Umweltbewusster Antiklerikalismus

Herrgott, sei uns grün!

d'Lëtzebuerger Land vom 27.09.2013

Heute loben wir den umweltbewussten Antiklerikalismus. Nun freuet euch und frohlocket: Die Grünen haben die Trennung von Kirche und Staat in ihrem Wahlprogramm festgeschrieben. Das ist eine wunderbare Nachricht. Wir wissen ja, dass die Religionen mit ihren diversen Machtapparaten überall in der Welt die Umweltzerstörung auf die Spitze treiben. Wo immer flächendeckend vernichtet wird, steckt irgendein religiöser Wahn hinter der kriegerischen Attitüde. Ganz zu schweigen von den Verheerungen in den Köpfen, der Verwüstung der „inneren Umwelt“. Es ist also wirklich an der Zeit, dass die grüne Partei mit den kirchlichen Umweltsündern aufräumt.

Das Schöne an diesem laizistischen Bekenntnis ist, dass sich die Grünen auch schon auf eine strategische Linie geeinigt haben, um die Gotteskrieger in die Schranken zu verweisen. Sie lassen nämlich durchblicken, dass sie durchaus bereit sind, nach dem 20. Oktober eine Koalition mit der CSV zu schmieden. Dies wäre tatsächlich de séchere Wee, Kirche und Staat fair a stabil zu trennen. Die Prozedur ist denkbar einfach: Die CSV schafft – wie angekündigt – den Religionsunterricht in der Sekundarschule ab, der künftige Unterrichtsminister Adam muss dann nur noch das Gleiche für die Grundschule verfügen. Und weg wäre das klerikale Gespenst. Also halbe-halbe, in trauter politischer Eintracht. Wie praktisch und harmonisch kann doch das Regieren sein! So stellen wir uns einen perfekten Neuanfang vor.

Sollte wider Erwarten die CSV nicht zu ihrem Versprechen stehen und sich einmal mehr als Makler billiger Wahlkampflügen entpuppen, haben die Grünen schon ein brisantes Ersatzkonzept in petto. „Trennen“ verstehen sie in diesem Fall eher als „sortieren“, wie bei der Müllentsorgung. Aufgelistet ist dieses alternative Vorhaben unter dem Codenamen Moukentunnel. Wir erinnern uns: Als immer mehr Frösche und Kröten dem Autowahn im nationalen Straßennetz zum Opfer fielen, erfanden die begnadeten Umweltpropheten einen beeindruckenden Rettungsplan, um das Massaker zu stoppen. Sie ließen Tunnel unter den todgefährlichen Straßen graben, um den Mouken zu erlauben, sicher von einer Straßenseite auf die andere zu wandern. Die Idee war insofern toll und sehr produktiv, als das Straßennetz gar nicht abgebaut oder und nicht einmal verringert werden musste. Im Gegenteil, es durfte munter weiterwuchern, die zufriedenen Mouken kümmerten sich nicht länger um die hemmungslose Expansion und spazierten fortan friedlich, allein oder mit andern, durch ihre umweltfreundlichen Röhren.

Nach diesem Modell soll nun nach grünen Vorstellungen die Kirche radikal vom Staat abgetrennt werden. Der Laizistentunnel, eine neue, landesweite Institution, wird es allen gottlosen Luxemburgern ermöglichen, wohlbehütet und gefahrenfrei unter den zahllosen Einrichtungen der katholischen Kirche hindurchzuschlüpfen. In anderen Worten: Unter jeder Kapelle, Kirche, Basilika, Kathedrale, unter jedem Nonnenspital, jeder Caritaszentrale, jedem Kloster wird ein Tunnel angelegt. Schön breit und exzellent beleuchtet, damit die Gottlosen aufrechten Hauptes durchmarschieren können. Zu ungewollten Berührungen mit der Kirche wird es gar nicht mehr kommen. Und quasi als positiver Nebeneffekt wird der etwas angestaubte Begriff „Untergrund“ vollends rehabilitiert im antiklerikalen Mikrokosmos. Der Laizistentunnel erlaubt es nämlich den Gottlosen, die Kirche buchstäblich zu unterwandern. Nach Lust und Laune, sogar mehrmals am Tag, ungehindert und völlig frei. Gegen diese fröhliche Randale in ihrem Wurzelwerk wird die Kirche rein gar nichts unternehmen können. Sie wird ohnmächtig zur Kenntnis nehmen müssen, dass es den tatendurstigen Grünen gelungen ist, Kirche und Staat de facto politisch zu trennen. Das wird ihr Selbstbewusstsein arg ins Wanken bringen, da sind wir uns sicher.

Nun können wir nur hoffen, dass die CSV die ins Haus stehenden baulichen Maßnahmen nicht wegen akutem Kreditmangel blockiert. Die technische Verwirklichung der Laizistentunnel wird einerseits die Bauwirtschaft kräftig ankurbeln, andererseits aber das Staatsbudget erheblich belasten. Hier müssen die Grünen unbedingt Nägel mit Köpfen machen. Sie dürfen auf keinen Fall zulassen, dass der Koalitionspartner CSV ihre Idee gezielt torpediert. Die gottesfürchtige Partei wäre imstande, die längst bestehenden Moukentunnellen ins Spiel zu bringen. Warum sollten die Gottlosen nicht auch diese hervorragende und bewährte Infrastruktur benutzen? Sie sind ja allesamt Tierliebhaber und würden sich mit den Mouken sicher dezent arrangieren. Exzessive elektrische Ausstattungen sind ohnehin überflüssig. Die Gottlosen tappen ja seit ewigen Zeiten im Dunkeln, mit kämpferischem Stolz. Sie haben keine Angst vor pechschwarzen, zappendusteren Übergangslösungen.

Natürlich wird es wahrscheinlich Jahrzehnte dauern, bis alle Laizistentunnel fertiggestellt sind. In der Zwischenzeit können die Grünen ja mal ein paar Sofortmaßnahmen verordnen. Zum Beispiel einen wöchentlichen Veggie Day für alle Reli-gionslehrer. Nur mit Trennkost.

Guy Rewenig
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