Leitartikel

Feuerwerksmusik

d'Lëtzebuerger Land vom 19.05.2017

Vor einigen Tagen beschwerte sich die Fédération luxembourgeoise des auteurs et compositeurs (Flac) in einem offenen Brief an Kulturminister Xavier Bettel (DP) darüber, dass er für das Feuerwerk am Nationalfeiertag eine Begleitmusik von einer „im Innern eines Computers nistenden ‚künstlichen Intelligenz‘“ bestellt habe. Dies sei ein „Affront“ für alle heimischen Komponisten und eine „schallende Ohrfeige“ für die Kunstschaffenden aller Bereiche, da die öffentlichen Aufträge selten und die Möglichkeiten der Förderung noch seltener seien.

Einige Tage später bestätigte der Kulturminister, dass die Regierung neben einem Auftrag an zwei Musiker aus Fleisch und Flut tatsächlich ein für das Vorprogramm am Natio­nalfeiertag gedachtes Musikstück bei einer „Luxemburger Start-up“ namens Artificial intelligence virtual artist (Aiva) bestellt habe. Mit dieser Darbietung solle gezeigt werden, dass Luxemburg „innovativ“ und eine „weltweite Referenz im Bereich neuer Technologien“ sei.

Ein halbes Jahrhundert nach Philip K. Dicks Roman Do Androids Dream of Electric Sheep? wirft dieser Vorfall nicht nur die Frage auf, wieso die von der Flac kritisierte künstliche Intelligenz im Zeitalter der Geolokalisation nicht zu denselben patriotischen Gefühlen fähig sein soll wie richtige Komponisten. Er wirft auch ein neues Licht auf Arbeit und Kunst.

Schließlich hört man so gut wie nie davon, dass Arbeiter oder Angestellte öffentlich gegen die Umstände zu protestieren wagen, unter denen sie wegrationalisiert und von Montagerobotern, automatischen Kaufhauskassen oder Investitionsalgorithmen ersetzt werden. Und noch viel seltener hört man, dass ein Minister in der Öffentlichkeit dazu verständnisvoll Stellung nähme. Vielmehr hat die Regierung gerade bei dem US-amerikanischen Zukunftsforscher Jeremy Rifkin eine Studie gekauft, die erklärt, dass der technische Fortschritt eine blinde Naturgewalt sei, so dass seine Opfer, denen nichts mehr bleibt, dies in einer „sharing economy“ teilen sollen. Auch die Komponisten zweifeln nicht daran und beginnen ihren offenen Brief mit der Beteuerung, wie aufgeschlossen sie gegenüber neuen Technologien und Start-ups seien.

Doch in der Logik der Rifkin-Studie, deren Kurzfassung die liberale Koalition zu ihren wirtschafts- und sozialpolitischen Richtlinien erklärt hat, scheint die den unbarmherzigen Gesetzen des Marktes folgende Regierung zur Einsicht gekommen zu sein, dass in der dritten Industriellen Revolution Roboter die Arbeit auch jener Beamten und Selbstständigen besser und billiger erledigen, die Thomas Bernard „katholische Staatskünstler“ nannte. Wo sie bisher bei dem um die Neue Brücke versammelten Staatsvolk für die enge Heimat, den etwas miefigen Thron und Altar warben, soll bald ein vielleicht Händel 2.0 getaufter Computer in den gleichen Tönen weltweit für die Zukunftsgewandtheit und technische Überlegenheit des Investitions­standorts, seiner Tier-4-Data-Center und flinken Glasfasernetze werben.

Auch wenn die aufgebrachten Komponisten künftig auf den einen oder anderen staatlichen Auftrag verzichten müssten, könnte die vom liberalen Kulturminister auf einen neuen Höhepunkt zugetriebene Entkunstung der Kunst neue Perspektiven eröffnen. Statt eines dekorativen und unterhaltenden Kunsthandwerks, dessen Industrialisierung nach Ansicht der Regierung erfolgreicher von Robotern übernommen wird, könnten sie sich einer Kunst widmen, die eine Autonomie als „Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen“ anstrebt, von dem der Montage­arbeiter, die Kassiererin und der Investitionsberater kaum zu träumen wagen.

Romain Hilgert
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