In ihrer aktuellen Form bringt die Pisa-Studie uns nicht voran

Glaubensfrage Pisa

d'Lëtzebuerger Land du 16.12.2016

Die Leistungen der Luxemburger Schüler und Schülerinnen sind über die vergangenen Pisa-Zyklen hinweg konstant geblieben. Einen klaren Trend – nach unten oder nach oben – haben die Wissenschaftler der Universität Luxemburg und des Script nicht feststellen können.

So bleibt es dabei: Luxemburg liegt im Mittel knapp unter dem OECD-Durchschnitt, wobei die Leistungen eine hohe Spreizung aufweisen. Ein sozio-ökonomisch vorteilhaftes Umfeld führt zu besseren, ein Migrationshintergrund zu schlechteren Leistungen. Dies war die wichtigste Erkenntnis 2000 nach dem ersten Pisa-Schock. Dies wird seit den Anfängen der empirischen Bildungsforschung in Luxemburg Ende der 1960-er Jahre bis heute immer wieder festgestellt. Zuletzt durch den Bildungsbericht 2015 der Universität Luxemburg, aber auch Jahr für Jahr anhand der „Épreuves standardisées“. Auch wird sich das Bild in künftigen Pisa-Studien kaum grundlegend verändern. Bildungsreformen brauchen Zeit, um messbare Resultate aufzuweisen. Viel mehr Zeit, als die alle drei Jahre anstehende Pisa-Studie gewährt.

Pisa 2015 liefert also keine grundsätzlich neue Erkenntnis. Um zu dokumentieren, dass 49 Prozent der 15-Jährigen in unseren Schulen heute einen Migrationshintergrund aufweisen, 2003 waren es gerade mal 30 Prozent, brauchen wir die Pisa-Studie nicht. Diese einzige signifikante Veränderung lässt die Stagnation auf der Pisa-Skala jedoch eher als eine deutliche Verbesserung erscheinen.

Doch Vorsicht bei allen Interpretationen: Pisa verleitet zu schnellen Schlussfolgerungen. Wenn in allen Ländern Migrationshintergrund und sozio-ökonomischer Status mehr oder weniger auf die Pisa-Resultate durchschlagen und die Zusammensetzung der Schülerschaft je nach Land sehr unterschiedlich ist, was sagt das Pisa-Ranking dann noch aus? Der Ländervergleich sorgt zwar alle Jahre wieder für Schlagzeilen, doch eigentlich vergleicht er das Unvergleichbare. Trotz hervorragendem Pisa-Ranking taugen Finnland und Japan mit einem Migrationsanteil von vier Prozent beziehungsweise ein Prozent kaum als generelles Vorbild für das luxemburgische Bildungswesen.

Pisa liefert für Luxemburg nicht mal vergleichbare Bildungssysteme, die bei vergleichbarer Bevölkerungsstruktur erfolgreicher sind und somit als Vorbild dienen könnten. Oder kann der Stadtstaat Luxemburg sich wirklich mit Flächenländern vergleichen? Welches Land zeichnet sich durch eine vergleichbare Heterogenität der Schülerschaft aus? Welches Land strebt für alle Schüler die Mehrsprachigkeit an? Mit welchem Land kann Luxemburg sich kulturell vergleichen?

Jeder Bildungsminister versucht junge Menschen auf die unterschiedlichsten und wechselnden Anforderungen unserer Gesellschaft vorzubereiten. Als reiner Pisa-Minister müsste ich unser Bildungswesen auf Pisa hin optimieren, also zum Beispiel die Mehrsprachigkeit abschaffen, zumindest bis zum 15. Lebensjahr. Denn Sprachkompetenzen außerhalb der Testsprache werden von Pisa nicht wahrgenommen. Unsere Schüler können also viel mehr als das, was Pisa misst. Sollten wir darauf verzichten, um bei Pisa besser abzuschneiden? Würde das junge Menschen etwa besser auf ihr Leben vorbereiten?

Bei der Gestaltung unserer Bildungspolitik kann Pisa somit auch ein schlechter Ratgeber sein. Das spricht nicht gegen eine auf Tatsachen und wissenschaftlichen Erkenntnissen fußende Bildungspolitik. Im Gegenteil, die Notwendigkeit, bildungspolitische Debatten aufgrund einer gesicherten Faktenlage zu führen, ist größer denn je. Nach dem Pisa-Schock wurde auch hierzulande diesbezüglich viel in Bewegung gesetzt. Mit dem Luxembourg Center for Educational Testing (Lucet) wurde 2014 ein nationales Bildungsmonitoring geschaffen, das die Entwicklung von Schülerinnen und Schülern über Jahre misst und dokumentiert und somit den Erfolg oder Misserfolg schulisch-pädagogischer Maßnahmen messen kann.

