Die Berechnung der „wirklichen“ Inflation bereitet vielen Menschen große Freude

Spaß mit Mathe

d'Lëtzebuerger Land du 12.06.2020

Was kommt jetzt als Nächstes? Keine Frage für deutsche Bestseller-Autoren: erst ein deflationärer Schock, dann Hyperinflation. Sein Vermögen müsse man nun in „Sachwerte“ retten. Praktischerweise haben Max Otte, Dirk Müller, Matthias Weik und Marc Friedrich jeweils auch passende eigene Investmentfonds im Angebot; Markus Krall rät als Sprecher der Degussa Goldhandel eher zu Edelmetall. Mit dem Boulevardmagazin Focus sind sich die Crash-Propheten einig: „Die offizielle Inflation stimmt hinten und vorne nicht.“

Dass die Teuerungsrate ebenso verlogen sei wie die Arbeitslosenquote, das Wirtschaftswachstum und andere staatliche Zahlen, ist längst ein Gemeinplatz. Die EU-Kommission erfasst seit 2003, wie EU-Bürger die Inflation wahrnehmen. Erst 2017 hat die Europäische Zentralbank (EZB) diese Umfragen einmal ausgewertet: Von 2004 bis 2015 sei die „tatsächliche“ Inflation im Euro-Raum 1,8 Prozent gewesen – die „wahrgenommene“ aber 9,5 Prozent. Die Luxemburger etwa tippten auf 7,2 Prozent statt auf 2,5 Prozent, die Rumänen gar auf 20,1 statt auf 5,7 Prozent. Selbst bei den staatsgläubigen Schweden war die gefühlte Inflation gut doppelt so hoch wie die amtliche.

Sind Hausfrauen, die täglich einkaufen, vielleicht einfach zu doof, die Entwicklung der Kaufkraft richtig einzuschätzen? Das würden Forscher im Auftrag der EZB nie behaupten. Sie formulieren: „Frauen, Niedrigverdiener und Personen mit niedrigem Bildungsniveau tendieren dazu, höhere Inflationsniveaus wahrzunehmen und zu erwarten.“

Vielleicht können ja die Statistiker keine realistischen Warenkörbe basteln? Das wiederum würden Jan Swiatkowski, Marius Puke und Hans-Peter Burghof niemals schreiben. Die Ökonomen der Uni Hohenheim in Stuttgart haben vom 1. Februar bis 20. April 2020 auf den Internetseiten von fünf europäischen Supermarktketten die Preise von rund 30 000 Produkten verfolgt. Während der Corona-Krise habe sich der Verbrauch drastisch gewandelt: kein Benzin, keine Reisen, kein Sport, dafür mehr Nudeln, Reis und Klopapier. Folglich sehe die Teuerung anders aus als mit dem offiziellen Warenkorb gemessen.

In den ersten Wochen „haben die Unternehmen die Preise nur zögerlich angepasst und es vermieden, die Krisensituation für kurzfristige Gewinne zu missbrauchen“, finden die Stuttgarter Forscher. Dann aber seien die Preise deutlich gestiegen, besonders für Backwaren (zum Beispiel Kekse: +45%), Fertigprodukte (Tiefkühlkost: +33%), Obst und Gemüse (Tomaten: +23%). Im Schnitt seien Lebensmittel in den vergangenen Monaten um 0,8 Prozent teurer geworden. Wenn dieser Trend anhalte, ergebe sich für das Jahr eine Inflation von 3,8 Porzent – viel mehr als von der EZB erwartet. Das könnte „eine fehlerhafte Geldpolitik auslösen“, warnen die Wissenschaftler: Es sei fraglich, ob die Inflation „tatsächlich einen so großen Spielraum für eine Erhöhung der Geldmenge zulässt“.

