Belval

Rahmenbedingungen

d'Lëtzebuerger Land vom 12.06.2008

Für die Besucher der Rockhal war es in den vergangenen Wochen nicht ganz einfach, den Weg zur Konzerthalle zu finden und zu bestreiten. Die Ursache: Die riesige Baustelle, die ihnen derzeit den direkten Weg vom Bahnsteig zur Rockhal versperrt. Da schimpfte manch ein Kylie-Fan auf den hohen Hacken wie ein Rohrspatz. Vor allem weil derzeit noch nicht erkennbar ist, was da entsteht. Dabei sind es nur noch wenige Monate, bis der Komplex an dem dort gearbeitet wird, eröffnet wird: Belval Plaza I. Auf 70 000 Quadratmetern entsteht ein neues Shopping Center mit einem Kino, das über 1 400 Sitzplätze verfügt. Wie versprochen, ist im Oktober Eröffnung und das obwohl die Promotoren von Multiplan keine Genehmigung für den Dreischichtbetrieb auf der Baustelle erhielten. (d’Land, 9.Februar 2007)

Alles wird rechtzeitig fertig sein, versichert Walter Laarhoven, Direktor von Multiplan. Im Dezember werden auch die über 90 Wohnungen, die in Belval Plaza I integriert sind, bezugsbereit sein. Der sich anbahnende Baustopp im August bereitet ihm keine Terminsorgen; der Rohbau steht, augenblicklich wird in vollem Tempo an der Innenausstattung des Kinos, der Wohnungen und der Geschäfte gearbeitet. Letztere sind alle mit Fokus auf Freizeitaktivitäten ausgewählt, erklären Laarhoven und Monique van den Berg, auch Multiplan. Kino, riesige Buchhandlung, allerdings nicht Ernster, sondern MPK, Sportartikelhändler etc. Seit dieser Woche läuft auch der Verkauf der rund 250 weiteren Wohnungen, die im Belval-Plaza-II-Komplex entstehen. 

Dreht sich im Plaza I alles um die Freizeitgestaltung, sind es im Nebengebäude eher die Themen Wohnen und Wohlfühlen, die dominieren sollen, dazu gehört auch ein großer Supermarkt der Kette Delhaize. Die neuen Wohnungen in Plaza II werden etwas teuerer werden als die in Plaza I, die im Schnitt einen Quadratmeterpreis von 3 200 Euro erreichten. „Wir visieren dort eine andere Zielgruppe“, erläutert Laarhoven den Preisunterschied. Dort wird es auch Pent-Häuser geben, die Lage und die Aussicht unterscheide sich stark von dem, was Plaza I biete. Plaza I habe vor allem unverheiratete, junge Leute ohne Kinder angezogen, die am Nachtleben, das dort durch Kino, Restaurants und Bars entstehen soll, teilnehmen wollen. „Dort sollen ruhig auch nachts noch die Lichter brennen.“ Auch der Büro-Tower, der hinter Plaza I entsteht, ist so gut wie vermietet, nur noch eine Unterschrift fehle. Wessen Unterschrift sagt er nicht, denn es wird nur einen Mieter geben, eine einzige Firma wird in den Tower einziehen. Über die Hälfte der Geschäftsfläche in Plaza II sei jetzt schon vermietet, deren Inbetriebnahme ist für den kommenden Frühling geplant, die Studios, Wohnungen und Pent-Häuser, sollen nächsten Sommer fertig sein. 

Multiplan hat insgesamt 220 Millionen Euro investiert, sagt Laarhoven, die Mieter sicher noch einmal 50 Millionen in die Ausstattung ihrer Geschäfte, 450 Mitarbeiter werden sie einstellen. Die niederländischen Promoter haben allen Widrigkeiten zum Trotz gezeigt, dass auch in Luxemburg schnelles Bauen kein Ding der Unmöglichkeit ist; dementsprechend stolz ist man auf das Einhalten der Termine. 

„Wir erwarten nach der Eröffnung rund 100 000 Besucher die Woche“, sagt Laarhoven. Ist das eine realistische Schätzung? Schwer zu sagen, aber da gibt es den ersten Media Markt Luxemburgs, der Neugierige locken wird, und James Bond, der gegen Jahresende auf die Leinwand kommt, auch auf die des Kinos in Belval Plaza I. Dazu kommen im Dezember die ersten Einwohner Belvals, zu Spitzenzeiten, zum Beispiel Freitag nachmittags, müssen sie sich gemeinsam mit den Angestellten der RBC Dexia, den Besuchern der Rockhal und den Bauarbeitern auf dem Gelände bewegen. Deswegen ist Laarhoven konstruktiv kritisch. Kein Wunder, bei dem Betrag, den die Firma investiert hat. Auch wenn er es sehr vorsichtig ausdrückt, man merkt, er ist besorgt über die Anbindung des Geländes an das öffentliche Transportnetz und die Straßeninfrastruktur. Das Einzugsgebiet, berechnet auf 35 bis 40 Minuten Anfahrtszeit, reiche, führt er aus, weit hinein nach Frankreich, nach Belgien und bis nach Deutschland. 

