Tauschkreise in Luxemburg

Von „Kären“ und „Time Dollars“

d'Lëtzebuerger Land du 20.06.2002

Es sieht aus wie auf einem Flohmarkt an diesem Samstagnachmittag im Hof der Escher Kulturfabrik: Zwischen dem Kinosch und der Gelegenheitsbühne Ratelach stehen Tische, auf denen Bücher und Schallplatten, Kinderpielzeug, Haushaltsgeräte und allerlei Kuriosa ausgebreitet liegen. „Willst du das nicht haben?“, fragt ein hochgewachsener junger Mann in den Dreißigern einen anderen und zeigt einen kleinen Messingtopf vor. „Für nur 30 Kären!“

„Kär“ heißt die Währung, die hier angenommen wird. Mit Euro ist nichts zu machen. Kären aber hat nur, wer entweder Mitglied ist im Tauschkrees Lëtzebuerg, oder es jetzt wird – auf diesem Flohmarkt, der keiner ist, sondern eine „Tauschbörse“: Treffpunkt für den Tauschkrees und Versuch, neue Mitglieder zu gewinnen.

Norbert Sehl, der Mann mit dem Messingtopf, war einer derjenigen, die Anfang Februar 1999 in Petingen die asbl LTS Kordall gründeten. Zunächst auf den Landessüden beschränkt, war LTS (Lokalen Tausch System) der erste Versuch, auch in Luxemburg einzurichten, was es im Ausland in zum Teil großer Zahl schon gibt: In Großbritannien etwa gibt es über 400 Local Exchange Trading Systems (LETS), in Frankreich über 300 Systèmes d’échange local (SEL), in Deutschland an die 300 lokale Tauschringe. Weltweit über 7 000 in 53 Ländern sollen es laut einer Homepage im Internet sein, die für sich Vollständigkeit reklamiert. Außer im Fall Argentiniens: allein dort betrage die Zahl der Tauschkreise zurzeit über 5 000, wenngleich das niemand genau weiß. Der Grund: die jüngste Währungskrise.

Falls die Landeswährung kollabiert, kann den Menschen beim Überleben helfen, was in Petingen das LTS Kordall sich vornahm, um allein die  Nachbarschaftshilfe anzukurbeln: „Tous les adhérents conviennent de comptabiliser leurs transactions dans une unité d’échange locale, de rencontrer d’autres membres du réseau et d’échanger avec eux des biens et des services sans avoir recours à l’argent.“ Etwa so: Jhang hat sich einen neuen Computer gekauft, weiß damit aber nicht recht umzugehen. Claudine ist Informatikerin und alleinerziehende Mutter mit kleinem Kind. Claudine macht Jhang mit seinem PC vertraut, aber ihren Wunsch, ab und an auf ihr Kind aufzupassen, kann Jhang nicht erfüllen, weil er von Kindern noch weniger versteht als von Rechnern.

Tauschte einfach A mit B Leistungen aus, gliche das dem französischen Tauschsystem Troc. Hier aber erweitert sich der Kreis: Arlette und Jhemp werden die Babysitter sein, obwohl weder Claudine noch Jhang mit ihnen bisher je etwas getauscht haben. Pro Arbeitsminute – ob PC-Einweisung, Kindbetreuung oder Gartenarbeit – wird im Tauschkrees ein Kär fällig; wer gibt, erhält Kären gut geschrieben, wer nimmt, soviele abgezogen. Jeder verfügt über ein Kären-Konto, das von der Tausch-Zentrale verwaltet wird. Sämtliche Kontostände werden allen Mitgliedern in der regelmäßig erscheinenden Zeitung der asbl bekannt gemacht, wo auch die Nachfragen und Angebote gelistet werden.

Anfang dieses Monats hat das LTS Kordall sich umbenannt in Tauschkrees Lëtzebuerg und tritt nun landesweit auf. Doch: Die Mitgliederzahl stagniere seit geraumer Zeit schon bei 60. Vielleicht ein Drittel davon sei aktiv, schätzt Norbert Sehl; das könne daran liegen, dass das LTS schon lange nicht mehr zu gemeinsamen Kneipenabenden eingeladen hat, oder zu Wandertouren. Die Tauschbörse in der Kulturfabrik soll ein Neuanfang sein, initiiert vom neugewählten Vorstand der umbenannten asbl. Und hier kann gegen Kären tauschen, wer schon lange nichts mehr „geleistet“, sondern vor allem „profitiert“ hat, und dessen Kären-Konto sich deshalb im Minus befindet.

