Luxemburgensia

Auf der Suche nach Entschleunigung in die Isolation

d'Lëtzebuerger Land vom 27.03.2020

Um der Gesellschaft und sich selbst zu entkommen, scheint die Flucht nach vorne oft der einfachste und wirkungsvollste Weg zu sein. Statt allerdings auf Weltreise zur Selbstfindung zu gehen, entscheidet sich die Protagonistin in Panta Rhei 2.0. für eine andere Form der Flucht. Sie hat den Veränderungszwang und Optimierungswahn der Gesellschaft satt, in der sie lebt, sie versteht sie nicht mehr – und zieht einen radikalen Schlussstrich. Keine Veränderung mehr: Sie macht nicht mehr mit. Sie zieht in ein speziell angefertigtes Haus mit vier weiten Fenstern, der immer gleichen Aussicht inmitten eines japanischen Steingartens, umgeben von einer zwei Meter hohen Mauer. Hier bleibt alles, wie es ist. Absoluter Stillstand. Kein Kontakt zur Außenwelt. Allein. Doch schnell wird klar, dass dieses Experiment auch psychische Folgen hat – wenn nicht auch Ursachen.

Dieses Setting legt gleich auf mehrfacher Ebene den Vergleich mit dem Unabomber nahe, der nicht zuletzt durch zwei Verfilmungen im popkulturellen Bewusstsein angekommen ist. Theodore Kaczynski war Mathematik-Professor, unter anderem in Berkeley, kündigte unerwartet und zog sich in den 1970-er-Jahren mit dem Wunsch, autark zu leben, in die Wildnis zurück. Dort begann er, Briefbomben zu basteln und zu verschicken, um das „industriell-technologische System“ zu zerstören, das in seiner Weltwahrnehmung omnipräsent und schuldig war. Er sah die Ursachen für das Übel in der Welt, den sozialen Verfall und die Leistungsgesellschaft in den Mechanismen der Technologisierung und des Kapitalismus, die auf alle Bereiche des Lebens übergriffen. Bei seinen Anschlägen starben drei Menschen, viele wurden schwer verletzt. Schlussendlich schickte er ein Manifest an Zeitungen, in dem er seine Vorgehensweise erklärte und so legitimieren wollte – was schließlich zu seiner Identifizierung und seiner Festnahme führte (und das zu lesen man nur empfehlen kann, trotz Wahnwitz und Fehlschlüssen).

In Panta Rhei 2.0. zieht sich die Protagonistin ebenfalls in die Isolation zurück, übt harsche Kritik an der Gesellschaft und an der schnellen Konsum-Logik der Gegenwart. Auch sie wird von psychischen Störungen gebeutelt; auch sie schreibt Artikel an eine Zeitung. Sie ist allerdings weit davon entfernt, eine Terroristin zu sein: Sie versucht nicht mehr, die Gesellschaft zu verändern, der sie sich nicht anpassen konnte, um die ihre Gedanken aber weiterhin kreisen. Und schon gar nicht richtet sie Gewalt gegen andere, sondern vielmehr gegen sich selbst. Sie kehrt sich auf der Flucht vor der Entschleunigung in sich selbst, sieht den einzigen Ausweg in einem endgültigen Rückzug. Die von ihr verfassten Artikel, die das Buch in Kapitel gliedern, stellen ihre einzige, einseitige Kommunikation mit der Außenwelt dar. Sie streifen, wie das Manifest von Kaczynski, Technologie-, Gesellschafts- und Konsumkritik. Doch ihre Texte sind anachronistisch und unlogisch: Sie berufen sich auf Nachrichten und Geschehnisse, von denen die Erzählerin eigentlich nichts wissen dürfte, da sie ja nach eigener Aussage keinen Zugang zu Medien oder Kontakt zur Außenwelt hat. Man glaubt den Artikeln auch nicht, dass sie Artikel sein könnten, sie wirken eher wie erratische Tagebucheinträge.

Die Beobachtungen in den Artikeln in Panta Rhei 2.0. sind introvertiert und sollen eine Psyche im Zerfall spiegeln. Vordergründig kritisieren sie aber die fadenscheinigen Werte der modernen Welt und Menschen und ihre Oberflächlichkeit, ohne in eine fundamentale, theoretische Gesellschaftskritik überzugehen. Dabei verbleiben sie bei den Aussagen eines haters und szenischen, subjektiven und gefühlsgebeutelten Nacherzählungen von Existenzkrisen, die die selbst vorgegebene Form nicht einhalten. Harte Kritik oder auch Gemotze sind nicht per se unspannend, viele VordenkerInnen waren QuerdenkerInnen. Aber dazu braucht die Kritik neue Themen, neue Formen, Spannung, Folgerungen, Substanz. Sonst kann man sich auch das Geschimpfe am Kneipentresen anhören. Aber bleiben Sie lieber noch einige Wochen zuhause und lesen sie ein Buch. Aber ein anderes.

Maryse Hansen: Panta Rhei 2.0. Roman. Books on Demand, Paris 2019. 176 Seiten. 16 Euro.

Claire Schmartz
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