Das offizielle Inflationsmaß der EZB ist der „Harmonisierte Verbraucherpreisindex“ (englische Abkürzung: HICP), der von den europäischen Statistikbehörden erfasst und zweimal monatlich veröffentlicht wird: Wenn Olivenöl in Griechenland billiger wird, fühlen sich auch Haushalte in Finnland gleich besser. Natürlich nur ein bisschen, denn mehr als eine Million Preise werden mit hochkomplexen Berechnungen klassifiziert, gewichtet, saisonbereinigt, qualitätsadjustiert und europaweit harmonisiert.

Eine erste „Schnellschätzung“ meldet für Mai 2020 einen HICP von 0,1 Prozent, nach 0,3 im April und 0,7 Prozent im März. Nur wenige EU-Länder verzeichnen derzeit Inflation (Slowakei 2,0%, Deutschland 0,5%, Frankreich 0,2%), die meisten jedoch Deflation. Für Luxemburg zum Beispiel werden minus 1,6 geschätzt – im Januar war es noch offiziell plus 2,5 Prozent. Verantwortlich dafür seien europaweit vor allem gesunkene Energiepreise (-12%), während unverarbeitete Lebensmittel (+6,5%) teurer wurden.

Die „Covid-19-Eindämmungsmaßnahmen“ werden von den EU-Statistikern durchaus zur Kenntnis genommen. Zum Beispiel ist es recht schwierig, Preise von Flugtickets zu erfassen, wenn kein Flugzeug fliegt. Deshalb werden für sie bei der Berechnung des Warenkorbs „imputation rules“ angewandt: Um den (fiktiven) Preis für April 2020 zu bestimmen, wird der Wert vom März 2020 mit dem Faktor 1,05 multipliziert, denn im vergangenen Jahr hatten sich Flüge von März bis April um fünf Prozent verteuert. Ähnlich wurden immer schon die Preise von saisonalen Produkten berechnet, wenn diese gerade „out of season“ sind, also nur auf dem Papier erhältlich.

Kritiker sehen im Hantieren mit esoterischen Bewertungs- und Gewichtungsfaktoren nichts als Lug und Trug. Die Teuerung bei Vermögenspreisen werde vorsätzlich ausgeblendet, die Inflation künstlich niedrig gerechnet. Der HICP sei reiner Hohn: Wenn die Armen sich kein Brot mehr leisten können, sollen sie doch billigere Fernreisen buchen, von besseren Computern profitieren und sich über ihre gestiegenen Aktien freuen…

Der Amerikaner John Williams bloggt über Statistik-Tricks. Die „Kerninflationsrate“ zum Beispiel blendet Lebensmittel- und Energiepreise aus, weil diese zu volatil und auslandsabhängig seien – sie misst die Verbraucherpreise mit Ausnahme der Preise, für die sich Verbraucher hauptsächlich interessieren. „Hedonische Bewertung“ macht Autos auf dem Papier billiger, weil sie immer besser würden – Qualitätsverschlechterung, etwa geplanter Verschleiß, wird dagegen nicht erfasst. Die „owners‘ equivalent rent of primary residence“ (OER) misst die Miete, die Hausbesitzer zahlen würden, wenn sie Miete zahlen würden. Sozialleistungen werden der offiziellen Inflation angepasst. Williams findet, sie müssten bei einer halbwegs korrekten Berechnung „be more than double what they are today“.

Für Statistiker scheint der beliebig gestaltbare OER-Fantasiefaktor unwiderstehlich zu sein. Die EZB, bei der gerade eine „Strategieüberprüfung“ läuft, liebäugelt mit einer Neuberechnung der Inflation nach US-Vorbild. Der deutsche Bankenverband ist dafür: Es gebe „relevante Bedenken, dass Kosten für selbstgenutzten Wohnraum in der Verbraucherpreisentwicklung der Eurozone unterrepräsentiert sind“.

