Unternehmer fordern eine öffentliche englische Schule in Luxemburg

Parlez-vous anglais?

d'Lëtzebuerger Land vom 23.09.2011

Eine öffentliche Schule, fordert Michael Schonenberg, Präsident und CEO der amerikanischen Handelskammer in Luxemburg (Amcham), an der alle Fächer in Englisch unterrichtet werden. Nur so glaubt er, ließen sich die Probleme endgültig lösen.

Vor der Finanz- und Wirtschaftskrise hatte das Angebot an Schulplätzen für die Kinder von zugezogenen Mitarbeitern internationaler Firmen und Banken in Luxemburg auch schon mal zu den Lieblingsthemen des Finanzministers Luc Frieden (CSV) gehört. Damals führte er ähnliche Argumente ins Feld wie Schonenberg heute. Das mangelnde Schulangebot für die internationale Gemeinschaft, die ihre Kinder auf Englisch unterrichten lassen, werde zunehmend zum negativen Standortfaktor.

„Wer mit kleinen Kindern für lange Zeit hierher zieht, kann sie durchaus an den öffentlichen Schulen einschreiben. Aber ab neun oder zehn Jahren können die Kinder nicht ohne weiteres in das Luxemburger Schulsystem integriert werden“, gibt Schonenberg zu bedenken. Zu groß seien die Sprachbarrieren. Dann bliebe den Eltern nur, sich an die Privatschulen zu wenden.

Doch der Ausbau der International School (ISL) und der St George’s International School in den vergangenen Jahren, der derzeitige Ausbau der Europäischen Schule, die Einführung des International Baccalaureate (IB) im Athenäum und am Lycée technique du Centre sind für Schonenberg keine Lösung. Denn für die Ausbildung an den Privatschulen werden, je nach Einrichtung, unterschiedlich hohe Schulgebühren fällig.

„Im aktuellen Wirtschaftsumfeld spielen die Erziehungskosten für Ausgebürgerte eine immer wichtigere Rolle“, berichtet Schonenberg aus Erfahrung. Er steht ständig im Kontakt mit den Unternehmen, kennt die Verhaltenmuster in den Entscheidungsgremien. „Wenn die Personalabteilung einen Posten zu besetzen hat, muss das Budget das Gehalt, die Wohnungskosten und den Wagen decken. Wenn oben drauf noch hohe Schulgebühren für die Kinder kommen, kommt es vor, dass der eigentliche Wunschkandidat oder -kandidatin mit Nachwuchs nicht genommen wird, und statt dessen jemand eingestellt wird, der keine Kinder hat“, gibt er zu Protokoll. Das aber nur in dem Fall, da das Unternehmen ohnehin in Luxemburg präsent ist. Wenn US-Firmen nach einem Niederlassungsort in Europa suchten, riskiere Luxemburg trotz gutem Geschäftsklima aus dem Rennen zu fallen, weil es sich bei näherem Hinsehen als zu schwierig erweise, die Kinder der übersiedelnden Führungskräfte einzuschulen. Bei knapp unter 9 000 Euro beginnt das Schulgeld für Kleinkinder an der St George’s International School und steigt in den Abschlussjahren auf über 13 000 Euro. Hinzu kommen eine Einschreibegebühr von 750 Euro, eine Kaution von 450 Euro, 1 400 Euro für den Baufonds aus dem kommende Erweiterungen finanziert werden sollen sowie 200 Euro für den Stabilitätsfonds, mit dem Fluktuationen der Schüleranzahl – aktuell über 600 Schüler – ausgeglichen werden. Brauchen Schüler zusätzliche individuelle Unterstützung, fallen zusätzliche Kosten an. „Für Beschäftigte der mittleren Gehälterklasse verbieten sich solche Gebühren“, meint Schonenberger. Das weiß auch Kerry Tranter von der Zulassungsstelle der Schule. „Ich selbst zahle das Schulgeld meiner Kinder in Raten“, sagt sie trocken. Im Elterngespräch weise man schon mal darauf hin, dass sich die Schule vielleicht für eines der Kinder eigne, jüngere Geschwister aber vielleicht auch problemlos eine öffentliche Schule besuchen könnten.

Die knapp 1 100 Schüler der International School zahlen noch höhere Gebühren: Beim täglichen Kindergartenbesuch fallen ab dem ersten Jahr 12 700 Euro an, zuzüglich 250 Euro Einschreibegebühren und 750 Euro Kaution. Während der Abschlussjahre kostet die Ausbildung 16 700 Euro jährlich. Wegen zu hoher Gebühren sei aber noch niemand abgesprungen, sagt Tina Herman, Zuständige der Zulassungsstelle der ISL. „Das mag aber auch am hohen Transparenzgrad liegen. Unsere Gebühren kann jeder auf unserer Internetseite einsehen. Vielleicht melden sich deshalb nur solche Familien, die sicher sind, sich das Schulgeld leisten zu können.“

Zwar ist die Europäische Schule von allen nicht-staatlichen Anbietern die günstigste – weil dort die Durchschnittskosten quer durch die Altersklassen berechnet wenden, betragen die Gebühren 5 500 Euro für das laufende Schuljahr. Allerdings gibt es hier nicht nur Schul- sondern auch Schülerklassen, beziehungsweise Kategorien. Zur ersten Kategorie gehören die Kinder, deren Eltern für die EU-Institutionen arbeiten. Sie haben Vorrang bei der Einschreibung und der Schulbesuch ist gebührenfrei. Zur zweiten Kategorie werden die Schüler gezählt, deren Eltern von Unternehmen beschäftigt werden, die mit der Schule Sonderverträge abgeschlossen haben. Die Unternehmen, nach Aussage von Schuldirektorin Toula Vassilacou sind es rund 20, zahlen in diesem Fall die Gebühren für aktuell 172 Schüler. Zur dritten Kategorie zählen solche Schüler, deren Eltern außerhalb der EU-Institutionen arbeiten, ihre Anträge auf indivi-dueller Basis stellen und die Kosten selbst tragen.

