Mobbingvorwürfe und interne Konflikte: Der Cercle de Coopération des ONGD steht vor schweren Problemen

„Gestëppels a Gestreits“

d'Lëtzebuerger Land du 08.05.2020

Schieflage Wenn Nicole Etikwa Ikuku am
18. Mai ihren neuen Posten als Direktorin des Cercle de Coopération des ONG de développement antritt, wird sie vor einer Aufräumarbeit stehen. Die 43-jährige Soziologin mit langjähriger Erfahrung in leitenden Funktionen des NGO-Bereichs (ASTM) tritt an die Spitze einer Organisation, bei der sich über die vergangenen Jahre gleich mehrere Probleme angehäuft haben: Machtkämpfe zwischen Angestellten und Verwaltungsrat, interne Streitigkeiten, Mobbingvorwürfe und ein Mangel an Ideen und neuem Input. Eine Recherche des Land hat ergeben, dass der Dachverband der NGOs im Kooperationsbereich in eine Schieflage geraten ist.

In einem Schlichtungsschreiben zwischen zwei Angestellten spricht ein Psycholge von „unklaren Hierarchien“ und „schweren Problemen“ in der „Gouvernance und der Funktionsweise“ des Cercle. Ein Gutachter des Außenministeriums kommt zu einem ähnlichen Ergebnis, da geht unter anderem die Rede von „Mikromanagement“ und von unklarer Aufgabenverteilung. Personen, die dem Cercle nahestehen, sprechen von „schlimmen Zuständen“. Und auch der Verwaltungsrat des Cercle gibt auf Nachfrage offen zu, dass die vergangenen Jahre eher suboptimal waren. „Der Cercle steht vor einer Reihe struktureller Probleme“, so Verwaltungsratsmitglied Richard Graf. „Wir haben alle schon kurzzeitig darüber nachgedacht, gemeinsam zurückzutreten.“ Zu diesen hausgemachten Problemen kommt ein tragisches Schicksal hinzu: Vor wenigen Wochen ist der langjährige Präsident Armand Drews verstorben.

Streitkultur Der Cercle ist, wie so viele Vereine der Luxemburger Zivilgesellschaft, ein Kind der Thorn-Ära. Ende der 1970-er-Jahre schlossen sich damalige Wohltätigkeitsvereine zusammen, um europäische Gelder aus Brüssel zu beantragen. Es war eine Zeit, in der es noch kein Ministerium für Entwicklungshilfe (wie Kooperationsarbeit damals noch hieß) gab. Viele Aktivisten der ersten Stunden wie Richard Graf, René Kollwelter oder auch Jean Feyder stehen auch heute dem Cercle noch nahe. Und wer auf die rund 40 Jahre Entwicklungsarbeit in Luxemburg zurückblickt, muss eigentlich von einer Erfolgsgeschichte reden. Denn der NGO- und Kooperationsbereich in Luxemburg hat sich äußerst dynamisch entwickelt. Die NGOs haben sich vervielfacht, professionalisiert und sind heute zu wirkkräftigen Akteuren der Gesellschaft geworden. Der Bereich der Kooperation in Luxemburg umfasst ein Business von derzeit fast 500 Millionen Euro. Er genießt große Rückendeckung in der Bevölkerung, obwohl nicht immer völlig transparent ist, was eigentlich mit den Geldern passiert. Der Cercle selbst verfügt als Asbl über ein jährliches Budget von rund 500 000 Euro, das zu 80 Prozent von öffentlicher Hand finanziert wird. Er vertritt rund 83 Mitgliederorganisationen aus Luxemburg und ist, wenn man so will, der Lobbyverband der Kooperationsvereine.

Böse Zungen behaupten, im Cercle habe stets ein latentes Konfliktpotential geherrscht. Bei einer hohen Anzahl von meinungsstarken Mitgliedern lässt sich eine Streitkultur, die auch produktiv sein kann, wohl nicht vermeiden. Aber tatsächlich beginnen die derzeitigen Probleme des Cercle, die über Meinungsdivergenzen hinausgehen, vor rund drei Jahren. Seit dem Rücktritt von Christine Dahm als Direktorin ist an der Spitze keine Ruhe mehr eingetreten. Christopher Lilyblad war nach einem halben Jahr passé, Fabien Ledecq gab den Posten als leitender Koordinator nach nur einem Jahr auf. Seither ist der Posten vakant. Im vergangenen Sommer versuchte der Verwaltungsrat einen neuen Direktor zu finden – vergeblich.

