Kirchenkritiker

Die lieben Genossen

d'Lëtzebuerger Land du 04.11.2010

Heute loben wir die Kirchenkritiker. Es stimmt, die LSAP bezieht in letzter Zeit heftige Prügel, weil sie reihum ihre eigenen Prinzipien verrät und mit dem sozialistischen ­Gesellschaftsentwurf fast gar nichts mehr gemeinsam hat. Auch wir, müssen wir beschämt gestehen, haben dem einstigen politischen Hoffnungsträger mehr als einmal arg am Zeug geflickt. Doch nun haben wir Grund, uns in aller Form zu entschuldigen. Denn urplötzlich tut sich mitten in dieser ideologisch abgeschlafften, stromlinienförmigen Partei eine revolutionäre Zelle auf, ein Nest der hardliner und erbarmungslosen Kontestatäre. Ausgerechnet in der Hauptstadt weht auf einmal der scharfe Wind des Aufruhrs und der Umsturzlust.

Unser neuer sozialistischer Held heißt Ben Fayot. Der furchtlose Matador zögert nicht eine Sekunde, der Unterrichtsministerin, die immerhin aus den eigenen Reihen stammt, mit entschiedener Virulenz in die Parade zu fahren. Er nimmt sie rücksichtslos und konsequent aufs Korn, weil sie seit Jahr und Tag den Ausverkauf der öffentlichen Schule an die Pfaffen betreibt. In einem gepfefferten Schreiben fordert Ben Fayot klare Antworten auf drängende Fragen: Unter welchen Bedingungen werden die Schulsäle des Landes an die klerikale Sippschaft verhökert? Wieso darf eine religiöse Sekte sich in den staatlichen Lehranstalten breitmachen? Ist sich Frau Delvaux vielleicht nicht bewusst, dass die kreationistischen Thesen die Unabhängigkeit der Schulbildung in Frage stellen und generell den freien Geist bedrohen?

Ein derart schönes Sperrfeuer gegen die schamlose Kungelei der Amtsinhaberin mit den lokalen Gotteskriegern können wir nur begeistert unterschreiben. Diese Abreibung war längst fällig. Und Herr Fayot lässt sich gar nicht erst lange auf gepflegte Haarspalterei ein, sondern geht gleich mit der Kalaschnikow zu Werk. Die Unterrichtsministerin muss sich Allerschlimmstes zu Gemüt führen. Ob sie sich nicht im Klaren sei, dass schon die parlamentarische Versammlung des Europarats in einem rezenten Bericht ihre Sorge ausdrückte um die „influence néfaste que pourrait avoir la diffusion de thèses créationnistes au sein de nos systèmes éducatifs et de ses conséquences sur nos démocraties“?

Und es kommt noch grauenvoller für die kirchenfreundliche Unterrichtsministerin. Die pfäffische Propaganda in unseren Schulen stelle unverblümt den demokratischen Bildungsauftrag in Frage. Das klerikale Gedankengut sei offen wissenschaftsfeindlich und gefährde sogar die Menschenrechte, „qui sont au cœur des préoccupations du Conseil de l’Europe“. Nun wäre es natürlich höchst interessant zu erfahren, wie denn die Unterrichtsministerin auf diese massiven Vorwürfe reagiert. Wenn sie schon auf diese konzessionslose Weise öffentlich desavouiert wird, und zwar von den eigenen Genossen, wäre doch wohl das mindeste, dass sie ihren Posten unverzüglich zur Verfügung stellt, um weiteres Unheil zu vermeiden.

Sagen wir es gleich: Die Unterrichtsministerin reagiert überhaupt nicht. Denn in unsere Glosse hat sich leider ein kleiner, aber entscheidender Irrtum eingeschlichen. Ben Fayot ritt seine Attacke nicht gegen die Unterrichtsministerin, sondern gegen den Schöffenrat der Hauptstadt. Er sprach auch nicht von den staatlichen Lehranstalten, sondern vom hauptstädtischen Kulturzentrum „Tramsschapp“. In diesem öffentlichen Amüsierhäuschen zeigte irgendein frommer Verein den dubiosen Film Die Schöpfung. Ben Fa-yots ganze Rage richtete sich gegen die Tatsache, dass der Schöffenrat den „Tramsschapp“-Saal zu diesem Zweck vermietet hatte.

Und wieder sind wir um die Illusion ärmer, die LSAP könnte irgendwann ihre eigenen Grundsätze wiederentdecken. Kein Mensch wird gezwungen, des Abends in den „Tramsschapp“ zu wandern, um sich ein obskures Machwerk reinzuziehen. Doch alle Kinder werden gezwungen, die Schule zu besuchen, wo die staatlich bezahlten Kreationisten schon mit ihrem faulen Propagandazauber lauern. Hat Ben Fayot demnach ein fehlgeleitetes Geschoss abgefeuert? Oder muss hier der blau-grüne Schöffenrat büßen für die abgrundtief falsche Politik der LSAP-Ministerin?

Wir haben einen Vorschlag zur Güte. Wie wäre es denn, wenn die wackere LSAP-Sektion aus der Hauptstadt ihr geharnischtes Schreiben noch einmal absenden würde, mit genau dem gleichen Wortlaut? Und zwar diesmal an die staatliche Zentrale der Kreationismus-Förderung, das LSAP-besetzte Unterrichtsministerium? Immerhin gibt es einen trefflichen Grund, die Rage am Kochen zu halten. Das Häuflein Schöpfungsfanatiker musste für seinen Filmabend im „Tramsschapp“ Miete zahlen. Doch die Kleriker und Katecheten, die in unseren Schulen exakt den gleichen Irrsinn verbreiten, werden vom weltanschaulich neutralen Staat für ihre Auftritte bezahlt. Wie wäre es denn, wenn die LSAP sich dazu durchringen könnte, die Propaganda im großen Stil genau so zu bewerten wie den groben Unfug im kleinen Rahmen? Schulmiete für das Erzbistum. Das wäre ein kolossales Sparprogramm. Die Regierung wäre begeistert.

Guy Rewenig
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