Zufallsgespräch mit dem Mann in der Eisenbahn

Fit4bullshit

d'Lëtzebuerger Land du 05.06.2020

Premier Xavier Bettel hatte sich lange daran vorbeigedrückt. Er wollte keinem sagen, wer den Krisenstäben und Arbeitsgruppen zur Bekämpfung der Seuche angehört. Am 27. April war ihm nur noch die fadenscheinigste Ausrede eingefallen, der Datenschutz. Tags darauf musste er mit der Sprache herausrücken. Nun konnte man in den Organigrammen lesen, was man schon vermutet hatte: Dass den staatlichen Task Forces wieder „externe Berater“ von PWC, Deloitte und anderen Firmen angehören.

Die liberale Koalition hatte Angst, erneut als Marionette der Big Four dazustehen. 2013 hatte sie im Koalitionsprogramm das Kapitel zur Betriebsbesteuerung und 2014 den „Staatshaushalt der neuen Generation“ mit Hilfe von Unternehmensberatern verfasst. 2015 machte sie den Geschäftsführer von EY zum Staatsrat. Jedes Jahr kaufen Minister Audits zur Rechtfertigung politischer Entscheidungen.

Hierzulande betreiben die Buchprüfer und Unternehmensberater eine Steuervermeidungsindustrie, so groß wie die Stahlindustrie. Doch Jahrzehnte von Audits zum Personalabbau, der Untergang von Arthur Andersen und die Luxleaks von PWC verdarben ihren Ruf. Ihre Anwesenheit in den Krisenstäben zur Bekämpfung der Seuche wird deshalb mit dem Vermerk „mise à disposition gratuite les deux premières semaines; puis contrat“ aufgeführt.

Diese Großzügigkeit ist bloß eine Vorschussleistung. Wirtschaftsminister Franz Fayot (LSAP) kündigte vergangene Woche an, den Saldo von 1,5 Millionen Euro nachzuschießen. Für 750 000 Euro will der Staat 50 neue Beraterverträge zur Hälfte bezahlen. Unternehmen sollen beraten werden, wie sie „fit4resilience“ werden. Wie sie ihre Widerstandskraft in der Rezession steigern, wenn sie sich die Globalisierung abschminken und ihre Produktion „digital, zirkulär und regional“ machen.

Gegen ansehnliche Stundenhonorare sollen die Beraterfirmen schlecht bezahlte junge Frauen und Männer einige Wochen lang in Betriebe schicken. Die Berater, die noch nie in ihrem Leben einen Schraubstock und einen Sechskantschlüssel gesehen haben, lassen sich erklären, was man mit einem Schraubstock und einem Sechskantschlüssel anfängt. Dann verkaufen sie diese Auskünfte den Betriebsleitungen als Powerpoint-Vorführungen. Zum Preis eines Mittelklassewagens bestätigt die Tautologie die nicht immer kompetenten Betriebsleitungen.

Der Anthropologe David Graeber taufte solche Verrichtungen Bullshit Economy. Zum wachsenden Heer von Leuten, die gesellschaftlich sinnlose Arbeiten verrichten, zählt er auch „Manager, die Manager überwachen, Human-Resources- und Telemarketing-Berater, Markenchefs, leitende Senior-Manager und Vizepräsidenten für Kreativentwicklung…“ Ihr Zentralorgan heißt Paperjam, lässig Posieren ist dort ihr Schicksal. Denn laut Graeber „ist ihre Hauptbeschäftigung, zu beweisen, dass ihre Beschäftigung nicht völlig absurd ist“. Regierung und Luxinnovation bereiten den Neistart Lëtzebuerg nach der Rezession vor: mehr Bullshit Economy.

Romain Hilgert
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