Kultur im Lockdown

Busy earnin’

d'Lëtzebuerger Land vom 10.04.2020

Öffentliche Veranstaltungen sind einstweilen nicht mehr möglich. Für Schriftsteller in Ländern, in denen man ansatzweise vom Schreiben leben kann, bedeutet der Ausfall von Lesungen gleichzeitig den Ausfall einer Haupteinnahmequelle, umso mehr, als Lesungen mit die wichtigste Form der Vermarktung von Büchern darstellen. Deutschland hat auf diese Notlage freischaffender Künstler mit einer effizienten Gegenmaßnahme reagiert. Vor zwei Wochen schaltete die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa ein Formular frei, mit dem sich Freiberufler um eine einmalige finanzielle Soforthilfe bewerben können. Bei Bewilligung geht bereits zwei Tage nach der Anmeldung das Geld auf den Konten der Antragsteller ein. 5 000 Euro stehen in Berlin ansässigen freischaffenden Autoren zu, und auch außerhalb von Berlin will man in Deutschland auf diesem Weg Miete und Unterhalt für drei Monate sichern. Ähnliche Vorkehrungen werden derzeit in mehreren Ländern Europas getroffen.

In Luxemburg stellt sich angesichts eines Buchmarkts mit sehr begrenzten wirtschaftlichen Möglichkeiten die Frage nach der Unterstützung für Autoren von Anfang an anders. Zwar müssen auch Luxemburger Autoren höhere finanzielle Einbußen aufgrund von ausgefallenen oder auf unbestimmte Zeit verschobenen öffentlichen Terminen in Kauf nehmen. Doch die meisten Luxemburger Autoren bestreiten ihren Lebensunterhalt ohnehin über andere Tätigkeiten, so dass sie die Einbußen, die sie in Zeiten von Corona schultern müssen, in der Regel tatsächlich schultern können. Mit pauschalen Abfindungen von Seiten der Regierung rechnete hier also niemand. Kulturministerium und kulturelle Institutionen sind dafür zügig auf den aktuellen Trend zu Onlinelesungen aufgesprungen, der auf den ersten Blick wenigstens zum Teil alles verspricht, was sich Autoren sonst mühsam erarbeiten oder erstreiten müssen. Für die eingereichten Videos bezahlt das Centre national de littérature mit 350 Euro das gleiche Honorar, das auch für die Lesung vor Publikum als Richtwert gilt. Im Rahmen der von Serge Tonnar initiierten und vom Ministerium unterstützten Reihe Live aus der Stuff werden sogar ansonsten für literarische Lesungen schier undenkbare 500 Euro geboten. Zum finanziellen Anreiz kommt das Versprechen einer Reichweite hinzu, die die Besucherzahlen von Lesungen im realen Raum bei weitem übertrifft. Vor allem für Autoren, die vor kurzem ein Buch veröffentlicht haben und es auf traditionellem Weg nicht vermarkten können, mag das interessant erscheinen.

Hier wie überall werden schon Stimmen laut, die in Onlinelesungen ein künftig unumgängliches Format wittern. Dennoch lässt sich eine gewisse Verhaltenheit unter den Schriftstellern feststellen. Zum einen kann man sich fragen, ob die Onlinelesung tatsächlich leistet, was sie auf den ersten Blick verspricht. Der Autor kann anhand von Likes und Herzchen seinen Text schlechter auf dessen Wirksamkeit abprüfen. Wer weiß schon, wann der Zuschauer hinter dem Bildschirm wirklich zuhört, ob er lacht oder gerade abdriftet oder nebenher kocht oder Textnachrichten tippt? Darüber hinaus bleiben Begegnungen im virtuellen Raum größtenteils aus. Ob Onlinelesungen dabei helfen könnten, professionelle Kontakte zu knüpfen, scheint zweifelhaft. Den Auftritt bei Buchmessen oder Zusammenkünfte mit ausländischen Autoren ersetzen sie jedenfalls nicht. Auch kann man sich fragen, inwiefern sie tatsächlich ein Produkt vermarkten, nämlich ein Buch, und nicht vielmehr den Autor, der da öfter allerhand Faxen macht und seine Inneneinrichtung zur Schau stellt. Wie viele Zuschauer einer Onlinelesung bestellen das Buch des Autors? Man weiß es nicht.

Ganz grundsätzlich stellt sich die Frage, ob die Onlinelesung dem literarischen Leben auf die Sprünge helfen kann oder einfach ein zusätzliches Unterhaltungsangebot darstellt, etwas, was man halt streamt, wenn man Tiger King und Money Heist (siehe S. 19) hinter sich hat. Die Onlinelesung verpflichtet den Zuschauer zu nichts. Deshalb ist es doppelt unsinnig, Klickzahlen als Gütesiegel ausgeben zu wollen, wo doch schon im analogen Literaturbetrieb etwa literarische Auszeichnungen gewöhnlich nicht nach Verkaufszahlen vergeben werden.

Problematisch ist auch die Annahme, dass Onlineangebote gratis sein müssten. Das beginnt bei Veranstaltern und Publikationsorganen, die für Coronatexte und Coronalesungen keine Honorare zahlen. Umgekehrt wäre aber zu überlegen, inwiefern die Zuschauer von Onlinelesungen dazu angehalten werden können, das Vorhandensein eines Angebots nicht als pure Selbstverständlichkeit zu begreifen. Dass die Bereitschaft zur Gegenleistung grundsätzlich gegeben ist, zeigen die jüngsten drei Onlinelesungen des in Hamburg lebenden Schriftstellers Saša Stanišić, bei denen – für wohltätige Zwecke – insgesamt 35 000 Euro gespendet wurden. Zu überlegen wäre, ob und wie man diese Bereitschaft zur Erwerbsmöglichkeit für Autoren (oder allgemein für Künstler) nutzbar machen kann.

Dass Onlinelesungen nicht einfach verzichtbar sind, scheint unstrittig. Wo der reale öffentliche Raum keine Möglichkeit zum kulturellen Austausch bietet, müssen neue Räume erschlossen werden. Insofern sind alle Initiativen, den Kulturbetrieb virtuell am Laufen zu halten, irgendwie begrüßenswert. Bedenkenswert scheint trotzdem, dass Konzepte, die auf Gratiskultur für alle und keinen setzen, dem Credo einer Professionalisierung des Literaturbetriebs entgegenwirken und Gefahr laufen, die Luxemburger Literatur über den Weg des Wohnzimmers zurück in die Hobbyecke zu befördern.

Elise Schmit
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