Viel stärker bekannt machen will den Tauschkrees dessen neu gewählter Präsident Alfred Groff. „Natürlich“, sagt er, „den meisten geht es so gut, dass sie sich Leistungen, die im Tauschkrees angeboten werden, kaufen können. Aber wie viele kennen ihre Nachbarn kaum und leiden darunter?“

Tatsächlich war der existenzielle Leidensdruck, nicht das Seelenweh vereinsamter Wohlstandsmenschen, überall dort, wo Tauschkreise aus dem Boden schossen, groß. Und rückte solche Initiativen aus dem Alternativ-Biotop, in denen der Tauschkrees hier zu Lande ein noch wenig beachtetes Dasein führt, in die breitere öffentliche Aufmerksamkeit. Etwa in jener von besonders hoher Arbeitslosigkeit betroffenen Region im kanadischen British Columbia, wo 1983 der Prototyp des Local Exchange Trading System (LETS) als wechselseitiges Kreditgeschäft mit Verrechnung pro Arbeitszeiteinheit erfunden wurde. Oder in Frankreich, wo nach dem sprunghaften Anstieg der Arbeitslosigkeit Anfang der 90-er Jahre sich die Systèmes d’échange local nach LETS-Vorbild 1993 gründeten und ihre Zahl bis Mitte 1996 auf über 200 gewachsen war. Eine Umfrage des Centre de recherche pour l’étude et l’observation des conditions de vie (Credoc) ergab im Dezember 1994, dass damals jeder vierte Franzose Tauschhandel ohne Verwendung des Französischen Franc trieb.

Die Urform solcher komplementären, von Inflation und Zinseinflüssen freien Währungen aber entstand bereits während der Weltwirtschaftskrise – am umfangreichsten in den USA, wo bis 1934 in verschiedenen Bundesstaaten über 1 000 lokale Währungen existierten. Dass jemand dieses Freigeld gehortet hätte, verhinderte das auf jeden Geldschein gestempelte Ausgabedatum und die Vorschrift, es innerhalb einer bestimmten Frist ausgeben zu müssen.

Dass derartige Komplementärwährungen auf lokaler und sogar regionaler Ebene solche Arbeit bezahlbar machen, die gern „nicht finanzierbar“ genannt wird, davon ist Bernard A. Lietaer, Finanzwissenschaftler und ehemaliges Direktoriumsmitglied der belgischen Zentralbank, überzeugt: Die wachsende Zahl Älterer erhöhe den Druck auf die Sozialsysteme, schreibt er in seinem Buch Das Geld der Zukunft 1. Daneben erhöhten Klimaveränderung und Artensterben den ökologischen Handlungsbedarf; die technologische Revolution vor allem im Informationsbereich steigere die Arbeitsproduktivität auch mit immer weniger Personal, während neu entstehende Arbeitsplätze zunehmend prekär würden; und zu guter Letzt erweise sich das globale Währungssystem als zunehmend instabil. Fatal sei, dass in einer solchen Situation das klassische, knappe Geld allein die Konkurrenz fördere, nicht aber die Kooperation. Auch der EU-Kommission waren gemeinschaftsfördernde Komplementärwährungen in zwei ländlichen Regionen (in Irland und Schottland) und zwei Städten (Amsterdam und Madrid) eine Förderung als Piloprojekte wert. Wobei etwa das Amsterdamer Amstelnet, 1989 gegründet, zu einem Netzwerk wurde, das nicht nur Privatpersonen, sondern auch Firmen umfasst: von ihnen erbrachte kommerzielle Leistungen können nicht nur in Euro, sondern zum Teil auch in Amstelnet Enheden bezahlt werden. Ähnlich wie in den USA, wo seit 1986 in über 200 Gemeinden von Chicago bis zur Kleinstadt in Florida Time Dollars im (virtuellen) Austausch zirkulieren. Wie der Kär in Luxemburg, doch da Time Dollars vor allem Nachbarschaftshilfe unter Rentnern steigern sollen und das auch klappt, akzeptieren verschiedene Gemeinden mittlerweile die Bezahlung der Beiträge für Seniorenprogramme zu 25 bis 30 Prozent in der Komplementärwährung.

