Die kleine Zeitzeugin

Fake City, Wien zum Beispiel

d'Lëtzebuerger Land du 20.07.2018

Wien verändert sich derzeit rasant, es ist so schnell gegangen, dass ich bezweifle, dass es Wien überhaupt noch gibt.

Wann fing dieses mulmige Gefühl an? In dieser Stadt, in der Straßenbahnen, die Garnituren heißen, sich in einer Seelenruhe deplatzieren, dass sie jeden Entschleunigungs-Workshop überflüssig machen. Wo anders als in Luxemburg auch nach längerer Abwesenheit das Lieblingslokal noch an seinem Platz ist, der Melange auch, der ihn auftischende Grantler – Achtung, Kulturerbe! – sowieso. In dieser Stadt, in der es im Zentrum Läden gibt, „Alles für die Dame“, in denen im Schaufenster aufgebahrte Damenblusen ungestört zu Staub zerfallen.

Vor zehn Jahren registrierte ich mit Besorgnis, dass in einer Aida-Filiale – Aida ist eine Konditoreikette –, in der süß lächelnde Krankenschwestern in mildem Rosa Cholesterin in hohen Dosen verfüttern, eine ältere Frau ohne Pelzschachtel auf dem Haupt saß. Bald machten es alle der Rebellin nach.

Gerade hat ein Saftladen Einzug gehalten in den Tempel von Motten- und Mozartkugel. Gut, eine Stadt ist kein Wachsfigurenkabinett, es gibt junge Menschen, die Säfte trinken. Und die ebenfalls behüteten Asiat_innen, die hinter einem Fähnchen stoisch durch das Stadtbild trotten, werden muffige Hüte nicht vermissen. Nach alten Zöpfen halten sie aber Ausschau, zumindest ihre Agenturen. Und die baumeln von jedem gern in Chinesisch beschrifteten Schild.

Diese Stadt, die über Totenschädeln und neben aufeinander gestapelten Kapuzinergrufties ein knisterndes, vibrierendes Leben birgt, in der der Stefansdom immer noch eine magnetische Präsenz hat, diese Stadt hat sich in kürzester Zeit in etwas anderes verwandelt. Etwas Gruseliges. Etwas Totes, und es ist keinesfalls der zutiefst lebendige Wiener Tod, mit dem diese Stadt seit eh und je schäkert.

Es ist etwas Untotes, das alles überzieht. Die Stadt wird unter einer Attrappe ihrer selbst erstickt, betäubt unter einer Geräuschglocke von Pferdegetrappel, Fiaker-
alias Kutschen-Fakes hetzen mit ihrer menschlichen Fracht im Sekundentakt vorbei; nach Pferdeapfelmus riecht es aber schon lang nicht mehr. Die Domglocken dröhnen einer um die Ohren, gehört ihr bombastischer Einsatz zur Geräuschkulissenaufrüstung? In einer Seitengasse erschrecken mich Plastikmonster in Rüstungen, die zu einem Habsburg-Quickie verführen sollen. Vienna to go. Das eigentlich seelenvolle Porträt der besten Marketing-Trägerin der Stadt wird von ihrer eigenen Maske um das ihm innewohnende Leben gebracht. Auf Schritt und Tritt, sogar in verlässlich muffigen Plüschgrüften fällt plötzlich ein hartes Licht auf grell golden gerahmte Sissis und ihren biederen Gatten. Sogar im Café Sacher und in der Edelabsteige Impe-rial, in der Hoheiten wie Michael Jackson und die Stones Hof hielten. Das Klimt-Paar ist auf ewig dazu verdammt, in dem eckigen Klimt-Kuss zu verschmelzen. Gustav Zimt versüßt Regenschirme und Aschenbecher. Auf Schritt und Tritt scheußliche Andenken für die, die blicklos inmitten eines toten Stadtherzen treiben. Durch einen von ratlosen Tourist_innen überbevölkerten und zugleich entseelten Stadtkern. Ist dieses Zentrum einer europäischen Stadt, eben noch ein relaxtes, aber jetzt von den Einwohner_innen zunehmend desertiertes Wohnzimmer, nur noch eine Kopie? Die Mozartkugel rollt, gibt Wien sich die Mozartkugel?

Vielleicht ist das Authentische, dieser Sehnsuchtsbegriff der Touristin, die eine Reisende sein will, ja der allergrößte Bluff? Vielleicht ist der Fake jetzt eben das Authentische, vielleicht sind die toten Stadtherzen, in denen Touristin mit den Attrappen der Hochkultur geködert und herzlos abgespeist wird, das wahre Abbild der Realität? Das tote Herz, von Prada, Gucci & Co. und grotesker Kostümkultur scheinbelebt das wirkliche Zentrum unserer allgegenwärtigen Zivilisation.

Wien ist nur ein Beispiel, das Disneyland mit seiner Fast-Food-Kultur ist überall. Wien, lange im Schnecken- und Fiakertempo unterwegs, widerstand lange.

Die Stadtstreiferin, von wo auch immer, muss aber nur ein paar Gässlein abseits gehen, und sie wittert es wieder, das „kleine, modernde Geheimnis“, wie Sibylle Berg so wunderbar schrieb.

Michèle Thoma
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