Geiles Schweden

Smorrebrod-Sex

Arctic circle
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d'Lëtzebuerger Land vom 03.03.2017

Eine Stunde Sex pro Tag. Also pro Werktag, falls diesen Ausdruck noch jemand kennt. Garantiert und bezahlt. Denn Sex ist bekömmlich, manchmal nahrhaft, beugt Krankheiten vor und macht unglaublichen Spaß. Er entspannt nachhaltig, peppt Ehen auf und ist gut für die Arbeitsmoral. Wahrscheinlich ist er mindestens so förderlich wie Mozart für Milchkühe. Beim Sex können sogar Kinder rauskommen, angeblich. All das hat ein schwedischer Gemeinderat in einer Sitzung ausgeführt, er plädiert für die Einführung eines täglichen Schäfer_ innenstündchens. Besonders das mit den Kindern findet er ein gutes Argument: In dem 2 000-Seelen-und-Leiberstädtchen, nicht weit vom Polarkreis an der finnischen Grenze, gibt es noch viel Platz.

Geiles Schweden, könnten welche aus ungeilen Ländern denken, in denen Sex halt irgendwie irgendwo irgendwann stattfindet, nebenher, zwischen Tür und Angel, oder eben nicht. Und keiner bezahlt einen dafür, außer man ist ein Sexarbeiter. Viele müssen sogar dafür zahlen. Greise kramen in ihren Souvenirs, blonde Hüninnen tauchen aus feuchten Träumen auf, sie sind kurz beschürzt oder gar nicht, sie sind knackig, gerade richtig muskulös, aber auch ausgiebig mit primären weiblichen Geschlechtsmerkmalen ausgestattet. In der Uucht erzählen sie die Legenden und Sagen aus dem hohen Norden, von Weibern mit hohen Beinen. Einst, vor vielen, vielen Jahren, noch vor der Zeit, als der junge König der Schweden, der lauteren Wesens war wie ein jüngster Märchenmüllerssohn, auf eine Stewardess aus Bayern flog, raunte Mann sich von heißen Schwedinnen zu. Also -innen, von heißen Schweden war nie die Rede. Damals waren die Russinnen oder Thailänderinnen noch nicht erfunden.

Diese Schwedinnen konnten die Mannsbilder in reich bebilderten Bilderbüchern bewundern, die über Grenzen geschmuggelt wurden, unter Theken gehortet und über Theken geschoben wurden. Fernfahrer berichteten über diese Blondinen: Sie seien immer bereit, wie Pfadfinderinnen oder Sportlerinnen, und vor allem unkompliziert, eine bei Mannsbildern außerordentlich beliebte Eigenschaft. Nicht dieser Ti-amo-Stress. Die kühlen Blondinen seien chronisch heiß, würden Sex aber pragmatisch praktizieren. Es war die Zeit, als alle davon redeten, Sex zu machen. Dieses Reich im hohen Norden sei ein Paradies voller junger Frauen, die Gottseidank keine Jungfrauen waren.

Die jungen und alten Männer in den Ländern mit mäßigem Klima und mäßigem Sex erwähnten sie sehr oft.

Irgendwann waren Schwedinnen Schwedinnen wie Portugiesinnen Portugiesinnen sind oder Holländerinnen Holländerinnen, um die Männer kümmerten sich jetzt bildhübsche Ukrainerinnen, die sie liebevoll online empfingen. Sie würden alles machen, und wie auch noch. Von den Schwedinnen hörte man nicht mehr so viel, außer dass sie in vorbildlich praxisorientierten Beziehungen mit ihren Partnern leben würden; manchmal kam die EU vorbei und schaute ihnen dabei zu.

Jetzt kommt also wieder ein Entwicklungsschub, wenngleich logistisch noch nicht alles klar ist. Wäre es diskriminierend, Arbeitslosensexstunden nicht zu bezahlen? Und was ist mit Unbemannten? Wird das so unfair ablaufen wie bei Nichtraucherinnenpausen, die es nicht gibt? Und uff!, sagt Sexmuffel, brauche ich jetzt einen Stempel, etwas aus DNA, aus einer spezifischen?

Aber der Kleinstadt-Gemeinderat beschwichtigt, es gebe keine Kontrollen. Spazierengehen wäre auch sexy.

Wo der Kleinstadtrat wohnt, gibt es sicher Blaubeeren, Heide, es ist immer Tag oder immer Nacht, an solchen Orten braucht man keine Kameraüberwachung. Die Entfernung zum hoffentlich auch adäquat bezahlten paarungswilligen Ehegesponst ist joggend bequem zu überwinden. Dann muss ich mal wieder ran!, nickt staatlicher Sexarbeiter der Nachbarin zu, die auch gerade angehechelt kommt.

Du hast jetzt Sex!, mahnt die Kollegin im Lehrerinnensaal. Der Koch lässt die Suppe stehen, denn die Gattin liegt bereit; sie hat sich online extra was Exotisches bestellt, jeden Tag eine Stunde, da muss man sich was einfallen lassen. Die Gabelstaplerin sticht die Stechuhr und hetzt mit der U-Bahn in den Vorort, für ein Stundenhotel reicht die Entlohnung doch nicht. Vielleicht wäre es überhaupt besser, diese Sexarbeit betriebsintern zu regeln?

Gottseidank gibt es ein Wochenende.

Michèle Thoma
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