Die kleine Zeitzeugin

Nach Japan!

d'Lëtzebuerger Land du 01.12.2017

Japaner_innen sind unsere Lieblingsexot_ innen. Keine extreme Hautfarbe, kein Gott, der uns das Fürchten lehrt, ein paar niedliche Eigenheiten gibt es noch, die wir Barbar_innen bestaunen, anmutiges Kopfnicken, diskretes Trippeln, all die rituellen Finessen. Wie die öffentlich zelebrierten Zerknirschtheitszeremonien und Unterwerfungsrituale nach Fukushima uns Langnasen beeindruckten!

Das allerexotischste an ihnen: Sie wohnen in einem Land, beziehungsweise auf 6 852 Inseln, wo es quasi nur ihresgleichen gibt, homogen heißt das, homogenisiert.

Aber sonst sind sie wie wir, wie schön, das macht sie noch beliebter. Wie Super-Wirs allerdings, wie wir gern wären, oder vorgeben gern zu sein, wenn wir nicht so wären, wie wir sind. Sie sind abwaschbarer, mobiler, flexibler, funktionstüchtiger, arbeiten immer, brauchen kaum Schlaf, Gott ersparen sie sich auch. Sie ernähren sich von Algen, sind zäh und atomkräftig und die ältesten Menschen der Welt. Wenn die Erde bebt, zucken sie kaum mit der Wimper. Sie haben uns Sushi geschenkt und Haikus, in denen eine Amsel vor sich hin schaut, wir versinken in Ehrfurcht. Und natürlich Zen, in den Neunzigern verwandelten sich Kapitalismusknechte in Zen-Azubis, be rich, be Zen!

Mustermenschen, kommen schon an Roboter_innen heran, aber sie wissen auch wie man Tee trinkt, und zwar nicht einfach so. Super-Warriors, Effizienz in allem, konzentriert, konsequent. So Haiku, so Harakiri. Natürlich Todesstrafe, wird aber totgeschwiegen, PR unerwünscht. Fairerweise auch perfekt im sich selbst Ermorden; im Gegensatz zu uns haben sie eine Selbstermordungskultur, nicht einfach nur plump von einer Brücke plumpsen.

Todesstrafe buchen wir nicht. Vielleicht sollte das der luxemburgische Tross ansprechen? Der Herr Gramegna unterhält sich aber mit einer Bank, wie RTL informiert. Und ob unser lieber Asselborn dieses, ach, unschöne Thema, vor den Studierenden der japanischen päpstlichen Privatuni mit besten Connections nach Luxemburg und dem Namen einer bulgarischen Hauptstadt anspricht? Ach, komm, wir sind auf Besuch, es steht so viel auf dem Programm, auf dem Spiel. Pop-up-Café zum Beispiel. Wir müssen diese Japaner_innen ins angeblich beschauliche Luxemburg kriegen, sie sehnen sich genau danach, wir füttern sie mit Kochkäse an. Profit-Tiere und Invest-Tiere, alles easy, good vibrations, es ist wie im Paradies. Und überall Weltraum, Etienne Schneider ist endlich nicht mehr lonely, die Japaner_innen nehmen ihn mit auf einen Asteroiden, sie haben ihre Alten schon dort geparkt. Der strahlende Etienne Schneider wird auf einen Himmelsbaum gebeamt, auch der Großherzog schaut drein wie im Siebenten Himmel, mindestens.

Die Fotoalbumanschauerin ist aber ein bisschen enttäuscht: Wo sind die Geishas? Alles sieht aus wie überall, alle Konferenzsäle sehen aus wie alle Konferenzsäle, nur manchmal steht ein Zäpfchen oder vielleicht eine Rakete herum. Und einmal ist ein Teppich so pink wie der Schopf eines Tokio-Punks.

Die bestbezahlten Werbeträger_innen treffen sich. Der weltletzte und einzige Kaiser und der weltletzte, einmalige Großherzog, sie sind die Letzten ihrer Art. Hier stimmt die Chemie, das ist jetzt echt, nicht Marketing, genau dann ist Marketing am besten. Die Fotos zeigen Menschen, die einander mögen. Der Kaiser trägt nicht einmal eine Kaisermaske. Der Großherzog ist glücklich. Wird er jetzt wirklich in seine Heimat abgeschoben?, fragt sich die Albumanschauerin erschüttert. Diese vielen Fahnen mit den Farben seines Landes, die ihm zuwedeln, auch wenn die Menschen Mundschutz tragen, schließlich ist er ein Fremder, wann hat er zum letzten Mal so etwas gesehen? Neben den äußerst hübschen, einzigartigen Fahnen seines Gastgeberlandes, ein großer roter Fleck prangt in der Mitte wie auf siegreich nach einer Hochzeitsnacht gehissten Betttüchern im islamischen Kulturkreis. Aber das hat hier sicher eine ganz andere Bedeutung.

Der gütige Kaisergnom hört der anmutigen, schön ausstrahlenden Prinzessin aufmerksam zu. Liebevoll beugt er sich hinüber zu dem einmaligen Großherzog, dann winken er und die Gattin dem Großherzog und der Prinzessin zum Abschied zu, kommt bald wieder!

Die Oma backt Kuchen!

Michèle Thoma
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