Türkei

Der Pipeline-Krieg

d'Lëtzebuerger Land du 26.07.2019

Sonne, türkisblaues Meer, weiße Sandstrände ... Das ist das Mittelmeer-Image vieler Mitteleuropäer seit den Anfangszeiten des modernen Tourismus im 19. Jahrhundert. Doch das Mittelmeer und seine Ressourcen sind seit Jahrtausenden auch eine Arena der Wirtschaftsinteressen und Kriege. Viele Regierungen träumten von großen Ölfeldern im östlichen Mittelmeer. Wenn im Irak und Saudi Arabien und weiter westlich in Libyen und Algerien so viel Erdölreserven schlummern, so das Wunschdenken, müsse es doch auch dazwischen reiche Vorkommen geben.

Tatsächlich wurden vor gut zwei Jahrzehnten Geologen fündig. Es handelte sich zwar nicht um Erdöl, wie man gehofft hatte, aber um Gas. Heute kreuzen dort, in den Gewässern Zyperns, deswegen nicht nur rostige Bohrschiffe in friedlicher Absicht. Sondern auch hochmoderne Kriegsschiffe. Hier hisst ein Land provokant seine Flagge, welches gerade zwischen den Großmächten USA, EU, Russland und China zermürbt wird. Nun versucht es seinen Kopf auch noch gegen Regionalmächte wie den Iran, Israel, Ägypten und Griechenland durchzusetzen. Die Rede ist von der Türkei. Der Streit um das zypriotische Gas, der bereits die türkische und die griechische Marine in Aktion setzte, sieht wie eine weitere Episode des 150-Jahre alten Zypernkonfliktes aus. Doch es geht um mehr: Es kollidieren ernsthafte geopolitische Interessen um das östliche Mittelmeer.

Das nachgewiesene Gasvorkommen mag für Zypern bedeutend sein. Experten sprechen dagegen von einem „Klacks im globalen Energiemarkt“. Von drei Prozent ist die Rede. Die Übertreibung des Potenzials verdanken wir den griechisch-zypriotischen Politikern, die von bis zu 600 Milliarden Euro sprechen – wahrscheinlich zu Wahlkampfzwecken. Das ist verständlich, da für Zypern selbst ein Bruchteil dieses Betrags das schwelende Finanzproblem schlagartig lösen könnte. Die zypriotische Regierung hat die Gewässer um die Insel zu ihrer ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) erklärt und internationalen Öl-Firmen Bohrlizenzen erteilt.

Ankaras Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Die Türkei, die den Norden der Insel militärisch besetzt hält und dort strategisch-militärische Interessen verfolgt, erklärte ihrerseits eine AWZ. Damit sieht Ankara die zyprischen Ansprüche als erledigt an. – Ebenso, wie die Türkei die Existenz des EU-Mitglieds Republik Zypern nicht anerkennt. Ein gefährlicher Wettstreit hat begonnen: Kriegsschiffe verhindern die Bohrungen. Internationale Konzerne protestieren. Drohungen werden laut. Das türkische Regime spricht sogar unverblümt von militärischen Optionen.

Die EU reagierte jetzt ungewöhnlich scharf und mit einem eher seltenen Schritt: Sie verhängte Sanktionen gegen die Türkei. Regelmäßige hochrangige Gespräche mit Ankara wurden ausgesetzt. Verhandlungen über den Luftverkehr abgesagt und Beitrittshilfen gekürzt. Auch hier setzt sich die Türkei selbstbewusst zur Wehr. Außenminister Mevlüt Cavusoglu gab sich betont gelassen, erklärte jedoch, dass sein Land das Rücksendeabkommen mit der EU einfriere. Damit nimmt die Türkei nun keine Migranten mehr zurück, die ungeregelt aus der Türkei in die EU gelangen.

Die Eskalation hat wenig mit dem Zypernkonflikt selbst zu tun. Vielmehr reagieren sowohl die EU, als auch Ankara auf neuere Entwicklungen, die die Türkei in der Region politisch isolieren und ihre langfristigen wirtschaftlichen Strategien bedrohen. Seit den 1990-er Jahren setzen türkische Strategen, Diplomaten und Politiker alles daran, die Türkei zu einem wirtschaftlichen Dreh- und Angelpunkt zwischen Asien und Europa zu machen. Dafür kooperiert Ankara zum Beispiel mit China beim umstrittenen Seidenstraßen-Projekt. Der Plan, die kaukasischen, iranischen und irakischen Ölfelder mit Pipelines durch türkisches Territorium mit den Märkten der EU direkt zu verbinden, gehört ebenso dazu.

Bisher konkurrierte die Türkei in diesem Gebiet hauptsächlich mit Russland, welches das Energie-Monopol der Region beansprucht. Jetzt kommen, so befürchtet es Ankara, weitere Konkurrenten hinzu: Nicht nur Zypern will der EU Gas verkaufen, sondern auch Israel und Ägypten. Diese drei Staaten, zusammen mit Griechenland, Libanon, Jordanien und sogar der palästinensischen Autonomiebehörde haben nun beschlossen ihr eigenes Pipeline-Netzwerk zu bauen. Ein teures Unterfangen. Was bisher aus wirtschaftlichen Gründen kaum Chancen hatte, ist aber heute gerade wegen der aggressiven türkischen Außenpolitik rentabel geworden. Längst liegt die Türkei mit diesen Staaten im Clinch. Kein Wunder, dass die Konkurrenten mit ihrer Initiative die Hoffnung verfolgen, Ankara nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich zu isolieren. Und nun schließt sich ihnen auch noch die EU, wenn auch indirekt, an.

Werden die alternativen Pipeline-Pläne im östlichen Mittelmeer wahr, so viel ist sicher, werden die Pipelines durch die Türkei kaum noch benötigt. Es ist also nicht überraschend, dass die Türkei auf diese „By-Pass-Operation“ höchst alarmiert und aggressiv reagiert. Denn neben dem finanziellen Ausfall erledigt sich für Ankara obendrein die Chance, sich als unverzichtbarer Partner der EU aufzuschwingen. Selbst Schuld, könnte man sagen. Doch das Taktieren könnte Schlimmeres nach sich ziehen. Denn, wenn das Regime in der Türkei hier den Kürzeren ziehen muss, ist es nicht auszuschließen, dass die Türkei ihren Joker in anderen Gewässern suchen wird. Ankaras Alternativen wären dann Freundschaft mit Moskau, Beijing oder – Teheran. Der „Klacks Gas“ im Mittelmeer hat das Zeug dazu, künftig für noch größere Spannungen im Nahen Osten zu sorgen.

Cem Sey
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