Wegen des Coronavirus haben alle Schulen auf Fernunterricht umgestellt

Plötzlich alle(s) digital

d'Lëtzebuerger Land vom 20.03.2020

Hintergrundmusik, ein Trailer, ein Lehrer sitzt vor seinem Telefon, das er zur Kamera umfunktioniert hat. Das Bild ist nicht sehr scharf und zu dunkel. Es ist der Auftakt von School in times of coronavirus, ein Video-Tagebuch, das der Französischlehrer Tom Klonski für seine Schüler täglich aufnimmt und auf Youtube stellt. In der ersten Folge beschreibt er, wie das Lycée Aline Mayrisch sich organisiert hat: Als Lehrer am vergangenen Donnerstag erfuhren, dass aufgrund des Coronavirus sämtliche Schulen im Land geschlossen bleiben müssten, war das zunächst ein Schock. Am Freitag war es an den Klassenlehrern, die Schüler zu benachrichtigen, die die Ankündigung vom Premier Xavier Bettel und Gesundheitsministerin Paulette Lenert nicht in den Nachrichten gehört hatten, und mit ihnen zu bereden, wie es weitergeht.

In einem Punkt war Bildungsminister Claude Meisch (DP) unmissverständlich: Die Schließung von rund 50 Sekundarschulen und 160 Grundschulen im Land sei eine notwendige Vorsichtsmaßnahme, in der Hoffnung, die Verbreitung des Virus einzudämmen beziehungsweise zu verlangsamen. Vorzeitige Ferien, oder gar Coronaferien, wie einige Medien die Zwangspause nannten, sind es nicht.

Vielmehr sind alle Lehrer aufgefordert, ihre Schüler bis zum 3. April virtuell zu betreuen. Schüler sollen weiter lernen. Dafür mussten am Freitag Computer und Laptop organisiert, Konten erstellt und Passwörter überprüft werden. Hektisch ging es in vielen Lehrerzimmern vergangenen Freitag zu: Der Kopierer lief auf Hochtouren, Schulbücher wurden zusammengesucht. Manch ein Lehrer hörte zum ersten Mal von der Lernplattform www.multi-script.lu und elibrary.lu Die Schulleitungen waren aufgefordert, diejenigen Schüler zu melden, die keinen Computer besitzen. Sie durften, wenn vorhanden, ein Laptop mitnehmen. Andere bekamen die ausgedruckten Aufgaben auf Papier in die Hand gedrückt.

Einen Effekt hat die staatlich verordnete Isolierung zuhause schon jetzt: Lehrer, Schüler und Eltern greifen verstärkt auf die digitalen Medien zum Lernen zurück. So massiv, dass der Premier am Mittwoch einräumen musste, dass Netz in Luxemburg arbeite teilweise am Limit. Rund 1 500 Anrufer nutzten überdies bis Dienstag die Hotline 8002 9090, um Fragen zu stellen. Die eilig eingerichtete Homepage www.schouldoheem.lu verzeichnete bis Mittwochabend 45 000 Besuchende; diese Woche soll eine verbesserte Version online gehen. Ziel ist, dass Lehrkräfte ihre Unterrichtseinheiten auf den gemeinsamen Server setzen und mit KollegInnen teilen können. Aber das Ministerium wartet damit, bis etwas Routine eingekehrt ist.

Manche Lehrer gaben, weil sie es nicht besser wussten, den Kindern zu viele Aufgaben mit nachhause, andere zu wenig. Schon fürchten Lehrergewerkschaften, der Fernunterricht könnte die sozialen Unterschiede noch verstärken: Wie sollen Eltern, die selbst kein Luxemburgisch können oder sich nicht leisten können, daheim zu bleiben, ihren Kindern beim Lernen helfen? Eine Sprache zu lernen, ist ohne praktische Sprechübungen schwierig. „Ich habe Kollegen, die nehmen jetzt Tutorials auf“, erzählt ein Englischlehrer, vom Land über E-Mail kontaktiert. Dass Prüfungen bis nach Ostern warten müssen, stresst ihn nicht übermäßig: Zum einen hat Bildungsminister angekündigt, das Trimester bis zwei Wochen nach den Osterferien zu verlängern. In Zeiten einer Pandemie müsse die Schule zudem hintanstehen: „Hauptsache, meine Schüler und ihre Familien stehen diese Zeit gut durch“, findet er.