Intern hat man sich seit Lilyblad auf das Prinzip der flachen Hierarchien geeinigt: Jeder agiert autonom in seinem Aufgabenbereich, im Kollektiv werden gemeinsam Lösungen für sonstige Probleme getroffen. Was in der Theorie nach einer konfliktarmen Organisationsform klingt, scheitert in der Praxis grandios. Die Verwaltungsratsmitglieder sollen sich herrisch in Details des Alltagsgeschäfts einmischen. Und unter den Angestellten soll Véronique Faber (seit November des vergangenen Jahres auch Präsidentin des Verwaltungsrats von Radio 100,7) die Zügel an sich gerissen haben. Das Ergebnis: „Dräi Joer nëmmen Gestëppels a Gestreits“, so ein Mitglied des Verwaltungsrats.

Der geschasste Parvenü Im Dezember des vergangenen Jahres sprach das Land mit Christopher Lilyblad, der mittlerweile für die Vereinten Nationen auf Kap Verde arbeitet. „Ich würde es als die schlimmste Zeit meines Lebens bezeichnen“, so Lilyblad über sein halbjähriges Intermezzo beim Cercle. Der Verwaltungsrat habe ihm als Direktor ständig auf die Finger geschaut, die Angestellten hätten hinter seinem Rücken intrigiert und seine Ideen wurden allesamt boykottiert. „Ich habe sicher auch Fehler gemacht“, so Lilyblad, „aber ich hatte eigentlich von Beginn an keine Chance.“

Lilyblat war 2018 als 29-jähriger Parvenü mit hohen Abschlüssen in den Vereinigten Staaten und an der Oxford Universität durch den Zuspruch von Armand Drews an der Spitze des Cercle gelandet. Ihm war klar, dass er mit seinem selbstbewussten Yuppie-Stil in der linksalternativen Szene anecken könnte. Aber er hätte sich doch mehr Offenheit und Toleranz in einem Verein erhofft, der gerade diese Werte hochhalten will. Lilyblad erinnert sich insbesondere an seinen ersten und an seinen letzten Tag als Direktor. Am ersten Tag sei er gebeten worden, die Sitzung des Verwaltungsrats zu verlassen. Es ging um Personalentscheidungen, es hieß, er sei noch zu unerfahren, um an den Gesprächen teilzunehmen. „Mir wurde ständig gesagt, ich sei zu unerfahren oder mir wurden irgendwelche Fehler unterstellt, Vertrauen habe ich eigentlich nie gespürt.“ Und am letzten Tag seiner Probezeit hat er sein Kündigungsschreiben erhalten. „Es war der letzte Tag, an dem es für den CA möglich war, sich problemlos von mir zu trennen.“ Ohne Aussprache und Vorwarnung musste Lilyblad die Fakten zur Kenntnis nehmen. „Ich bin froh, dass ich nichts mehr mit diesen Leuten zu tun haben muss“, sagte Lilyblad. Aber er gab im Dezember auch zu bedenken, dass es wohl noch weitere Opfer der „Intrigen- und Mobbingkultur“ im Cercle geben würde, sofern sich nichts ändert.

Der Fall Anyanwu Lilyblad sollte recht behalten: Denn im vergangenen Jahr kam es zu einem Konflikt, der eskalierte und sich mittlerweile vor Gericht befindet. Oke Anyanwu, ein deutscher Staatsbürger mit nigerianischen Wurzeln aus Berlin, hat im vergangenen Mai eine befristete Stelle für ein Jahr angetreten, um eine Person im Elternurlaub zu ersetzen. Er wurde während zwei Wochen angelernt und sollte die Arbeit (u. a. Weiterbildungen von Partnerorganisationen) eins zu eins übernehmen. Als jedoch mit Fabien Ledecq zusätzlich eine Person den Cercle verließ, sollte Anyanwu, anders als im Vertrag festgehalten, weitere Aufgaben übernehmen. „Ein Workload, das nicht zu stemmen war“, so ein Beobachter der Situation.

