Berlinale

Zaghafter Frühling

d'Lëtzebuerger Land vom 06.03.2020

Es gibt Rituale, Wiederkehrendes und Wiederholungen. Als am vergangenen Sonntag die 70. Internationalen Filmfestspiele von Berlin mit dem traditionellen Publikumstag zu Ende gingen, bewies sich Carlo Chatrians wiederholte Ankündigung, dass er in seinem ersten Jahr als Künstlerischer Leiter des Filmfestspiele nicht den Revoluzzer geben würde, denn ein Festival wie die Berlinale brauche Kontinuität. Und darauf setzte auch die Jury unter ihrem Präsidenten Jeremy Irons. Mit dem Goldenen Bären für den besten Film für Mohammad Rasoulofs There is No Evil gewann zum dritten Mal innerhalb von zehn Jahren eine iranische Produktion den Hauptpreis. Die Entscheidung ist politisch und zementiert den Ruf der Berlinale das politischste unter den bedeutenden Filmfestivals zu sein. Dieser Anspruch war gleichzeitig Slogan und Markenzeichen von Chatrians Vorgänger Dieter Kosslick. Er ist oft genug dafür kritisiert worden und oft genug daran gescheitert: Politik dürfe auf einem Filmfestival nicht die Hauptrolle spielen, wichtiger sei die Kunst, lautete ein Einwand gegen Kosslicks Politik-Prämisse. Nun leitet der ausgesprochene Cineast Chartian die Berlinale – und wieder triumphiert am Ende die Politik.

Wie 2015, als Jafar Panahis Taxi Teheran den Goldenen Bären gewann, ist der Regisseur des Siegerfilms auch in diesem Jahr bei der Verleihung nicht anwesend. Das iranische Regime hat Rasoulofs Pass eingezogen. In seiner Heimat ist ihm eigentlich jedwede künstlerische Tätigkeit untersagt, er steht zudem unter verschärfter Beobachtung. Die Entscheidung der Jury war durchaus plausibel. Rasoulof liefert ein profundes Werk ab, das zum Nachdenken anregt, das zeigt, wie sehr ein Regime in individuelle Biografien hineinregieren kann. In vier Episoden behandelt der Film die Frage nach Alternativen, sucht Situationen aufzulösen, in denen der Mensch vermeintlich nicht Nein sagen kann und versucht moralische Verantwortung und Zivilcourage in einem totalitären Staat zu ergründen. Der erste Teil begleitet einen Gefängnisangestellten über einen Zeitraum von 24 Stunden durch die Höhen und Tiefen des Familienalltags. Kaum ist es Nacht, exekutiert er dann verurteilte Dissidenten. Die folgende Episode zeigt den halsbrecherischen und illusorischen Ausbruch eines Wehrdienstleistenden aus dieser Exekutionsmaschinerie. Die letzte Episode ist autobiografisch angelegt. Die Tochter des Regisseurs spielt darin eine junge Frau, die ihren Vater anklagt, seine politischen Überzeugungen über das Wohl der Familie zu stellen. Auch Rasoulof hatte sich dazu entschieden, weiter im Iran zu arbeiten – wie schwierig auch immer die Bedingungen sein mögen –, während seine Tochter und seine Frau in Hamburg leben.

Die Qualität der vier Episoden ist durchaus schwankend. Es gibt dichte Passagen, in anderen wirkt der Film eilig zusammengebastelt. Dennoch spiegelt der Film die persönliche Lebenssituation des Betrachters an denjenigen in totalitären Systemen. Nun ist der Goldene Bär auch immer ein Instrument mit Signalwirkung. Doch wie groß dessen Einfluss ist, lässt sich kaum abschätzen. Panahi durfte jedenfalls auch zur Präsentation seines Films Drei Gesichter nicht persönlich zu den Filmfestspielen in Cannes reisen. Ob das Regime in Teheran nun Rasoulof noch stärker beschneiden wird?

Schönheit und Brillanz eines Werks liegen immer im Auge des Betrachters. Kaum ein Intendant irgendeiner Filmfestspiele wird es schaffen, einen Wettbewerb auf die Beine zu stellen, der dem Publikum ausnahmslos gefallen wird. Chatrian hat in diesem Jahr auf 18 Filme gesetzt. Es war erkennbar, dass er noch manche Zusage aus seinem früheren Leben als Leiter des Festivals von Locarno einhalten musste, andererseits auch Sponsoren – wie das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) – bedienen musste. Das Konstrukt „Im Wettbewerb – außer Konkurrenz“ hat er jedoch eliminiert und in eine Sektion „Berlinale Gala“ verschoben, was den eigentlichen Wettbewerb straffte. Und so Filme im Fokus behielt wie etwa Never Rarely Sometimes Always der US-amerikanischen Regisseurin Eliza Hittman. Der Film zeigt die Odyssee einer 17-Jährigen aus einem Kaff in Pennsylvania, die mit ihrer Cousine für eine Abtreibung nach New York City fährt. Wie in Rasoulofs Werk zeigt sich hier ein individuelles Schicksal als Allegorie auf die Verhältnisse in ihrem Land. Hittman wurde mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet.

Ebenfalls im Wettbewerb vertreten war der umstrittene Film Dau. Natasha von Ilya Khrzhanovskiy und Jekaterina Oertel. Das belanglose, effektheischende Machwerk soll exemplarisch das Entstehen von Totalitarismus verdeutlichen und bedient sich dabei eines Kammerspiels, das in einer vulgären Verhörszene endet, die einzig die Brutalität von Verhören an sich aufzeigt. Der Film ist handwerklich schlecht gemacht, der Regisseur geriet wegen übergriffiger Umgangsformen am Filmset bereits vor der Berlinale in Kritik. Pressetexte zum Film gaben an, dass sich die Darsteller ihrer eigenen Improvisation hingeben sollten und durften, was angesichts der aufgesagten Texte kaum glaubhaft erscheint. Jürgen Jürges wurde für die Kameraführung mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Weitere Silberne Bären gingen an die deutsche Schauspielerin Paula Beer für den Westfalenstausee-Märchenfilm Undine sowie ihren italienischen Kollegen Elio Germano für die Rolle des Antonio Ligabue in der Künstlerbiografie Volevo nascondermi.

Und so hieß es am Ende der Berlinale einmal mehr, dass auch der neue Intendant der Festspiele zu wenig herausragende Filme in seinem Wettbewerb versammeln konnte. Doch auch Chatrian kann nur aus einem begrenzten Fundus schöpfen, der den drei großen europäischen Festivals von Berlin, Cannes und Venedig Aufmerksamkeit und Qualität verschafft. Als Antwort darauf kreierte Chatrian die neue Sektion „Encounters“, in der ebenfalls Preise ausgelobt wurden – und machte seinem Wettbewerb so selbst Konkurrenz mit 33 Arthouse-Filme in zwei parallelen Wettbewerben. Die Entscheidungen und Kriterien, nach denen Filme für Encounters taugten oder doch für den Wettbewerb ausgewählt wurden, erschloss sich dabei jedoch kaum. Luxemburg war mit zwei Produktionen in der Jugendfilmsektion „Generation 14plus“ vertreten: Jumbo von Zoé Wittock und Yalda. La nuit du pardon von Massoud Bakhshi.

Chatrians Ankündigung, nicht den Revoluzzer geben zu wollen, bezog sich lediglich auf sein erstes Berliner Jahr, somit setzt er selbst die Ansprüche für die kommenden Berlinalen hoch.

Martin Theobald
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