Die ersten Sprachförderkurse im Lyzeum gab es in den 1980-ern

Aus der Not heraus

Lycée technique du Centre, Luxemburg
Photo: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land du 17.03.2017

Das Lycée Technique du Centre kann als Sprachenpionier in der Hauptstadt gesehen werden. Es war eine der ersten Sekundarschulen, die bewusst Sprachförderkurse für Neuankömmlinge einrichteten. Was damals als Exotikum galt, trotz anfänglicher interner Kritik umgesetzt und manchmal spöttisch belächelt wurde, hat heute Modellcharakter im Umgang mit Schülern aus unterschiedlichen sprachlichen Kontexten. D’Land sprach mit Netty Maas, Deutschlehrerin und beigeordnete Direktorin des LTC.

D’Lëtzebuerger Land: Das Lycée Technique du Centre (LTC) war in Sachen Sprachförderung Vorreiter. Ihre Schule begann bereits in den 1980-er Jahren mit Deutsch-Förderkursen. Warum?

Netty Maas: Aus purer Notwendigkeit. Wir beobachteten damals, dass die Sprachanforderungen zunehmend als Barrieren wirkten. Dass das bestehende Angebot nicht mehr adäquat für alle unsere Schüler war.

Wie war damals das Profil Ihrer Schüler?

Wir hatten Deutschkurse für Anfänger, die sich speziell an Einwandererkinder richteten, die Schwierigkeiten mit Deutsch hatten, vornehmlich Kinder der zweiten Generation. Ich habe damals zum Beispiel Paramédicale-Schüler in Deutsch unterrichtet. Ähnliche punktuelle Initiativen gab es damals auch an anderen Schulen.

Über die Jahre hat das LTC sein Sprachangebot beständig erweitert: von Deutsch-Förderklassen bis zur frankofonen Berufsausbildung. Wie kam es dazu?

Es ist schwierig, einen klaren Zeitpunkt zu bestimmen, das hing zum Teil von den jeweiligen Personen ab, die sich dafür eingesetzt haben. In den 1990-er Jahren, mit Siggy Koenig als damaligen Chefberater im Unterrichtsministerium und Christiane Tonnar vom Ausländerreferat, kam der Stein ins Rollen und die Initiativen wurden systematisiert.

Hatten Sie als LTC-Schulleitung nicht Sorge, durch Ihr Engagement in eine bestimmte Ecke gerückt zu werden?

Doch, sicher. Es gab damals viele kontroverse Diskussionen, auch innerhalb der Schulleitung. Weil wir damals zur ‚Ausländerschule‘ gestempelt wurden und es Sorge gab, wir könnten andere Schülergruppen deshalb verlieren oder nicht erreichen. Inzwischen ist Vielfalt in Herkunft und Sprache normal in der Schullandschaft.

Heute bietet Ihre Schule eine ganze Palette sprachlich differenzierter Ausbildungswege an.

In der Berufsausbildung hat sich nicht viel geändert. Wir haben lediglich mehr frankofone Ausbildungen. Das ist nötig, denn die Nachfrage wächst. Wir verschaffen Jugendlichen, die Schwierigkeiten mit dem herkömmlichen Fachdeutsch in der Berufsausbildung haben, dadurch einen Zugang zu einer soliden Ausbildung.

Das Ministerium hat den Mangel an frankophonen Ausbildungen immer mit der Schwierigkeit begründet, Berufsschullehrer zu finden, die auf Französisch unterrichten. Dies obwohl nur Lehrer in den Staatsdienst aufgenommen werden, die alle Amtssprachen perfekt beherrschen.

Das stimmt. Es ist noch immer nicht einfach, Lehrer zu finden, die auf Französisch unterrichten. Und noch immer gibt es Ausbildungswege, die nicht auf Französisch angeboten werden und deshalb bestimmten Jugendlichen verschlossen bleiben. Hinzu kommt aber ein weiteres Problem: Für unsere Schüler ist es je nach Ausbildungszweig schwer, eine Lehrstelle oder einen Praktikumsplatz zu finden, zum Beispiel im Sekretariat, denn da gibt es zusätzliche Konkurrenz durch die Absolventen des Technique und des Technicien.

Woran liegt das? Etliche Frankophone aus der Großregion, die täglich nach Luxemburg pendeln, arbeiten in diesem Bereich.

Ja. Es ist eigentlich nicht nachvollziehbar, immerhin wird im Büro, in Banken, im Einzelhandel hauptsächlich Französisch gesprochen. Unsere Schüler können außer Französisch einigermaßen Luxemburgisch und sogar weitere Sprachen. Hier geht es um Lohnpolitik, so ehrlich sollte man sein.

Das LTC bietet seit 2010 den Baccalauréat International (BI) in Französisch an. Hat sich das Angebot inzwischen etabliert?