Gerade für junge LehrerInnen, die neu in der Schule sind, aber wie ihre erfahrenen Kollegen Klassen betreuen, ist die Umstellung eine Herausforderung: „Ich hatte keine Ordner griffbereit. Deshalb schicke ich meinen Schülern jeden Tag eine E-Mail, worin steht, was sie lernen sollen“, erzählt Laurence S., die in einer kleinen Schule im Osten Deutsch und Mathe unterrichtet. Ihre Anleitungen für die Eltern schreibt sie auf Deutsch und Französisch. Sie hat Glück: Ihre Schule ist überschaubar. Der Junge aus Syrien bekam von ihr am Freitag die Aufgaben auf Papier mit nach Hause. „Er besitzt keinen Computer.“ Hat er die Aufgaben fertig, hält sie weitere Übungen parat, die sie den Eltern am Schulhoftor übergeben wird. Sogar Bürozeiten hat die Lehrerin vorgesehen: „Die Eltern können zwischen 9 und 12 und 14 und 18 Uhr anrufen. Bisher ist das Feedback sehr positiv.“

Gleichwohl gelingt das Umschalten auf digitale Betreuung nicht überall so reibungslos: Vor allem beim Zugriff auf die Lernplattform 365. von Microsoft gab es teils erhebliche Störungen. „Das ist aber nicht nur bei uns so: Ganz Europa greift jetzt gleichzeitig darauf zu“, gibt Luc Weis zu bedenken. Der Leiter des Service de coordination de la recherche et de l’innovation pédagogiques et technologiques (Script) ist einer von 15 Mitarbeitern, die auf dem Campus in Walferdingen geblieben sind und gemeinsam das Rückgrat des Homeschooling organisieren: Hier befindet sich die Hotline, wo Eltern und Lehrer anrufen können, die Rat zu Aufgaben, Prüfungstermine oder anderes suchen. Am Telefon sitzen Lehrer und versuchen, die Anfragen nach Fächern und Kompetenzbereichen zu sortieren und weiterzuleiten.

Von außen ist das nicht zu erkennen, aber damit die digitale Schule daheim funktioniert, arbeiten die Menschen im Script auf Hochtouren. Lernplattformen und Apps werden in der Regel von kleineren und größeren Schulbuchverlagen angeboten; der massive Ansturm bringt auch sie an die Grenzen ihrer Kapazitäten. Andere funktionieren mit Lizenzen, die das Ministerium pro Schuljahr plant, die jetzt außerplanmäßig hinzugekauft werden. Die vielen Sitzungen, eilig einberufene Pressekonferenzen fordern ihren Tribut. Trotzdem ist Luc Weis motiviert und optimistisch: „Wir sind auf die Solidarität aller angewiesen. Und die erlebe ich täglich“, freut sich der Script-Leiter. „60 Lehrer haben sich bei uns spontan gemeldet“, sagt er. Geduld ist in dieser Zeit aber ebenfalls eine Tugend: Plötzlich auf digital umzustellen, ist nicht nur technisch und für die Netzinfrastruktur eine Herkulesaufgabe, sondern zudem menschlich: Noch gibt es in punkto digitalem Fernunterricht viele Unbekannte; wer weiß, wie man Apps benutzt und wer bereits in Nicht-Corona-Zeiten digital unterrichtet hat, ist klar im Vorteil.

Schule ist aber nicht nur ein Ort des Lernens, sondern auch der Zusammenkunft und des Austauschs: An manchen Lyzeen organisieren sich Schüler spontan in Chat-Gruppen, am Lycée Aline Mayrisch gibt es sogar Tipps zum Kochen oder Fitbleiben. Ziel: Den Schülerinnen und Schülern in dieser schwierigen Zeit Struktur zu geben.

Planänderung

Angesichts steigender Infektionszahlen hat der Bildungsminister das Datum, wann die Schulen wieder öffnen sollen, von Ende März auf den 20. April verschoben. Auch die Betreuungsstrukturen bleiben bis nach den Osterferien geschlossen. Schüler sollen bis zum 3. April daheim lernen, danach beginnen die regulären Ferien. Die Tests im Zyklus 4.2., die die Grundlage für die Orientierung in auf die Sekundarstufe bilden (Épreuves communes) und für den 16. März geplant waren, werden in die erste Woche nach Ostern verlegt, die für den 23. März auf die Woche vom 27. April. Für die anschließenden Elterngespräche bleibt Zeit bis zum 8. Mai. Dieselben Änderungen im Zeitplan gelten für die Klassenarbeiten der Sekundarschüler. ik

Ines Kurschat
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