence

Hüte dich, Staub!

d'Lëtzebuerger Land du 30.09.2016

Die Meldung hat erst wenig Staub aufgewirbelt, vielleicht war es ein Leaklein in der Wissenschaftsbeilage einer Zeitung. Das wird wohl kaum für orkanartige Umstürze sorgen, könnte man meinen. Aber so fängt es ja meistens an, so diskret. Unter der Nachricht vom Massensterben unter Pfeilschwanzkrebsen und neben dem Phantombild eines Regaliceratops – da geht es um Melanosome bei gefiederten Dinosaurierinnen –, dieses Spältchen, diese unscheinbare Randnotiz. Die mich trifft, mitten in mein halbgebackenes, hausbackenes Herz.

Ich will es kurz machen, es geht um Staub. Staub, einer unserer Lebensbegleiter, der Hausfreund par excellence. Okay, manchmal wird er ein bisschen lästig, dann gibt es ein bisschen Wirbel, man wischt ihm eins aus. Aber im Großen und Ganzen kann man gut mit ihm leben, er gehört einfach dazu. Dass er sich vermehrt, ist schließlich auch ein natürlicher Prozess. Er ist ein Pelz und eine Wolke, er kommt zu uns in Flocken, haftet an unsern Socken, er huscht, klebt, schwebt. Also er lebt. Er ist ein Schonbezug oder eine Schicht.

Vor allem ist er vielschichtig, ein alter Zauberer. Er kommt zu uns in Pusteblumen, die wir verzaubert durch die Wohnlandschaft pusten, manchen erblüht gar eine Pustelblume auf der Haut. Er kommt als Silberwolke, wir schauen dem grauen Flaum zu, wie er vom Bücherregal segelt, still und in sich ruhend. Er ist so anspruchslos präsent, er verlangt nichts, eigentlich will er nur seine Ruhe, wie ich, ich verstehe ihn gut. Er nistet unter Betten, in WC-Winkeln, in stillen Idyllen, nur eine Spinne spinnt betulich, ein Silberfischlein huscht. Tröstlich legt sich der Pelz um Bücher, die nie einer anschaut, kuschelt sich in einsame Ecken, dort pflegt er sich zu verstecken.

Er hat auch allen Grund dazu. Manche sind dauernd hinter ihm her, haben obszöne Geräte erfunden, um ihm den Garaus zu machen. Sie sind regelrecht besessen von ihm, wie die Atheisten von Gott. Diese Menschen saugen sogar Staub, man sollte es nicht für möglich halten. Jetzt hetzen sie Roboter_innen auf ihn, sie rüsten auf, der Kampf endet nie, es gibt kein Happy End. Manchmal gibt es einen Waffenstillstand, er dauert nie lang.

Der Staub hat keine Lobby, die Hausstaubmilben, seine und unsere Sympathisantinnen, auch nicht. Er hat nur Feind_innen, unnatürliche eigentlich. Hysterische Hausfrauenbrigaden mobben ihn seit Äonen, mit Mopps. Aber natürlich wurde das Staubschichtfeindbild längst aktualisiert, eine andere Gesellschaftsschicht als die der Grobstaubjäger_innen befasst sich mit dem feinen Staub. Dem Snob in der Staubfamilie.

Haben die je, Satori, das feierlich stille Aufleuchten von von Tausenden Staubpartikeln durchtanzten Sonnenstaubschleppen wahrgenommen? Staubpartikel, die mich zu diesem Staubartikel inspirieren. Wahrscheinlich nicht.

Er war der gute, alte praktische Feind, immer da, man konnte ihn bequem beseufzen wie ein Ehegesponst, das man kurz verscheucht, nur kurz. Man konnte ihm alles in die Schuhe schieben, wenn man niest oder es einen juckt oder man plötzlich unüblich gemustert ist.

Aber jetzt überführt ihn die Staubstudie der George Washington University. Er ist kein kleiner, schmutziger Delinquent, den man doch gern haben kann, trotz allem oder wegen allem, er ist ein Krimineller. Er erregt nicht nur Zwängler_innen und andere Neurotikerinnen, also quasi alle außer ein paar Gurus, er erregt Krebs. Das ist No-Go, lieber Staub, was jetzt? Die Weltgesundheitsorganisation wird dich ausrotten wollen, kein Kinderspiel, sie werden die Wüste und die Meere ausrotten müssen und die Sterne. All das wegen den Phenolen und etwas Fluoriertem, komisch, da fällt mir ein, haben sie die Kinder nicht mindestens eine Generation lang mit Fluor traktiert? Und wegen den Phtalaten. Klingt wie kleinasiatische Krieger, leider sind es keine. Sie sind die wundersam getarnten Feinde unter unserm Bett, der Feind im Bett hat sich ja schon aus dem Staub gemacht.

In der Bibel werden wir verdonnert zum Staubfressen. Gleich darauf sagt der böse Gott, zürnend wird er meist genannt, wir seien sowieso Staub. Und würden er werden, oder zu ihm.

Also ein bisschen respektvoller, Menschheit und Universität!

Michèle Thoma
© 2017 d’Lëtzebuerger Land