Kino

Männersache

d'Lëtzebuerger Land vom 06.03.2020

Die Anzüge sitzen, das Äußere ist wohl gepflegt. Manieren haben sie auch, es sind wahre Gentlemen, nur mit dem Gesetz nehmen sie es nicht ganz genau: Mickey Pearson (Matthew McConaughey), Raymond (Charlie Hunnam), Coach (Colin Farrell) sind die Gangster-Helden in Guy Ritchies neuem Film, der da eben passend lautet: The Gentlemen. Und Mickey Pearson hat es als anerkannter, einflussreicher Drogenbaron gerade nicht leicht. Er will aussteigen, sein Geschäft verkaufen, doch sowohl der hinterlistige Dry Eye (Henry Golding) oder noch der schmierige Reporter Fletcher (Hugh Grant) machen ihm das Leben schwer, indem sie versuchen ihn zu hintergehen...

The Gentlemen ist ein wendungsreicher, kurzweiliger Gangsterfilm, weil er ganz auf Guy Ritchies bewährten Mustern basiert: Schnelle Erzählweise, spritzige Dialoge, wild gemischte Bildästhetik, die auch Videoclips einschließt, und nicht zuletzt ein Soundtrack, der ungemein rhythmisch ist und im Zusammenwirken mit dem Schnitt eine ganz vorantreibende Dynamik schafft. Vielleicht noch direkter, noch dreister, als in seinen anderen Filmen, zitiert Guy Ritchie, den man gemeinhin gerne als den „britischen Quentin Tarantino“ bezeichnet, sich selbst: Das Filmplakat seines 2015 erschienenen The Man From U.N.C.L.E lässt er zwinkernd in Szene setzen, ironisch-verspielter kann man sich nicht selbst huldigen.

Das schaut sich über weite Strecken tatsächlich an wie ein Tarantino-Film, die Sprache, so vulgär sie auch zuweilen sein mag, ist zutiefst britisch. Mit The Gentlemen kehrt der Regisseur aber auch zu seinen Anfängen zurück: Mit Filmen wie Lock, Stock & Two Smoking Barrels (1998) oder Snatch (2000) hat Guy Ritchie gezeigt, dass er das britische Kino aufwirbeln und internationale Aufmerksamkeit generieren kann. Und damals wie heute stellt The Gentlemen unverhohlen aus, dass er Männerkino sein will, wo Männer die Macht haben, wo Männer handeln. Die einzige Frau, die darin wirklich prominent vorkommt, muss natürlich die Braut des Gangsterbosses sein. Eine große kriminelle Organisation ist in Guy Ritchies Augen eben Männersache, doch es ist diese Frau, die sein Handeln maßgeblich bestimmt. Darüber, dass Frauen unterrepräsentiert sind, mag sich mancher Kritiker ärgern – Ritchie hebt das Ganze jedenfalls auf eine Metaebene, indem er einen Film im Film erzählt. Damit nimmt er seinen Kritikern gleichsam den Wind aus den Segeln: Wer das nicht mag, der mag schlichtweg Kino nicht. Das kann man als clever oder als Totschlagargument werten. Fest steht jedoch, dass man das, was in diesem Männermilieu nur noch als blutige Farce beschrieben werden kann, nur noch mit schwarzem Humor ansehen kann. Und das ist nun mal Guy Ritchies Stärke, so ungemein politisch inkorrekt dieser Film auch ist.

Matthew McConaughey spielt einmal mehr einen Gangster der eigentlich auch Matthew McConaughey heißen könnte, so sehr gründet diese Figur auf seinem Grundtypus, der für seine Karriere so bedeutsam ist. Charlie Hunnam ist dessen rechte Hand und ihm überaus loyal. Das ist ein Männerbund der keiner weiteren Wörter bedarf, es ist deren reine Präsenz im gleichen Bild, der von dieser Verbundenheit erzählt. Nur da, wo diese Bänder eng und vertraut sind, da gelingt die Kommunikation, denn um nichts anderes geht es, wie für den Gangster-Thriller ohnehin konstitutiv, sei er noch so überdreht und verspielt wie Gentlemen. Informationsgewinn durch Kommunikation: Wer weiß wann was von wem? Wer hält Informationen zurück, wer spiegelt falsche vor? Wer gibt was wie wann an wen weiter? Auch die Versuche der Ausgrenzung der etablierten, alten Männlichkeit durch junge Nachwuchskriminelle, ein weiteres Themenfeld des Films, stellen keine wirkliche Bedrohung dar.

Und natürlich muss in letzter Konsequenz im Schreibtischsessel des einflussreichen Filmproduzenten niemand anderes als Harvey Weinstein sitzen, der mächtige Medienmogul von Miramax, der erst letzte Woche wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung schuldig gesprochen wurde. Der ungemein offen-ironische Selbstangriff soll hier als die beste Verteidigung stehen.

Marc Trappendreher
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