Könnten wir die Erkenntnisse des Lucet mit vergleichbaren Systemen in vergleichbaren Regionen oder Städten verknüpfen, dann böte es alles, was wir bräuchten, um unsere Bildungspolitik auf empirisch gesicherte Grundlagen zu stützen: eigentlich eine absolute Notwendigkeit in einem Bildungswesen, das auf eine stärkere Autonomie der einzelnen Schulen setzt. Das Lucet wird aber auch eine datengestützte Arbeitsgrundlage für das Observatoire de la qualité scolaire liefern, das die Regierung als unabhängiges Institut plant.

Niemand bezweifelt die Wissenschaftlichkeit der Pisa-Studie. Doch auch solche internationale „State of the art“-Studien stoßen an ihre Grenzen. Wer diese Grenzen einfach ignoriert, handelt fahrlässig oder nutzt die Pisa-Ergebnisse und -schlagzeilen für andere Zwecke.

Welches Interesse könnten wir daran haben, unser Bildungswesen weiterhin mit Hilfe der Pisa-Rankings schlechtzureden? Warum soll es nicht erlaubt sein, auf unterschiedliche Ausgangsbedingungen hinzuweisen? Wieso regt sich bereits Kritik bei der banalen Feststellung, die Pisa-Note sei lediglich ein Durchschnitt, es gebe also viele Schüler mit deutlich besseren, aber auch solche mit schlechteren Leistungen?

Mancher beabsichtigt wohl immer noch, mit Hilfe einer verkürzten Darstellung der Pisa-Studie ein generelles Umkrempeln unseres Bildungswesens zu rechtfertigen. Dabei wissen wir doch hoffentlich: Schüler motivieren wir kaum mit schlechten Noten. Nun, Schulen und Lehrer auch nicht. Hören wir also auf, unser gesamtes Bildungssystem schlecht zu reden! Die einseitige Interpretation der luxemburgischen Pisa-Ergebnisse leugnet die Innovationskraft unserer Schulen und ihrer Lehrer, statt sie zu unterstützen. Lasst uns also einen differenzierten Blick auf das wagen, was gut funktioniert, und auf das, was wir noch verbessern können! Lasst uns Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler und Eltern auf den Weg einer datengestützten Schulentwicklung mitnehmen!

Mit Hilfe der Daten des Lucet können wir analysieren, ob zum Beispiel sprachliche Frühförderung die späteren schulischen Leistungen verbessert. Ob Leistungsunterschiede zwischen sozio-ökonomisch begünstigten und benachteiligten Schülern sich mit dieser Investition in die frühe Kindheit verringern. Mit dem Lucet können wir dokumentieren, wie sich unterschiedliche schulische Angebote im Rahmen der Diversifizierungsstrategie auf die schulische Laufbahn der Schüler mit und ohne Migrationshintergrund auswirken.

Mit diesen und vielen weiteren Maßnahmen geht die Regierung äußerst ambitioniert gegen die von Pisa dokumentierten Bildungsungerechtigkeiten vor. Die Pisa-Studie hat den großen Verdienst, zahlreiche Bildungssysteme aus ihrer Selbstzufriedenheit gerissen zu haben, sicherlich auch das luxemburgische. Wollen wir als Land nicht zurückfallen, dann muss die Politik Antworten auf diese Bildungsungerechtigkeit formulieren. Doch bei der Suche nach für Luxemburg passenden Antworten ist Pisa nicht von großer Hilfe.

Lucet hingegen liefert uns Daten, über die Pisa niemals verfügen wird. Schneller und detaillierter. Das Observatoire de la qualité scolaire kontrolliert laufend, ob die bereitgestellten Mittel zum richtigen Zweck verwendet werden und die erhoffte Wirkung auch erfüllen. Durch objektive Informationen kann es gelingen, Bildungspolitik aus dem Bereich der politischen Glaubensfragen herauszulösen. Nur muss das System dann auch Daten liefern, deren Interpretation nicht selbst zur Glaubensfrage wird. Die Diskussionen der vergangenen Woche zeigen: Allein mit Pisa sind wir noch weit davon entfernt.

Claude Meisch (DP) ist Minister für Bildung, Kindheit und Jugend.
Claude Meisch
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