Binge-watching

Heiden!

d'Lëtzebuerger Land vom 03.04.2020

Die 2010 gestartete HBO-Show Game of Thrones entwickelte sich rasch zu einem internationalen Erfolg, ähnliche Nachfolge-Serien ließen nicht lange auf sich warten. Die von Michael Hirst entwickelte Serie Vikings, die seit 2013 auf dem kanadischen History Channel ausgestrahlt wird, ist so eine Produktion, die im Fahrwasser von Game of Thrones schwimmt. Mit nunmehr sechs Staffeln, rund neunzig Episoden, neigt sich diese Wikinger-Saga dem Ende zu.

Gemäß den Standards des Abenteuers geht es auch in Vikings zunächst um den bekannten Topos der Reise: Da gibt es den norwegischen Bauern Ragnar Lotbrock (Travis Fimmle), der gemeinsam mit seiner Frau, der Schildmaid Lagertha (Katheryn Winnick), seinen Gutshof führt. Aber es verlangt ihn nach mehr, er will auf Raubzug gehen und, entgegen den Ansichten seines Anführers Earl Haraldson (Gabriel Byrne), neues Land erkunden ...

Schöpfer Michael Hirst wollte eigentlich eine akademische Karriere in der Geschichtswissenschaft anstreben, bevor er die Filme Elizabeth (1998) und die Fortsetzung Elizabeth – Golden Age (2007) schrieb und dann damit beauftragt wurde, eine Serie um den englischen König Heinrich VIII. (The Tudors) zu entwickeln. Trotz zahlreicher Abweichungen von historischen Fakten und Anpassungen an die Mainstream-Unterhaltung scheint Hirsts offenkundiges Interesse an der alten Geschichte auch in Vikings durch: Die wenigen historisch belegten Ereignisse aus der Wikingerzeit dienen der Serie als Ankerpunkte der Handlung. So zum Beispiel gleich zu Beginn der Überfall auf das Kloster Lindisfarne im Jahre 793 oder auch der Angriff auf Paris im Jahre 885, der einen der dramaturgischen Wendepunkte der Serie darstellt.

Dabei ist es kaum verwunderlich, dass die Serie die realen historischen Zeitangaben stark rafft, um so die wichtigsten Begebenheiten und real existierenden Figuren für die Erzählung nutzbar zu machen und so dramaturgisch zu verdichten. Ein besonderes Augenmerk der Serie liegt ferner auf den äußerst sinnlich-eindrücklichen Szenen der heidnischen Rituale, für die sich Vikings viel Zeit lässt und die sukzessive auf den Zuschauer einwirken. Daran hat nicht zuletzt der Soundtrack erheblichen Anteil, der Stücke der belgisch-norwegischen Formation Warduna einschließt. Deren äußerst kraftvoll-sinnliche Musik kombiniert neben der klassischen instrumentellen Musik auch die Geräusche von Bäumen, Feuer und Steinen, Knochen und Wasser zu einem ganz reichen Klanggewebe.

Die Wikingerzeit blieb im Film weitestgehend unbeachtet, sieht man von einigen prominenten Beispielen ab (The Vikings, 1958), und kaum ein Beitrag war an einer „ernsthaften“ Darstellung wahrhaftig interessiert. Michael Hirst will da eine Lücke füllen und präsentiert Figuren, die nicht den veralteten, klassisch-hollywoodschen Mustern entsprechen. In alldem konstruieren sich diese Wikinger-Identitäten zuvorderst durch Macht. Je mehr Macht jemand erlangt, desto wahrscheinlicher sein Eintrag in die Geschichtsschreibung.

Und doch liegt über alle das schwere Gefühl des unausweichlichen Niedergangs: Parallel zu den Heldentaten der Wikingerzeit berichtet die Serie auch vom Werden Englands, der Einigung der angelsächsischen Königreiche von Northumbria bis Wessex. So, wie sich die Loyalitätskonflikte für Heiden und Christen auf ähnliche Weise gestalten, gibt es auch verwandte soziale Probleme; all diese Figuren sind verwoben in jenen widerspruchs- und gewaltvollen Prozess der Christianisierung, den Vikings abbildet.

Das Schicksal ist so vorhersehbar, wie es für die Helden dieser Erzählung unabwendbar ist: Dieser Ragnar Lotbrock, facettenreich verkörpert von Travis Fimmel, bildet das zentrale Kraftfeld, um das sich eine Fülle weiterer Haupt- und Nebenrollen schart, die zu einem Teil des reichen Charakteraufgebots dieser Serie werden. Da wo Ragnar Lotbrock mit Bedacht und Weitsicht agiert, da schart er das Misstrauen und den Neid seiner Gegner und Anhänger. Intrigen, Bündnisse, Verrat bestimmen diesen Handlungsverlauf auf besondere Weise, jeder scheint sich selbst am nächsten und es festigt sich der Eindruck, dass da alles – ob auf kurz oder lang – auf die große Katastrophe hinauslaufen muss.

Vikings ist keine detaillierte Aufarbeitung historischen Quellmaterials, noch ist sie in diesem Ansatz faktentreu. Vielmehr ist sie als unterhaltsame, nach den gängigen Mustern der Mainstream-Kultur ausgerichtete Geschichtsschau konzipiert.

Marc Trappendreher
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