Brufsausbildung

Zukunftsinvestition

d'Lëtzebuerger Land vom 23.09.2010

Lange Jahre wurde über sie gestritten, nun ist sie da: die Reform der Berufsausbildung. Kein leichtes Unterfangen. Nicht nur, weil mehr als hundert Berufsausbildungen komplett neu organisiert, die Lehrpläne entrümpelt und der Unterricht auf Kompetenzen umgestellt werden müssen. Sondern weil dafür die Expertise fehlt. Sicher, die Ausbilder in Betrieben und Schulen, wissen, was sie für Inhalte brauchen. Diese so zu formulieren und, vor allem, so zu unterrichten, dass aus einer theorielastigen und oft verschulten Ausbildung ein zeitgemäßer anwendungsorientierer Lehrgang wird, ist eine Herausforderung.

Nur rund 70 Prozent der Handwerkslehrlinge schaffen ihren Abschluss auf Anhieb, im Handel bestanden 2008/09 20 Prozent der Lehrlinge die Abschlussprüfung nicht. Doch ein modernisierter Unterricht allein wird die Ausbildungsmisere nicht lösen. Die Probleme liegen tiefer. Der Dauerbrenner Orientierung war aus dem 2008 verabschiedeten Gesetz zur Berufsausbildung bewusst ausgeklammert worden – um nicht erneut einen Streit zwischen Arbeitgeber-, Arbeitnehmerkammern und Ministerium zu provozieren. Viele Jungen und Mädchen scheitern noch früher: an den Anforderungen, die das mehrsprachige Bildungssystem an sie stellt, an Selektionsmechanismen, die die Chancen auf eine hochwertige Ausbildung für Arbeiter- und Einwandererkinder reduzieren. Die Unterrichtsministerin hat die Grundschule reformiert, aber sie ist nur ein Glied in einer Kette: ein anderes ist die Familie, die ihre Bindekraft zunehmend einzubüßen scheint.

Derweil schreitet die Globalisierung voran, Produktionsstätten werden verlagert und als Folge verabschieden sich Betriebe aus der Ausbildungsverpflichtung. Hinzu kommt, dass die Anforderungen an die berufliche Qualifikation ständig steigen: Mit dem Eintritt in die Schule wird von den jungen Menschen erwartet, sich fortan weiterzubilden. Lifelong Learning ist angesagt, um sich möglichst flexibel den wechselnden Trends auf dem Arbeitsmarkt anpassen zu können. Kein Wunder, wenn sich viele von ihnen schwer damit tun, die richtigen Weichen zu stellen. Lange Zeit schien es so, als tickten hierzulande die Uhren langsamer, als bliebe Luxemburg dank traumhafter Wachstumsquoten von den negativen Folgen des globalen Wettbewerbs verschont. Die Bankenkrise zeigt, wie wackelig die Nischenkonstruktion ist – und das man gut daran tut, sich nicht zu sehr auf sie zu verlassen. Der Handwerkssektor ist mit über 65 000 Beschäftigten der größte Arbeitgeber im Land, der staatlich angekurbelte Wohnungsbau wird dazu beitragen, dass das noch eine Weile so bleibt. Qualifizierte Fachkräfte fehlen aber auch in anderen Branchen. In die Ausbildung zu investieren, ist vielleicht keine Garantie mehr für eine sichere Zukunft, aber sie bleibt die Voraussetzung.

Das Land dankt den Auszubildenden und Berufstätigen, die bereit waren, sich für diese Beilage fotografieren zu lassen.

Ines Kurschat
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