Ich rede vom Niqab

Radical Chic(k)

d'Lëtzebuerger Land vom 04.12.2015

Ich weiß, der Zeitpunkt ist schlecht. Ich weiß, es hat nichts damit zu tun. Oder noch nicht, jetzt nicht, dann nicht, wenn wir nicht alles vermasseln. Ich rede von der Burka, oder, präziser gesagt, vom Niqab.

Obschon es ja angeblich nichts dazu zu sagen gibt. Alles sei sowieso geregelt, und außerdem sei das, worüber wir reden, kaum existent, nur in Minimaldosis vorhanden. Es wäre also reiner Populismus, darüber zu reden.

Ist es reiner Populismus, über ein Prinzip zu reden? Und muss ein Phänomen, das als extreme Randerscheinung wahrgenommen wird, eine bleiben?

Zunächst einmal geht es um das, was die meisten von uns bisher als gegeben vorausgesetzt haben. Nämlich darum, sich in einem Umfeld zu bewegen, in dem Menschen einander von Angesicht zu Angesicht gegenüber treten. In dem man den andern wahrnimmt, ihn kennen lernen kann, erkennen, wiedererkennen. An seinem Äußeren, seiner Mimik. Der ist der und die ist die; komisch, dass man das überhaupt ausführen muss, es erscheint irgendwie … selbstverständlich. Jedenfalls erschien es mal selbstverständlich, wir hatten damals wohl einfach keinen Horizont, wir waren so ... westlich. Wir haben nun mal den Gesichtssinn, denken viele von uns noch immer profan und pragmatisch, wir sind nun mal visuell gesteuert. Wie sollen wir Mitmenschen, die wir nur erraten können, gegenübertreten, wie uns vorstellen angesichts einer Person, die wir uns nur vorstellen können?

Über den Anspruch auf Kommunikation wird sich lustig gemacht, wo werde denn schon kommuniziert im öffentlichen Raum? Als wäre nicht alles Kommunikation, als würden wir uns nicht pausenlos abchecken, bewerten, erste Eindrücke abspeichern, sie korrigieren, uns so orientieren. Wem schaue man denn schon öffentlich in die Augen, wird gefragt. Schließlich seien die Augen der Niqab-Frauen nicht mal hinter Gittern. Und wären sie hinter Gittern, wer sind wir, ihnen dies zu verbieten, jeder kann ausschauen, wie er will, jede kann schauen, wie sie will. Lieber sollten wir unser eingeengtes, eurozentristisches Blickfeld erweitern. Save the Sisters, nix da!

Warum sollen die Ladies in Black uns auch ein Lächeln schenken, oder auch nur ein Stirnrunzeln, ein Naserümpfen, whatever?

Ja, natürlich sind wir längst bei der Burka gelandet. Wie verständnisvoll wäre der Diskurs wohl, wenn Typen in voller Montur durch die Fußgängerzonen bummeln würden, wenn lustig Maskierte die Auslagen von Juwelieren studieren würden? Wahrscheinlich wäre er sehr kurz. Unter der Burka steckt ja nur das schwache Geschlecht, die machen nichts, die spielen nur. Ein bisschen geheimnisvoll ist dieses Wesen schließlich auch, wie geheimnislos ist doch die westliche Frau dagegen, sie schleiertanzt meist nicht mal, sie badet, gähn, nackt und hat ein splitternacktes Gesicht, nur unter Schminke versteckt.

Es ist nicht mal 15 Jahre her, da erschauerte der gute Westen, als die Amerikaner die unterdrückte Frau in Afghanistan präsentierten, die es schleunigst zu retten galt. Wie überzeugt waren alle von der Mission, diese Geknechteten aus ihren überirdisch blauen Stoffgefängnissen zu befreien! Aber jetzt, nostra culpa, haben alle dazugelernt. Eurozentristisch, murmeln wir europäisch schuldbewusst, wenn wir in die Trümmerhaufen schauen, die die Retter hinterlassen haben. Wir müssen dringend weltoffener werden, entspannter, andere Lebenskonzepte und -entwürfe zulassen, gerade hier, das ist doch Europa, alles kann, nichts muss. Wir wollen unsern Lebensstil doch niemandem aufdrängen, das wäre unhöflich. Und auch kontraproduktiv.

Die wirklich unterdrückten Frauen, argumentieren empathische Feminist_innen, würden dann prompt im häuslichen Verlies verschwinden statt lediglich unter einem mobilen Zelt. Und vor allem, und da wird die Argumentation interessant, hätten jene Frauen, die sich freiwillig unseren Blicken und der Interaktion mit uns entziehen, ja wohl das Recht darauf, das Menschenrecht. Auch das Cid-femmes in Luxemburg vertritt diese Position, unter anderem mit dem Hinweis auf Vielfalt. Edle Einfalt im Namen der Vielfalt?

Ja, es gibt feministische Burka-Trägerinnen. Ja, es gibt Mädchen, die in eine Burka schlüpfen wie sie vor 50 Jahren in einen Minirock oder einen Jutesack geschlüpft wären. Es gibt Burka-Pop, Burka-Punk. Womit kann man alte Hedonist_innen auch mehr schockieren? Dass sie dann manchmal in Syrien landen, ist wohl ein Kollateral-Event, freie Mädchen kommen überall hin.

Dennoch, altmodische Feministinnen wundern sich darüber, dass junge Frauen sich das Herrschaftssymbol eines Extrempatriarchats überstülpen. Das den weiblichen Körper als teuflisch und den männlichen als tierisch hinstellt. Dass sie sich als Fanale dieses Extrempatriarchats in der sehr offenen Gesellschaft bewegen, an ihren Rändern, beruhigt sich die offene Gesellschaft. Erscheinungen, die ja nur Randerscheinungen sind.

Aber was wollen uns diese freien Frauen, die sich uns nicht zeigen wollen, zeigen? Wollen sie es uns zeigen? Nur was?, fragen sich die störrischen Altmodischen. Und ist es nicht vollkommen okay, in Europa eurozentristisch zu sein?

Michèle Thoma
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