Neues Land, neue Sprachen, neue Gepflogenheiten – Anyanwu fühlte sich überfordert. Da er jedoch keine weitere Hilfe erhielt, begann er zu improvisieren. Und er packte die Dinge so an, wie er sie als erfahrener Coach in der Kooperationsarbeit für sinnvoll hielt. Das kam offenbar nicht gut an. „Alles was ich machte, wurde als stümperhaft dargestellt“, so Anyanwu. Er nahm sich die Kritik anfangs zu Herzen, hatte aber irgendwann das Gefühl, unfair behandelt zu werden. Er merkte, dass etwas nicht stimmte, dass manche gleicher waren als andere in der sogenannten flachen Hierarchie. Und er geriet vor allem häufiger mit einer Person aneinander: Véronique Faber. „Als ich begann, ihr in einigen Punkten zu widersprechen, hat sie mir das Leben zu einer Qual gemacht“, so Anyanwu. Er sagt, sie habe im Verwaltungsrat, aber auch bei Partnerorganisationen Stimmung gegen ihn gemacht. Unter anderem durch die Initiierung einer Unterschriftenliste, die seine Entlassung in seiner Probezeit erzwingen sollte. Ein Mitglied im Verwaltungsrat, sowie ein Angestellter einer Partner-ONG des Cercle bestätigen, von der Liste Kenntnis zu haben – sprechen vom „Versuch einer Hetzjagd“, die jedoch zunächst nicht fruchtete.

Im Dezember des vergangenen Jahres soll sich der Konflikt dann zugespitzt haben. Nach einem Mailaustausch, in dem es zu einem Meinungsaustausch zwischen Faber und Anyanwu kam, soll Faber gegenüber dem Verwaltungsrat Beschwerde gegen Anyanwu eingereicht haben. Er habe sie unter anderem in der Büroküche aggressiv bedrängt. Als Anyanwu davon erfährt, fühlt er sich in die Ecke gedrängt und als Opfer einer Intrige. „Die wollten mir etwas andichten, um mich loszuwerden.“ Der Verwaltungsrat nimmt sich der Sache an und entscheidet nach mehreren Gesprächen Anyanwu Hausverbot zu erteilen und ihn ab Mitte Januar von seiner Arbeit freizustellen.

Juristisches Nachspiel Oke Anyanwu kann bis heute nicht fassen, was passiert ist. „Es ist genau umgekehrt, ich bin diskriminiert und gemobbet worden.“ Das Problem: „Niemand will mir glauben.“ Er war bei der Polizei, bei der ITM und hat auch einen Beschwerdebrief gegen den früheren Präsidenten Armand Drews beim OGBL eingereicht. Die Polizei habe ihn abgewiesen, die ITM sehe den Fall nicht in ihrem Zuständigkeitsbereich und der OGBL habe nicht einmal reagiert. Mittlerweile ist er Mitglied bei der Gewerkschaft LCGB, die auf Nachfrage betont, sein Anliegen zu unterstützen. Und er hat Klage gegen den Cercle eingereicht. Allerdings nicht wegen den Vorwürfen von Mobbing und Diskriminierung, sondern weil er der Auffassung ist, dass die Freistellung nicht rechtens war und der Cercle ihm, wegen der Überstunden, die ihm aufgedrückt worden waren, noch Geld schulde. Sein Anwalt Erico d’Almeida der Kanzlei Luxlex bestätigt, dass das Verfahren vor dem Arbeitsgericht im März angelaufen sei, nachdem ein außergerichtlicher Vergleich nicht möglich war.

Veronique Faber zeigt sich im Gespräch mit dem Land überrascht gegenüber den Anschuldigungen, die allesamt „vollkommen unbegründet“ und „falsch“ seien. Ferner sei sie von Anyanwu belästigt worden, wie auch eine Analyse des Verwaltungsrats erzeigt hätte. Der Anwalt des Cercle hätte beide Personen gebeten, ihre Seite der Geschichte schriftlich mitzuteilen. Doch Anyanwu hätte von diesem Angebot keinen Gebrauch gemacht. Verwaltungsratsmitglied Richard Graf sieht das ebenso und sagt, dass man sich nichts vorzuwerfen habe. „Er hat sich in seinen Anschuldigungen verrannt und kann nichts davon belegen.“ Das habe auch eine Analyse des Centre pour l‘égalité de traitement (CET) ergeben, die dem Land jedoch nicht vorliegt. „Es war lediglich ein Fehler, ihn überhaupt einzustellen“, so Graf. Das sehen jedoch nicht alle Mitglieder im Verwaltungsrat so. Die Politikerin Colette Mart (DP) ist unter anderem wegen der Handhabung des Falls Anyanwu aus dem Verwaltungsrat zurückgetreten. Andere äußern ebenfalls ihren Missmut: „Wir hätten es nie so weit kommen lassen dürfen.“ Die Eskalation im Fall Anyanwu sei der Höhepunkt einer verfehlten Gouvernance und eines jahrelangen Missmanagements im Cercle.

Pol Schock
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