Niedrige Inflationszahlen sind angenehm: Arbeiter verlangen dann weniger Lohnerhöhung, das Wirtschaftswachstum sieht größer aus, Regierungen und andere Schuldenmacher müssen weniger Zinsen zahlen, und allgemein ist die Stimmung besser. Vor allem aber kann die EZB die Geldschleusen immer weiter öffnen, ohne das deklarierte HICP-Ziel zu verfehlen („unter, aber nahe 2%“).

Dabei ist umstritten, ob Warenkörbe, ständig aktualisiert und leicht zu manipulieren, überhaupt ein geeignetes Maß sind. Nach dem Ökonomen Milton Friedman ist Inflation „immer und überall ein monetäres Phänomen“ – und ihre Berechnung ganz einfach nach der Faustformel „Wachstum der Geldmenge minus Wirtschaftswachstum“. Für Deutschland zum Beispiel ergäbe sich damit von 2001 bis 2012 eine Inflation von 66 statt den amtlichen zwölf Prozent – pro Jahr eher sechs als die verkündeten 1,55 Prozent. Falls die Zahlen zu Geldmenge und Wirtschaftswachstum stimmen.

Da „Familien die Dinge ganz anders sehen als die Ökonomen“ und „viele Menschen die Teuerung als stärker wahrnehmen“, schlägt Oren Cass, der Leiter der konservativen Denkfabrik American Compass, eine neue Messlatte vor. Sein „Cost-of-Thriving Index“ misst die Kosten eines vierköpfigen Haushalts (die größten Ausgabeposten: Miete für ein Haus mit drei Schlafräumen, ein Auto, Krankenversicherung für die Familie, ein Semester an einem öffentlichen College) im Verhältnis zum Wochenlohn eines männlichen Vollzeit-Arbeitnehmers. Ergebnis: 1985 musste ein Durchschnittsmann für den American Way of Life 30 Wochen arbeiten – heute bräuchte er 53 Wochen. Heißt in Wirklichkeit: die Frau zur Arbeit schicken, Ansprüche verringern, Schulden machen, Staatsknete beantragen.

Ob ein Mann eine Familie gründen und ernähren können soll, will Cass nicht diskutieren: Nach wie vor seien über 70 Prozent der Amerikaner der Meinung, dass das einen „guten Ehemann“ ausmache. „Früher konnte ein Mann das, jetzt nicht mehr.“ Die aufpolierte offizielle Inflation sage nichts über die Finanzierbarkeit von (oft sozial normierten) Bedürfnissen einer Familie, über die wahren Lebenshaltungskosten aus: Ein noch so großer TV-Bildschirm nütze nichts, wenn man sich keinen Zahnarzt mehr leisten kann. Die sich öffnende Schere zwischen den Kosten eines Mittelklasse-Lebens und dem Durchschnittsverdienst, sei „eine zentrale Tatsache, die die Öffentlichkeit offenbar lange vor den Ökonomen verstanden hat“. Normalbürger können allerdings auch nicht so schön rechnen.

Nullen und andere Zahlen

– Die Bücher Weltsystemcrash (Otte), Machtbeben (Müller), Der größte Crash aller Zeiten (Weik, Friedrich) und Die Bürgerliche Revolution (Krall) werden vom Mainstream derart totgeschwiegen, dass es für die Spiegel-Bestsellerliste reicht.

– „EU consumers’ quantitative inflation perceptions and expectations: an evaluation“, ECB Occasional Paper No 186, April 2017: ecb.europa.eu

– „Corona-Preise an der Supermarktkasse und die Geldpolitik der EZB“, Hohenheimer Lehrstuhl für Bankwirtschaft: bank.uni-hohenheim.de

– Amtliche Inflationsberechnung: ec.europa.eu/eurostat/web/hicp

– Was John Williams an den Inflationszahlen stört, erläutert vor allem sein „Public Comment No. 515“: shadowstats.com

– „The Cost-of-Thriving Index: Reevaluating the Prosperity of the American Familiy“ von Oren Cass, 20. Februar 2020: manhattan-institute.org me

Martin Ebner
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