„Das Projekt hat eine europäische Dimension und Ausstrahlung“, unterstreicht der Direktor von Multiplan, „sowohl was die Lage, die Investoren, die hier tätigen Firmen und die künftigen Mieter betrifft.“ Deswegen, so seine Schlussfolgerung, werde auch auf europäischer Ebene beobachtet, ob das Projekt ein Erfolg wird. Auch weil man auf der großen Immobilienmesse MIPIM in Cannes mit viel Tamtam für Belval Werbung gemacht habe, könne man sich keine Schnitzer erlauben. Oder aber sich auf der nächsten MIPIM unangenehmen Fragen stellen müssen. „Wir haben nur eine Chance, uns zu zeigen“, fügt er hinzu; gegenüber Mietern wie Media Markt, H[&]M, MPK und Delhaize, die selbst viel Geld investieren, müsse man konkrete Ansagen machen. 

Wie also sollen deren Kunden hinkommen, wie wieder weg? Zwei neue Buslinien, eine aus Richtung Westen, eine aus Richtung Osten, werden Belval bedienen, sogar nach der letzten Kinovorstellung wird es noch einen Bus geben. „Die Bahn fährt jetzt schon“, hebt Etienne Reuter, Präsident der Agora, auf die Situation angesprochen, hervor. Das stimmt, allerdings wird der dazugehörige Bahnhof, mit dem Belval Plaza I eine direkte Verbindung haben wird, erst in einigen Jahren fertig gestellt sein. Walter Laarhoven hofft auf 2010, Reuter rechnet so früh nicht mit der Inbetriebnahme. Bis dahin wird es um den Bahnhof mehr oder minder provisorische Arrangements geben. Die seien aber durchaus zumutbar, meint der Präsident der Agora, der betont, die Umsetzung der Projekte in verschiedenen Phasen bei gleichzeitiger Nutzung der Anlage sei eines der Hauptkriterien für die Entscheidungsträger gewesen. Nur so könne jetzt schon eine Rockhal funktionieren und bald die bestehende Nachfrage nach den neuen Einkaufsmöglichkeiten dort abgedeckt werden. Man habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sich die volle Entwicklung des Areals über 15 bis 20 Jahre hinziehen werde. Den Investoren gegenüber habe man sich nicht engagiert, die Zufahrten zu einem bestimmten Datum fertig gestellt zu haben, so Reuter.

Das hätte man sich angesichts der derzeit noch kaum existenten Anbindung ans Straßennetz und der von Laarhoven formulierten „positiven Kritik“ durchaus fragen können. Augenblicklich wird der gesamte Individualverkehr aus dem Kreisverkehr Raemerich über die N31, auf das Gelände geleitet. Feierte Bautenminister Claude Wiseler im März auch den Tunnelbau der Nord-Südachse Liaison Micheville; der Tunnel führt auf französischer Seite auf die grüne Wiese, und auch die Verbindung mit der Escher Autobahn, die über die grüne Wiese zwischen der TGV-Zentrale und dem Kreisverkehr führen wird, ist noch Zukunftsmusik. Letztere müsste nämlich in einer Gesetzesvorlage Micheville Nummer 3 erst genehmigt werden, dabei haben die Abgeordneten noch nicht einmal der zweiten Gesetzesvorlage zugestimmt. Vorerst aber gibt es noch Probleme, Micheville 1 vollständig auszuführen. Die letzten 30 Meter dieses Stücks, ab RBC-Dexia-Gebäude Richtung Kreisverkehr Raemerich, können nicht gebaut werden. Dazu müsste erst entschieden werden, was mit den rund 200 000 Kubikmetern Hochofenschlamm passiert, die dazu auf dem so genannten Plateau du St. Esprit ausgehoben werden müssten, sagt Marcel Lorenzini von Ponts et Chaussées. Auf dem Plateau soll, den ursprünglichen Plänen zufolge eigentlich der Schlamm verdichtet und unbedenklich gemacht werden. Weil auf späteren Plänen die Liaison Micheville dort durchführt – nicht durch einen Tunnel – und auch das CRP Gabriel Lippmann dort Raum beansprucht, gibt es überschüssiges Material. 

