Weltwimmelbild

Wir stecken mittendrin

d'Lëtzebuerger Land vom 20.01.2017

Ich weiß nicht, ob ich das verpasst habe, aber ich habe zur Jahreswende kaum Wahrsager_innen wahrgenommen, die uns eine Zukunft verpasst hätten. Dabei müsste die Branche eigentlich boomen. Wer erinnert sich noch an eine Zeit, als mensch vertrauensvoll sagte: „Es steht in der Zeitung“, als ein Leitartikel ein Credo war, das gläubig nachgebetet wurde?

Jede schnappt, zappt, zapft sich ihre News dort, wo sie kann und will, schnappt sich Wirklichkeitshäppchen im Vorbeigehen. Hält es einem anderen unter die Nase. Jetzt sind schon zwei im Besitz der absoluten Wahrheit. Bevor sie, Schwuppdiwupp, ein Fake ist, ein Hoax, ein Jux. Wenn sie nicht das bestätigt, worauf man gerade Bock hat, ein geil dräuendes Untergangsszenario, hinter denm die oder die stecken, meistens die, wird sich flugs auf einer anderen Tankstelle

bedient. Ein amerikanischer Präsident twittert seine im Sekundentakt aufflackernden Eingebungen an die World Wide Community, die nach Erleuchtung dürstet. Das von einem Knallkopf gezündete Feuerwerk ist das einzige Licht. Ein Irrlicht.

Total benebelt stehen wir im Jetzt, hören verglühenden Europäern zu, werden Zeuginnen, wie die großen Länder Europas last minute versuchen, mit Rechts light Impfaktionen gegen Rechts zu starten. Wir flippern herum zwischen RU TV und CNN … wo geht es hier zu Breitbart News? Frauke Petry und Sahra Wagenknecht fetzen sich an einem Tisch, Lechts und Rinks kann man leicht velwechsern. „Was für eine neoliberale Aussage ist das bitte!“, ruft sich die rechtschaffene Linke zur Weltordnung. Selbstversorgerin bastelt sich ihr Weltwimmelbild zusammen, durch das Panzer anrollen, in den baltischen Staaten.

Kann jemand Klartext reden, was hier los ist? Nein, niemand kann es dir sagen. Während du Hausaufgaben mit deinen Kindern machst, dich auf der Karriereleiter nach oben hangelst, Schulden anhäufst, dich therapeutisch besäufst, während du Krankheiten guggelst und leider gerade nicht dazu kommst, endlich ernsthaft den Palästina-Konflikt zu studieren, während du ein bisschen lebst und ein bisschen stirbst, tüfteln Strateg_innen an einer Welt, an was für einer? Hin und wieder schreckt dich ein Video, das du beim besten Willen nicht als verschwörungstheoretisch abtun kannst, aus deiner Hektik und deiner Lethargie. Sollte es wirklich stimmen, dass ...? Es schwindelt dir vor dem perfekt organisierten Schwindel, dem perfekt organisierten Verbrechen, das du dir nie, nie vorstellen konntest. Es war jenseits deiner Vorstellung. Wenn du schon nicht gottgläubig bist, bist du vielleicht doch menschheitsgläubig. Einen grauenhaften Moment lang öffnet sich der Abgrund, Dämonen dozieren hinter Pulten, Stabschef_innen deuten mit Zauberstäben auf Weltkarten und spielen mit Geldkarten. Du verlierst den Boden unter den Füßen, du verstehst plötzlich die abgegriffene Bezeichnung „Spielball der Mächte“. Spielball der Spieler?

Dann musst du ins Büro.

Während wir durch diesen Nebel tappen, in dem wir die Nebelmaschinisten kaum ausmachen können, Irrlichtern hinterher rennen und uns am Jahreswechsel lustige Durchhalteparolen zubrüllen, während wir keinen blassen Schimmer mehr haben, was da abgeht, auf Hoffnungsschimmer setzen, taucht die beklemmende Frage auf: Wie werden unsere Kinder, unsere Nachkommen, wie werden wir im Nachhinein das beurteilen? Es ging alles so schnell, es war so ein Durcheinander, Geld verdienen musste man auch, das Auto, das Haus, die Magenverkleinerung, dann ist es eben so gekommen.

Die Weltkriegsgeschichte zum Beispiel gönnen wir uns gern in sauber getrennten Portionen, Kapiteln: Davor, während, danach. Während, vier Jahre, circa. Aber jetzt erst erfasst die Nachgeborene das Chaos, in dem die Menschen gefangen waren. Zwischen Propagandagöttern und dem täglichen Überlebenskampf. Im Gegensatz zu uns wussten sie nicht, dass das Tausendjährige Reich in vier Jahren Schulbuchgeschichte sein würde. Sie steckten einfach mittendrin.

Das wahre Ausmaß dieser Erkenntnis kommt zumindest mir beschämend spät. Sie ist Schwindel erregend, ebenfalls.

Michèle Thoma
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