Zwar nimmt man auch solche Schüler gerne an, sagt Vassilacou, und gibt den Eltern bei mehreren Kindern ordentlich Rabatt auf den Gebühren, – „wir wollen kein Luxusghetto sein und wollen Schüler aller sozialen Schichten aufnehmen“ – doch weil die EU-Kommission 60 Prozent des jährlichen Budgets stemmt, dürfen durch Kategorie-III-Schüler keine neuen Kosten entstehen. Das heißt, es dürfen keine zusätzlichen Klassen gebildet werden, nur um solche Schüler aufzunehmen. Rund 3 600 Schüler besuchen derzeit die Europäische Schule, davon 454 die englischsprachige und 528 die französische Sektion. Dabei sinkt die Nachfrage in der anglophonen Abteilung, berichtet Vassilacou. Nach dem Beitritt der neuen EU-Mitgliedstaaten 2004 habe man dort einen deutlichen Zuwachs verzeichnet. Dieser Trend habe sich aber wieder umgekehrt; die Kinder der EU-Beamten aus den neuen Mitgliedsländern, die hier geboren sind, besuchten tendenziell eher den französischen Unterricht.

Das könnte ansatzweise erklären, warum das Angebot für englischsprachige Schulplätze für Nicht-Beamtenkinder so begrenzt ist, wie es Schonenberg behauptet, hier und insgesamt. Denn weder St George’s noch ISL wollen ohne Einschränkung bestätigen, dass es an Plätzen fehlt. Ab und an gebe es Wartelisten, sagen beide Schulen, ohne genau zu sagen, wie lang die Wartzeiten sind. Dass es bei der ISL vor jedem Umzug oder Ausbau Engpässe gegeben hat, räumt Tina Herman aber ein. Ebenso, dass es dazu vor Fertigstellung des neuen Ausbaus 2013 wieder kommen könnte. In diesem Schuljahr zählt die Schule rund 100 Schüler mehr als im vergangenen – bis 2013 gebe es aber kaum noch Möglichkeiten, die Kapazitäten aufzustocken.

Kosten und Verfügbarkeit sind aber laut Schonenberg nicht das einzige Problem. Die Zulassung sei nicht automatisch, basiere auf individuellen Interviews. Wer den IB-Programmen beitreten will, muss Aufnahmeexamen absolvieren. Dass ISL und St George’s Kinder aufgrund mangelnder akademischer Fähigkeiten ablehnen, wollen sie so nicht im Raum stehen lassen. Überhaupt lehne man nur sehr selten Schüler ab, heißt es bei beiden Zulassungsstellen übereinstimmend. Eher sagt man, man wolle sicherstellen, dass man den Schüler ein Programm bieten könne, das sie erfolgreich absolvieren können. Das gilt vor allem für die Abschlussjahre, während derer an der ISL auf den High-Shool-Abschluss und an St George’s auf die A-Levels hingearbeitet wird. „Das Programm wird dann sehr anspruchsvoll, wer da nicht über ausreichende Englischkenntnisse verfügt, kommt nicht mit“, sagt Kerry Tranter von der St Goerge’s. Nur ein Drittel der Schüler sind Muttersprachler. Ähnlich lautet die Aussage von Tina Herman von der ISL; in den High-School-Abschlussjahren stiegen die Anforderungen; mit der Aufnahme gebe man Schülern und Eltern auch eine Erfolgsgarantie. Beide Schulen verfügen über vielfältige Unterstützungsprogramme, wie sie betonen, sei es um Nicht-Muttersprachler in den Unterricht zu integrieren oder zur individuellen Betreuung bei Lernschwächen. Wohin sich Schüler wenden sollen, die sozusagen nicht ins Programm passen, die Frage bleibt offen. Ohnehin droht die Einschulung für Eltern und Schüler laut Schonenberg zum Drahtseilakt zu werden, da die Interviews, meist vor dem Umzug nach Luxemburg absolviert werden müssen.

Um eine gebührenfreie, qualitativ hochwertige und für jedermann zugängliche Ausbildung zu gewährleisten, gibt es für Schonenberg nur eine Lösung: Die öffentliche Luxemburger Schule in englischer Sprache. Dafür könnten sich auch mehr und mehr Luxemburger interessieren, glaubt er. Dass es eine steigende Nachfrage gibt, können nicht alle Anbieter bestätigen. St George’s meldet zunehmendes Interesse, bei der ISL hingegen ist der Anteil Luxemburger Schüler seit 2006 um nur 0,5 Prozent auf sieben Prozent gestiegen. Von 3 607 Europaschülern sind gerade mal 136 Luxemburger. Mag sein, dass der Kostenfaktor das Interesse dämpft. Schonenberg jedenfalls sieht Potenzial für zwei öffentliche englische Schulen mit einer Kapazität von 1 000 bis 2 000 Schülern. Kurzfristig müsse eine davon in Hauptstadtnähe gebaut werden. Mittelfristig könne eine zweite in Esch öffnen; das biete sich angesichts der wirtschaftlichen Entwicklungsplänen und dem Umzug der Uni in den Süden an, glaubt er. Die Regierung, berichtet Schonenberg, reagiere auf solche Forderungen aber bislang sehr zurückhaltend.

Michèle Sinner
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