Der CSV-Abgeordnete Marc Spautz macht sich Sorgen über diesen Schlamm; die Gesetzesvorlage Micheville 2 soll seiner Meinung nach die Legitimierung für einen Abtransport auf die Schlackenhalde von Ehlerange liefern, ohne dass man die Einwohner davon in Kenntnis setzt. In einer parlamentarischen Anfrage vom März hatte er sich bereits hierüber erkundigt. Ihm wurde versichert, allenfalls behandeltes und unschädlich gemachtes Material werde nach Ehlerange transportiert. Zuvor wolle man versuchen, es auf dem Areal selbst bei Erdarbeiten zu verarbeiten. Das versichert auch Etienne Reuter gegenüber dem Land. Wann und wie dies geschehen solle, hänge vom Resultat der Behandlung ab, Versuche in deutschen Laboren hätten gute Resultate erzielt. Fazit: Bis sich ein Politiker dazu durchringt, in dieser Sache klare Anweisungen zu geben, was angesichts der bevorstehenden Wahlen unwahrscheinlich ist, werden diese 30 Meter Straße nicht entstehen.

Weil es auch an der Zufahrt von der N31 aus noch Behinderungen geben wird – dort arbeitet die Straßenbauverwaltung bis Dezember an einem unterirdischen technischen Lokal und daran, die Stromleitung unter die Erde zu schaffen, sollen im Kreisverkehr Raemerich über den Sommer Korrekturen vorgenommen werden: Das Autobahnende und die Auffahrt sollen um eine Busspur verbreitert werden und das Arbed-Portal ab Kreisverkehr genutzt werden können, um an den Weihern vorbei aufs Gelände zu gelangen. Diese Maßnahmen werden reichen, meint Reuter, um das Verkehrsaufkommen kurzfristig zu meistern. 

Das müssen sie wohl auch, denn die beiden Zufahrten von französischer Seite aus – die Verlängerung der Liaison Micheville und die Zufahrt beim künftigen Lyzeum, sind noch weit von der Umsetzung entfernt. Beim Lyzeum muss ein weiterer Tunnel unter den Bahngleisen hindurch gebaut werden, dann eine Straße Richtung Kreisverkehr, der den Abschluss von Micheville im Süden machen wird. Die Ausschreibung hierfür soll voraussichtlich am Mittwoch geöffnet werden, sagt Lorenzini, nach dem Baustopp im August soll Baubeginn sein. Veranschlagte Bauzeit: zwei Jahre. Bleibt die Anbindung von Micheville ans französische Straßennetz: Nach dem ersten grenzübergreifenden Gemeinderat vergangene Woche sagte die Escher Bürgermeisterin Lydia Mutsch, es müssten nur noch Trasse und Standort des Park and Ride, der ebenfalls auf französischer Seite sein soll, bestimmt werden. Maryse Scholtes, Generalverwalterin im Bautenministerium zufolge, soll es noch im Juli zu einem Treffen zwischen Franzosen und Luxemburgern à haut niveau kommen, um auszuloten, wer welchen Anteil davon bezahlt und zu klären, welche Gelder aus EU-Strukturfonds fließen.

Alles in allem wird es im Schnitt drei Jahre dauern, bis diese Zufahrten fertig sind, eben darum ist es nicht verwunderlich, dass die Investoren ein wenig nervös sind. Dennoch schließt Laarhoven weitere Investitionen auf Belval nicht aus; zum Beispiel in der Square Mile, die hinter den Gebäuden, die er derzeit baut, beginnt. Dafür müsse aber unbedingt die im Masterplan vorgesehene Mischung aus Wohnraum, Büro-  und Verkaufsfläche eingehalten werden, nur dann, wiederholt der Mann von Multiplan mehrmals, nur dann, könne das Konzept aufgehen, sozusagen verhindert werden, dass ein weiterer Kirchberg ensteht. „Jeder Verkauf muss in den Masterplan hineinpassen,“ mahnt er, wohl in Richtung Agora und auch als Erklärung dafür, dass diese bisher wenig Lose der Square Mile verkauft hat – nicht jeder, der kaufen will, erfüllt diese Bedingungen. „Ich weiß, dass wir diese Mischung brauchen, und wir haben keinen Grund, davon abzurücken,“ meint dazu Reuter. Mit Sicherheit werden andere Investoren, vielleicht Multiplan selbst, erst einmal abwarten, ob das Plaza-Projekt den gewünschten Erfolg hat. Ein Grund mehr, schnellstmöglich die dafür nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen, egal ob versprochen oder nicht.

Michèle Sinner
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