Guccis Rache

d'Lëtzebuerger Land du 22.05.2020

Könnte das Coronavirus zum Wendepunkt der Globalisierung werden? Schafft Covid-19, was die Klimaaktivistin Greta Thunberg nicht geschafft hat – dass die Politik stärker den Ratschlägen der Wissenschaft folgt? Noch vor wenigen Wochen überboten sich Philosophinnen und Kommentatoren mit Vorschlägen, wie Wirtschaft und Gesellschaft nach der Pandemie grüner, gerechter und lebenswerter gestaltet werden könnten. Wie würden sich Paare und Lebensgemeinschaften die Familienarbeit in der Nach-Corona-Zeit besser aufteilen? Berufe wie Krankenpfleger, Erzieherin, Supermarktangestellter oder Lastwagenfahrerin sollten die Anerkennung bekommen, die dem Stellenwert entsprechen, den ihre Tätigkeiten haben, damit das System nicht zusammenbricht.

Auf individueller Ebene klang es nicht grad so großspurig, aber ähnlich: Die einen hatten keine Wahl, weil mit systemrelevanten Job. Die anderen wollten ihren Alltag entschleunigen, sich von Hektik und Stress befreien, mal wieder in Ruhe ein Buch lesen oder spazieren gehen. Bessere Luft zum Atmen als Anstoß zum Ausstieg aus dem ewig drehenden Hamsterrad. Nicht wenige sangen ein Loblied aufs Fahrrad, quälten sich mit neusten Diät-Trends (vegan oder Fodmap, Abkürzung für fermentierbare Oligo-, Di- und Monosaccharide und Polyole, eine Diät, die, Achtung Hipsterfreunde, Avocado als Beschwerde-Trigger führt) oder backten wie besessen bröseliges Brot.

Mal ehrlich: Haben Sie daran geglaubt? Haben Sie gedacht, durch Corona würde alles anders? Haben Sie das Gerede von der virusbedingten Zäsur, die zur Bewusstwerdung der schädlichen Seiten des westlichen Lebensstils und der Globalisierung führe, für bare Münze genommen?

Und jetzt? Kaum hat die Regierung die ersten Lockerungen von der Massenquarantäne angekündigt, fühlt man sich wie eine Woche nach Silvester: Wegen mangelnder Bewegung und trotz dubioser Diät ein paar Pfunde mehr tragend, sind die besten Vorsätze ... alle wieder vergessen. Alles drängt nach draußen, aber nicht an die frische Luft, sondern in klimatisierte Bau- und Heimwerkermärkte, die, dem Premier sei Dank, unter den ersten Geschäften waren, die nach dem gelockerten Lockdown öffnen durften.

Am Anfang begegnete man auf verlassenen Straßen nur vereinzelt Menschen, die zur Arbeit eilten. Mit Maske, als Schutz für sich selbst oder die anderen. Doch mit jeder weiteren Regierungs-Pressekonferenz konnte man zuschauen, wie sie kühner wurden. Inzwischen liegt der erste Stau hinter uns. Gefühlt trägt nur noch jede/r zweite eine Maske und oft so, als sei sie Accessoire, aber kein sanitärer Schutz gegen ein aggressives Virus.

Es gab Hinweise, dass nach Corona vor Corona sein würde: Dass die Versammlungsfreiheit beschränkt war, juckte außer ein paar Ceta-GegnerInnen niemand; Grüne und Linke sind als Miesmacher und Dauernörglerinnen bekannt. Der Aufschrei der katholischen Kirche, sie dürfe trotz Déconfinement keine Messen abhalten, fand kaum Widerhall. Ein Rechtsprofessor philosophierte in einer Tageszeitung über die Rückkehr zum Rechtsstaat, ein paar Oppositionspolitiker mahnen zur „parlamentarischen Wachsamkeit“. Sollen sie doch. Oma und Opa, im Altersheim fast wie gefangen, und Menschen, die alleine starben, sorgten vereinzelt für Empörung. Doch die meisten nahmen die beschnittenen Freiheitsrechte lässig hin. Hier und da wurde auf Facebook über Panikmache gelästert. Die Mehrheit aber verlangte nicht einmal plausible Gründe in Form überprüfbarer Statistiken, Prognosen und Pläne für die Beinahe-Ausgangssperre. Wozu? Die Regierung regelt das schon.

Mit den Lockerungen aber kommt plötzlich Bewegung auf. Ein Recht ist doch irgendwie heilig. Am Samstag in der Stadt ein erstes Bad in einer Menschenmenge. Für die einen ein Schock. Wo kommen die alle her, was wollen sie? Für die anderen Auftakt zur Wiederherstellung geordneter Verhältnisse. Vor Geschäften stauen sich Schlangen, als gäbe es Freibier. Sie stehen nicht vor kleinen Läden, um den lokalen Handel anzukurbeln, der seit dem Shutdown ums Überleben kämpft. Nicht vor der Näherei, die für sieben Euro selbstgemachte Baumwollstoffmasken verkauft. Sondern vor Luxus-Ketten wie Louis Vuitton, Chanel oder Christian Dior. Jean Asselborn, Außenminister, hat ein feines Gespür für das, was die Massen bewegt: Auf Facebook ließ er ankündigen, dass bald wieder belgische Shopping-Malls aufgesucht werden können. Getreu dem Motto: Wohnst Du noch oder lebst du schon?

Mit einem Mal unterscheiden sich Nationen und Kulturen kaum mehr: Als in Ghoangzhou die Geschäfte nach wochenlanger strikter Quarantäne wieder öffneten, stürmten die Menschen dort in die Luxusgeschäfte. Maison Hèrmes soll an einem einzigen Tag einen Umsatz von mindestens 19 Millionen Yuan, rund 2,4 Millionen Euro gemacht haben. Das Post-Covid19-Einkaufsfieber trägt sogar einen eigenen Namen: Revenge-Shopping. Nur: Wer rächt sich da an wem? Für diejenigen, die sich weiterhin nicht vor die Tür trauen, kündigte Mark Zuckerberg diese Woche neue Shopping-Funktionen auf Facebook und Instagram an. Alles gucci, oder was?

Ines Kurschat
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