L'école des femmes

Das Los der Frauen

d'Lëtzebuerger Land du 05.10.2006

Das "Erste-Viertelstunde-Phänomen" bei Molière-Vorführungen: So wie ein weit entfernter Planet sieht der Zuschauer die französische Welt des 17. Jahrhunderts am Horizont schweifen. Ein Zusammenprall mit der ganz und gar realen Welt des 21. Jahrhunderts auf Planet Erde scheint sehr unwahrscheinlich. Das "Erste-Vierstelstunde-Phänomen": dem Zuschauer scheint, er werde die nächsten Stunden in völligem Unverständnis der Dialoge, der Figuren und der Erzählung verbringen müssen. Er mag sich fragen, warum es 342 Jahre nach der Uraufführung in Paris Theaterregisseure gibt, die einen alten Zopf wie L'école des femmes wieder zu Ehren bringen. Dass der Beipackzettel des Théâtre du Centaure zudem den Spagat vom 26. Dezember 1662 zum Schicksal aller geschundenen Frauen des Jahres 2006 ("Et Agnès aujourd'hui?") wagt, macht die Vorahnung nur schlimmer. Während der ersten Viertelstunde, sprich im ersten Akt, erfährt man, dass der in die Jahre gekommene Arnolphe dem Bund der Ehe nicht abgeneigt wäre. Dass er jedoch allen Frauen zutiefst misstraut und dass er deshalb seine Auserwählte, die blutjunge Agnès, nach seinen Vorstellungen in einem entlegenen Kloster erziehen lässt. Der jüngere Horace (Jules Werner) gesteht Arnolphe seine Liebe zu Agnès – ohne zu wissen, dass es eben dieser Arnolphe ist, der das Schicksal der jungen Frau zu bestimmen scheint.

«Dans un petit couvent, loin de toute pratique, Je la fis élever selon ma politique ; C'est-à-dire, ordonnant quels soins on emploierait Pour la rendre idiote autant qu'il se pourrait.»

Nach den ersten Minuten des Suchens und Versuchens wird man doch, so nach und nach, in die scheinbar so entfernte Lebensphilosophie des 17. Jahrhunderts eingeführt. Nach der ersten Viertelstunde werden Molières Verse doch sehr verständlich, und der Witz der alten Komödie erzielt mitunter wieder seine Wirkung. Dass man sich letztlich völlig auf diesen Klassiker der französischen Literatur einlassen kann, verdankt man, erstens, dem Ort des Geschehens und, zweitens, der Kunst der Darstellung. Nachdem wir in Luxemburg Molière eher durch die Inszenierungen der größeren Bühnen kennen lernen durften, spielt diese Regiearbeit von Marja-Leena Junker mit der Enge des Théâtre du Centaure. Den Schweißperlen des schnaufenden Jean-François Wolff in der Rolle des Arnolphe kann man höchstens auf dem Balkon entgehen. Die Schauspieler sitzen uns fast auf dem Schoß – dies ist der Grund, warum dieser Saal besonders liebenswert bleibt. Und warum Molière dann doch keine Lichtjahre entfernt ist. In den schon erwähnten ersten 15 Minuten erscheint ein neues Gesicht der Luxemburger Theaterbühne: Anouk Wagener, im Leben genau so blutjung wie es die Rolle vorsieht, spielt sie Agnès. Am Anfang mag man vermuten, dass die junge Schauspielerin zwischen dem Koloss Wolff und dem versierten Schauspielkollegen Jules Werner eigentlich nur untergehen kann. Am Anfang ist diese Agnès ja wahrlich sehr naiv, sehr kindlich, dümmlich. Doch Molières L'école des femmes beschert Anouk Wagener im dritten Akt den intensivsten Auftritt des Stückes: Arnolphe, der die junge Frau zu einer Ehe mit ihm zwingen will, lässt Agnès sein düsteres Regelwerk der devoten Ehefrau vorlesen. Während das Hochzeitskleid immer fester um ihren Leib geschnürt wird, wird der künftigen Braut ihr grausames Schicksal bewusst. Genau in dieser Szene ist das 21. Jahrhundert nicht mehr so weit entfernt. Beim Anblick der jungen Agnès, die der Mann nach seinen Vorstellungen formen, erziehen und letztlich besitzen möchte, ist der Gedanke an die weggeschlossene Natascha Kampusch aus Österreich nicht weit. Oder das Bewusstsein, dass auch in unserem Zeitalter noch Beschneidungen und Ehrenmorde an Frauen zur Tagesordnung gehören. Wie gesagt, ganze 342 Jahre nach der Uraufführung ei­nes Theaterstückes, das damals einen gewaltigen Streit zwischen Molière und seinen Gegenspielern auslöste. Großes Kompliment an Anouk Wagener, die sich neben den Herren der Schöpfung in dieser schwierigen Rolle sehr gut behauptet (und die man übrigens ab nächster Woche auf der Leinwand in Pol Cruchtens Perl oder Pica entdecken kann). Ihr gegenüber steht die wuchtige Statur des Jean-François Wolff, den man hier sicherlich in einer seiner besten Rollen sehen kann. Letztlich scheitert Arnolphe mit seinen Machtintrigen und bleibt in seiner Einsamkeit, und in seinen starren Vorstellungen des Lebens, gefangen.

"Abhängigkeit ist das Los der Frauen; Macht ist, wo die Bärte sind." Molière 1662

Eine Produktion des Théâtre du Centaure unter der Regie von Marja-Leena Junker. Informationen zu den weiteren Vorführungen unter www.theatrecentaure.lu; Reservierungen unter Tel : 22 28 28. Mit Jean-François Wolff, Anouk Wagener, Jules Werner, Christian Magnani, Luc Lamesch, Sonja Neuman, Pierre Bodry und Olivier Aromatario.

 

Anne Schroeder
© 2017 d’Lëtzebuerger Land