Binge-watching

Der Orthodoxie entfliehen

d'Lëtzebuerger Land vom 08.05.2020

Die vierteilige Serie Unorthodox (Netflix), die von Alexa Karolinski und Anna Winger konzipiert und von Maria Schrader inszeniert wurde, basiert lose auf der gleichnamigen Autobiografie von Deborah Feldman aus dem Jahr 2012. Die 17-jährige Esther „Esty“ Shapiro (Shira Haas) lebt in Williamsburg in Brooklyn, New York. Sie ist Mitglied der ultra-orthodoxen Religionsgemeinschaft der Satmarer Chassiden und lebt bei ihrer Großmutter, einer Holocaust-Überlebenden aus Ungarn, auf. Eine arrangierte Ehe mit Yakov „Yanky“ Shapiro (Amit Rahav) ist der ausdrückliche Wunsch der Gemeinde, denn für die chassidischen Satmarer ist die Sicherung der Nachkommenschaft von zentraler Bedeutung, soll sie doch die Millionen Toten des Holocaust kompensieren. Und darin liegt der Hauptkonflikt in diesen gesellschaftlichen Widersprüchen, die Unorthodox abbildet: Es ist die Unfähigkeit zu lieben, einerseits, ganz direkt, die Unfähigkeit zur Sexualität, andererseits die Unfähigkeit zu sehen, was in anderen Menschen vorgeht, denn diese Esty ist im Grunde todunglücklich.

So beschreibt Unorthodox den zunehmenden Protest als Ausdruck einer weiblichen Vitalität angesichts einer Ungerechtigkeit in einer Welt, die kein persönliches Glück zulässt. Überwiegend in jiddischer Sprache und in der Ausstattung sehr aufwändig, gibt die Serie diese Welt zumindest in der ersten Hälfte sehr detailverliebt wieder. Da kommen junge und alte Leute zusammen, reden, essen, tanzen miteinander, und doch ist die Isolation der Frau vollkommen. Und in alledem kann Esty dem Erwartungsdruck der Familie nicht standhalten. Nachdem sie nach einem Jahr Ehe immer noch nicht schwanger ist, beschließt sie, dieser Welt zu entfliehen und ihre Mutter in Berlin aufzusuchen.

Es sind aber die Vereinfachungen in der Dramaturgie, die grobe Zeichnung mancher Figuren, die die Serie dergestalt bestimmen, dass sie sich den Vorwurf gefallen lassen muss, sie bediene antisemitische Klischees. Die Serie legt dem Publikum bis zu einem gewissen Grade nahe, dass die jüdische Orthodoxie oder gar die jüdische Religion an sich eine allzu engstirnige, erstarrte Weltsicht vertrete, und daraus ergibt sich die Problematik, inwiefern ein nicht-jüdisches Publikum die Serie missversteht und das gesamte Judentum allzu einseitig als eine repressive, gegen weibliches Begehren gerichtete Doktrin wahrnimmt. Es ist womöglich ferner dieser Anbindung an altbekannte melodramatische Muster geschuldet, dass die Handlung beständig an Komplexität und Ambivalenzen einbüßt. So detailreich der erste Erzählabschnitt in seiner Darstellung jüdischer Alltagsszenen ist, so schematisch ist die Handlung in Berlin, die sich nicht mehr auf Feldmans Biografie stützt.

Zunehmend bricht sich da ein zauberhafter Optimismus Bahn, der keinen Raum mehr für Zwischentöne lässt, sondern Esty als entschlossene Vertreterin eines weiblichen Selbstbestimmungsrechts in Szene setzt. Dafür finden Maria Schrader und ihr Kameramann Wolfgang Thaler ausgesprochen schöne, ja fast schon zu schöne Bilder: Das gemeinsame Schwimmen im Großen Wannsee mit einer jungen Frau aus dem Jemen und der ultraorthodoxen Jüdin aus Williamsburg steht da plötzlich als Sinnbild eines jüdisch-islamischen Einklangs. Diese Esty ist gewiss eine Kämpferin, und die israelische Schauspielerin Shira Haas spielt das in einer Gefühlslage zwischen Aufbegehren und Zerbrechlichkeit, die dieses Schicksal eindringlich macht und so manche dieser Schwächen kompensieren kann.

Denn die melodramatische Affektgeladenheit zielt ja im Kern auf Überhöhung und das Übermaß, die hier zumindest ergänzt und eingeschränkt werden durch eine naturalistische Schauspieltechnik in der Darstellung, die sonst eher selten ist. Sie ist die Frau, die ihren Kampf mit den Umständen zu führen weiß, mit den Problemen, die die Gesellschaft und der Zufall für sie bereithalten, umzugehen weiß. Und doch sind dies Zugeständnisse an ein feel-good-Phänomen, das dem Anspruch einer ernsthaften Durchdringung orthodoxer jiddischer Praktiken und Riten, deren Entsagung und der Bewegungsmöglichkeiten der Frau darin eher zuwiderläuft.

Marc Trappendreher
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