Majorzgemeinden

Die Rache der Kegelbahn von Dahl

d'Lëtzebuerger Land du 14.10.2011

Mit dem Bevölkerungswachstum und den Gemeindefusionen nimmt die Zahl der Majorzgemeinden, in denen weniger als 3 000 Leute wohnen, rapide ab. Am Sonntag wurde in 63 von 106 Gemeinden nach dem Majorzprinzip gewählt. Diese kleinen Landgemeinden stellen noch immer fast die Hälfte aller Gemeinden dar, doch in ihnen wohnt nur ein Viertel der Bevölkerung.

In Nommern und Schieren hatten sich jeweils acht Kandidaten für neun Posten beworben, in Weiler zum Turm nur sieben für neun Mandate und in Consdorf sogar nur fünf Leute für neun Mandate. Sie sind allesamt ohne Wahl ernannt. Um die vakant gebliebenen Mandate zu bekleiden, sollen nun zumindest in einem Teil dieser Gemeinden Nachwahlen organisiert werden.

Das personenbezogene Mehrheitswahlrecht, nach dem noch jeder Vierte wählt, ist ein Überbleibsel aus dem 19. Jahrhundert des Zensuswahlrechts, als nur die reichsten Steuerzahler ihre Notabeln wählten. Die Verteidiger des Majorzprinzips behaupten, dass es eine „Politisierung“ der Gemeindeführung verhindere. Doch neuerdings zählen die Parteien die Majorzbürgermeister auf, die ihre Parteikarte haben, um den kommunalpolitischen Einfluss der Partei zu demonstrieren. Und lange bevor eine Majorzgemeinde die nötige Einwohnerzahl hat, um Proporzgemeinde zu werden, schließen sich schon Kandidaten zu Listen des Bürgermeisters oder der Oppositionslisten zusammen, auch wenn die Wahlzettel das nicht erkennen lassen.

So unterlag in Waldbillig Bürgermeister Gérard Bender einer Kandidatenliste um Schöffen Jean-Luc Schleich und wurde nur noch fünfter. Noch härter traf es in Dalheim die für ihren Führungsstil kritisierte Bürgermeisterin Marie-Ange Mousel-Schmit. Sie erhielt kaum mehr als die Hälfte der Stimmen von Schöffen Joseph Heisbourg und wurde nur noch achte. So dass die DP-Politikerin bereits am Sonntag erklärte, sich aus der Gemeindepolitik zurückzuziehen und ihr Mandat abzulehnen.

In Vianden wählte eine Mehrheit der Wahlberechtigten den Schöffenrat ab und wünschte sich die Vorgänger zurück. Erstgewählter wurde der ehemalige Bürgermeister Marc Schaefer (LSAP), während seine Nachfolgerin, die amtierende Bürgermeisterin Gaby Frantzen-Heger, nur noch Fünfte wurde. Schöffe Nico Walisch wurde gar nicht mehr gewählt. Die ehemalige LSAP- und parteiunabhängige, dann zu déi Gréng übergetretene Bürgermeisterin, Schöffe François Meyer und der erste Ersatzgewählte teilten am Montag mit, dass sie sich aus der Kommunalpolitik zurückziehen und ihre Ämter nicht annehmen wollen.

Dass die Schöffen in Goesdorf ihrem Bürgermeister Arthur Schockmel selbstherrliches Vorgehen bei einem Baustopp für die Kegelbahn eines Gasthauses in Dahl vorgeworfen hatten, verziehen ihnen die Wähler nicht. Der aufrührerische Schöffe John Hermes kam noch gerade so in den Gemeinderat, sein Kollege Roger Brachmond wurde nicht mehr wiedergewählt. Bürgermeister Schockmel hatte aus Protest nach 24 Jahren nicht mehr kandidiert.

Ihrem Bürgermeister Henri Franck überdrüssig waren die Wähler in Garnich. Der 69-jährige Rentner wurde nach 18 Jahren Kommunalpolitik nur noch als Achter gewählt. An seiner Stelle gewannen die beiden Schöffen Georges Fohl und Nico Biver die Wahlen.

In Colmar-Berg blieben dem Bürgermeister und LSAP-Abgeordneten Fernand Diederich, der sich gegen die Ansiedlung des Agrarzentrums ausgesprochen hatte, nur noch drei Stimmen Vorsprung auf den Zweitgewählten, Schöffen Gast Jacobs, der für das Agrarzentrum gestimmt hatte.

In Bissen wurde Bürgermeister Aloyse Bauer nur noch Vierter, die Wah[-]len gewann Jos Schummer. Am Tag danach griff die nicht mehr wiedergewählte Gemeinderätin Monique Mathieu zur Feder und schrieb sich in einem offenen Brief an die undankbaren Wähler ihren Frust von der Seele: „Merci deene wéinege Wielerinnen a Wieler, déi mir e Sonndeg hir Stëmm ginn hunn, ouni och engem vun den Hären Thilman eng Stëmm ze ginn. E Sonndeg hunn ech eraus fonnt, datt ech no 6 Joer Schaffen am Dingscht vun der Gemeng Biissen zwar houfreg op dat Erreechte si kann, datt et awer méi einfach ass, e puer Woche virun de Walen mam Pifffaass duerch d‘Duerf ze fueren, fir datt een Unerkennung bei de Leit fënnt. Déi Biisser hu sech – bei allem Respekt fir de J. Schummer – eng Marionette zum Buergermeeschter gewielt, un där hire Fisselen een zitt, deen net bei de Walen ugetratt ass, an een zweeten, dee virun allem haart Kreesch deed, awer scho litt, wann e vu sech behaapt, hir wär riicht eraus.“ Das Mehrheitswahlrecht führt offenbar weniger zur „Politisierung“ der Gemeindeführung, als dass es Konflikte personalisiert...

Romain Hilgert
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