Die Brüder Karamasow

Ein Karamasow

d'Lëtzebuerger Land vom 12.02.2016

Zeigt man einem Narren den Mond, schaut er auf den Finger. Zeigt man einem Hund etwas mit einem Stock, starrt er auf den Stock. André Jung muss Hunde gut kennen, sie monatelang studiert haben, um einen solch realistischen Hund auf die Bühne zu bringen, dass man ihm jede Trägheit, jede Dummheit, jede Peinlichkeit abnimmt. Dafür braucht er nicht auf allen Vieren zu krabbeln, muss nicht in die Ecken pinkeln; ein tumber Blick, ein behäbiges Hochheben einer Augenbraue, ein Pfötchengeben oder ein liebevolles Schnauze-auf-die-Schulter-seines-Herrchens-Legen genügen, um ihm den Hund abzunehmen. Und man krümmt sich vor Lachen, wenn man ihn, den König Lear, hier als Hund sieht, treuherzig, ziemlich doof, wie er manchmal niest, dann lange Zeit hochkonzentriert einer Fliege nachschaut, Reisig apportiert, oder, die schönste Szene des Abends überhaupt, den Kopf in eine Schneemaschine steckt.

Aber halt! Ist das nicht Dostojewskij, Die Brüder Karamasow, Lebenswerk, tausend Seiten, Moral, Religion, Schuld, Sühne...? Was macht denn da ein Hund? Und warum lachen wir hier überhaupt, als sei es eine Schmierenkomödie, und nicht einer der ehreinflößendsten Klassiker der Weltliteratur? Eine Bildungsbürgerin wirft entrüstet böse Blick auf die Lacher im Publikum.

Thorsten Lensing, dessen Adaptierungen von Tschechows Onkel Wanja und des Kirschgarten schon im Grand Théâtre zu sehen waren, hat Dostojewskijs Roman radikal entrümpelt. Wie Luk Perceval es ungefähr zeitgleich am Hamburger Thalia tat, hat Lensing 2014 in Berlin Dostojewskij auf ein Skelett reduziert. Nur, entgegen Perceval, konzentriert er sich nicht auf die Familiengeschichte der Karamasows und die Kriminalgeschichte um den Vatermord. Thorsten Lensing begleitet nur Aljoscha, den jüngsten der Karamasow-Brüder, Novize in einem Kloster, auf seiner Suche nach dem Sinn des Lebens, nach Vergebung, Verzeihen, Verstehen. Aljoschas Welt besteht aus Kindern und Tieren, also bringt Thorsten Lensing sie und ihre Familien auf die Bühne. Und so sind sie zu siebt, und veranschaulichen die ganze Grausamkeit der (Klassen-)Gesellschaft und die Sinnlosigkeit der Existenz.

Da geht es um die Liebe, unerfüllte, unmögliche Liebe. Lisa, erst vierzehn und an den Rollstuhl gefesselt, hat sich in den Kopf gesetzt, den fünf Jahre älteren Aljoscha zu heiraten. Um ihn zu überzeugen, schreibt sie ihm unsicher flammende Liebesbriefe auf pinkrosa Papier. Doch als Aljoscha nachgibt, bereit ist, sich ihr zu ergeben, da hat sie es sich schon anders überlegt. Ihre Mutter, Madame Chochlakowa, versucht, der schreisüchtigen und labilen Lisa gerecht zu werden, ringt jedoch auch selbst mit ihrer Existenz, der Suche nach dem Glauben an ein Leben jenseits und gutem Sex diesseits des Todes. Iljuscha, der neunjährige Sohn des ehemaligen Stabskapitäns der Karamasows, kämpft gegen eine ungenannten Krankheit, die ihn umbringen wird. Er hat die Ungerechtigkeit, als die er die Entlassung seines Vaters empfand, nie verwinden können, sie schon als Kind als Klassenungerechtigkeit verstanden. Und da ist auch noch Kolja, dreizehn Jahre alt, Besitzer des Hundes und unerträgliches, arrogantes kleines Arschloch, der jeden und alles verabscheut (besonders den Klassizismus).

Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung ist der wunderbare Dialog des Priestermönchs Starez Sossima, 65 Jahre, mit Madame Chochlakowa. Aljoschas geistiger Vater, versucht, dem Sterben nahe, noch einmal den wahren Sinn des Lebens zu veranschaulichen. Es ist, erklärt er, die „tätige Liebe“ die das Leben lebenswert macht. „Liebt das Leben mehr als seinen Sinn“ erklärt er, „die Hölle ist das Leiden daran, nicht lieben zu können“. Madame Chochlakowa jedoch scheint ihren Glauben an die Menschheit schon lange aufgegeben zu haben: „Heute ist doch die ganze Menschheit in lauter Einzelne verfallen, jeder glaubt nur noch an sich selbst“, hat „immer mehr Besitz und immer weniger Freiheit“ – fast könnte man meinen, Dostojewskij rede nicht vom Menschen des 19., sondern des 21. Jahrhunderts.

Thorsten Lensings Karamasow funktioniert nicht nur dank seiner radikalen Strichversion (unter Mitarbeit von Dirk Pilz), die sich auf das Moderne des Textes konzentriert, und der ebenso radikalen brechtschen Inszenierung – Mutter von Mann mit Bart (wunderbarer Ernst Stötzner) gespielt; passt, freche Göre unserer Zeit, passt; Hund, Glocke, Priestergewänder, Stühle die zur Bahre werden, passt (Bühne: Johannes Schütz). Es funktioniert jedoch besonders dank der außergewöhnlichen Schauspieler, die einfühlsam und mit wenig Effekten die ganze Menschlichkeit der Figuren verkörpern, ihr In-die-Welt-geworfen-Sein auf der Bühne leben. Devid Striesow ist wieder einmal grandios in seinem Leiden, Ursina Lardi kraftvoll in der Bipolarität eines Mädchens, das seine Naivität gegen Nihilismus eintauscht, und natürlich André Jung, der keine zehn Sekunden braucht, um vom Hund zum weisen Starez Sossima zu werden, und zurück. Die vier Stunden dieser Koproduktion der Théâtres de la Ville, die vergangenes Wochenende auf Limpertsberg gastierte, vergehen wie im Flug.

josée hansen
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