Der BI ist fester Bestandteil unseres Schulangebots. Dieses Jahr starten zwei 4e-Klassen, mit jeweils über 20 BI-Schülern. Wir sind stolz darauf; letztes Jahr haben alle unsere BI-Schüler das Schlussexamen erfolgreich absolviert.

Welches Profil haben die BI-Teilnehmer?

Die meisten, rund zwei Drittel, stammen aus unserer Schule. Sie wollen später studieren. Der BI verlangt den Schüler einiges ab, der Akzent liegt darauf, Gelerntes anzuwenden. Wer schulmüde ist und nicht eine gewisse Autonomie mitbringt, für den ist das nichts. Wir bekommen auch Anfragen von außerhalb. Schüler, die aus dem Ausland zu uns kommen, müssen zunächst Einstufungstests sowie den obligatorischen Französischtest absolvieren. Ich spreche persönlich mit allen Bewerbern, um ihre Beweggründe und Motivation einzuschätzen.

Die zentralisierten Aufnahmetests für Neuankömmlinge im Luxemburger Schulsystem, die im Ausländerreferat (Casna) des Ministeriums organisiert und durchgeführt werden, gibt es noch nicht lange.

Früher haben wir jeden einzelnen potenziellen Schüler einer 7e persönlich gesprochen, um uns ein Bild von dessen Fähigkeiten zu verschaffen. Irgendwann konnten wir diesen Aufwand nicht mehr betreiben. Mehrere Schulen setzten sich dafür ein, dass jeder der Schüler, der aus dem Ausland nach Luxemburg kommt, zuvor Einstufungstests durchläuft. Denn nur so lässt sich Chancengleichheit herstellen. Inzwischen funktioniert das prima und ich bin sehr dankbar, dass es den Casna gibt.

Sie bieten BI-Schülern, die bereit sind zu lernen, die sich aber oft aus familiären oder sozialen Gründen schwer damit tun, psychosoziale Unterstützung. Wie wichtig ist diese Hilfe?

Sie ist unentbehrlich. Denn das betrifft fast die Hälfte, wenn nicht zwei Drittel unserer Schüler. Wir haben viele, die kein Zimmer zum Lernen haben, die sich um Geschwister kümmern müssen, manche gehen sogar arbeiten. Es fehlen Internatsplätze oder Strukturen, wo diese Jungen und Mädchen zumindest für die Zeit vor den Prüfungen unterkommen und Ruhe zum Lernen finden können. Ohne die hervorragende Arbeit unserer Erzieherinnen und Erzieher würden viele die Schule nicht erfolgreich abschließen. Auch unsere Lehrer versuchen, unsere Schüler nach Kräften zu unterstützen.

Wie geht das neben dem Unterricht?

Es ist eine Frage der Einstellung und der Schulkultur. Die meisten Schüler kennen wir seit der 7e. Da entstehen fast familäre Beziehungen. Wichtig ist es, Zeit und Ressourcen zu finden. Das ist nicht immer einfach.

Zurzeit wird viel über die Herausforderungen diskutiert, die die große Vielfalt der Schüler an die Luxemburger Schule stellt. Sie wird in den nächsten Jahren eher zu- als abnehmen.

Wir suchen weiter nach Antworten. Dieses Jahr bieten wir erstmalig zwei 6e-Klassen an für Neuankömmlinge, die sich gut entwickeln. Eltern wünschen sich mehr Angebote auf dem Niveau des Classique. Wir wollten aber bewusst nicht mit einer 7e-Classique beginnen, weil wir das Jahr zur Beobachtung und Bewährung nutzen – und dann erst differenzieren. Deshalb gibt es nun die 6e. Außerdem wollen wir Luxemburgischsprachige stärker in Französisch fördern. Ab der 7e soll es für sie Französisch als Fremdsprache geben.

Tatsächlich betrifft das Sprachenproblem keineswegs nur Einwandererkinder: Luxemburger Schüler kämpfen mit Französisch als Unterrichtssprache.

Ja, die Malaise ist groß. Wir werden daher in den 7e- und 6e -Klassen Mathe auf Deutsch anbieten und allmählich auf Französisch wechseln. Zusätzlich soll es Englisch ab der 7e geben; wir möchten die Sprachen insgesamt anders gewichten. Das entsprechende Pilotprojekt hat das Ministerium abgesegnet.

Immer mehr Schulen diversifizieren ihre Angebote, besonders im Sprachenbereich. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Sie ist angesichts der Vielfalt unserer Schüler völlig nachvollziehbar. Aber ich muss gestehen, ich mache mir auch Sorgen. Einerseits weil ich mich frage, wie Eltern, Schüler, Lehrer die Angebote überblicken sollen. Wie finden sie heraus, was gut für sie beziehungsweise ihr Kind ist? Andererseits stellt sich mit der zunehmenden Diversifizierung die Frage nach der Vergleichbarkeit immer mehr: Wenn jede Schule eigene Sprachangebote entwickelt, was ist dann am Ende ein Abschluss wert?

Ines Kurschat
© 2017 d’Lëtzebuerger Land