Eine derartige Verbreitung des Kär ist für Alfred Groff vom Tauschkrees noch Zukunftsmusik. Schon deshalb, weil noch zu viele Mitglieder es bei der Zahlung des Jahresbeitrags von 12,50 Euro für Einzelpersonen und 18,75 Euro für Familien belassen würden, die Tauschaktivitäten sich noch zu stark im gegenseitigen Verleih von Maschinen gegen Kären oder im Tausch von Schallplatten erschöpften. Und auch das einzige bei der Tauschbörse gewonnene neue Mitglied gibt sich skeptisch: „Wenn ich für Geld etwas kaufe, weiß ich ungefähr, was ich bekomme und was es taugen sollte. Wer garantiert mir das hier?“

Dennoch könnte sich schon im Herbst neben den Tauschkrees eine weitere Initiative gesellen: Eine Gruppe sozial engagierter Christen aus dem Umfeld des Centre pastoral au monde du travail beim Bistum oder dem von Bistum und LCGB gegründeten Réseau pour le travail et la promotion humaine (RTPH), möchte im Landesnorden die lokale und regionale Nachbarschaftshilfe in einem Tauschkreis ankurbeln. Referenz, sagt Olivier John, der beim RTPH Centre in Luxemburg-Stadt arbeitet, soll ebenfalls eine Arbeitsstunde sein, und er hofft, dass im Norden eine ländliche Tradition noch fortwirken möge, die Kontakte unter den Mitgliedern leichter herzustellen erlaubt als im Süden oder im Zentrum. Denn von Anfang an sollen die Zeitstunden-Konten nach oben und unten ein Limit erhalten, um zu verhindern, dass die Aktivitäten einschlafen. Beim Tauschkrees gibt es diese Limits auch, aber sie wurden suspendiert: für die meisten dort ist das Tauschen eben doch eher nur ein Spiel.

Das ist praktisch gesehen nicht nur von Nachteil, denn sollte auch in Luxemburg die gegenseitige Kreditvergabe auf Basis des Austauschs von Arbeitsstunden so massenhaft genutzt werden, wie mancherorts im Ausland, dürfte sich irgendwann die Frage nach der Vereinbarkeit mit geltendem Recht stellen. Denn genau genommen sind Time Dollars oder Kären Geld; sind Leistungen, egal was dafür bezahlt wird, von einem bestimmten Umfang an steuerpflichtig. In sämtlichen europäischen Ländern mit Tauschringen, schreibt Bernard A. Lietaer, hätten Regierungen, Steuerämter und Zentralbanken jedoch gut daran getan, die Entwicklung der Systeme durch „passive Duldung“ zunächst einmal zu fördern. Die US-Regierung ging Ende der 80-er einen Schritt weiter und erklärte sämtliche Transaktionen mit Time Dollars für steuerfrei. Das hatte Präsident Roosevelt 1934 noch anders gesehen, als er im Zuge des New Deal sämtliche Notwährungen der Depressionszeit für illegal erklärte.

Manche Nutzungsarten einer komplementären Gemeinschaftswährung auf Kooperationsbasis mit dem klassischen Geldsystem wurden mittlerweile jedoch schon regelrecht institutionalisiert: In Japan, dem Land mit dem zweithöchsten Bevölkerungsanteil Älterer weltweit, gelten Hureai Kippu (Pflege-Beziehungs-Tickets). Die Stunden, die ein Freiwilliger mit Pflege oder Unterstützung Alter oder Behinderter verbringt, werden mit diesen Tickets gezählt und auf einem Zeitkonto verbucht. Das wiederum kann die Krankenversicherung des Leistungserbringers ergänzen, es kann als Guthaben für den Fall, der Helfer würde selbst pflegebedürftig, aufgehoben oder aber an andere weitergegeben werden. Es sieht so aus, als könnten Tauschringe auch das Benevolat fördern, dem 2001 ein ganzes Gedenkjahr gewidmet war.

1 Bernard A. Lietaer: Das Geld der Zukunft, Verlagsgruppe C. Bertelsmann, 1999
Peter Feist
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