Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 ist heute fast in Vergessenheit geraten. Doch sein Ausgang prägte das Machtverhältnis in Europa und war auch für Luxemburg von zentraler Bedeutung

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d'Lëtzebuerger Land vom 17.07.2020

Historischer Determinismus Zu den schwer fassbaren Begriffen in der Geschichtswissenschaft gehört die Kontingenz. Der Begriff ist alt, bereits Aristoteles sprach von „kontingenten Ereignissen“, doch so richtig in Mode geriet Kontingenz erst durch den Systemtheoretiker Niklas Luhmann. Dieser leicht schräge Soziologe mit einer Vorliebe für Zettelkasten integrierte den Begriff der Kontingenz in seine Theorie. Für ihn war klar, dass alles auch anders sein könnte, dass Zukunft offen ist.

Das klingt erst einmal äußerst banal. Aber für Historiker, die sich auf Fakten berufen, Interpretationen anhand von Quellen erstellen, Geschichte durch Tatsachen re- oder dekonstruieren, ist das eine Herausforderung. Denn es bedeutet, dass sie gelegentlich kontrafaktisch denken müssen, da die Geschichte nicht durch einen unsichtbaren roten Faden verbunden ist, sondern die Dinge auch völlig anders verlaufen könnten. Das Römische Reich musste nicht untergehen, auf die Machtergreifung der Nationalsozialsten musste kein Weltkrieg folgen und ohne das Attentat von Gavrilo Princip auf Franz Ferdinand, das den Ersten Weltkrieg auslöste, hätte das 20. Jahrhundert möglicherweise vollkommen anders ausgesehen. Oder wie es der Freiburger Historiker Jörn Leonhard ausdrückt: Nichts ist falscher als die deterministische Annahme, dass es kam, wie es kommen musste.

Hegemonialkampf Solche kontingenten Ereignisse lassen sich natürlich auch in der Geschichte Luxemburgs finden, historische Kreuzungen, an denen die Geschichte auch hätte anders verlaufen können. Vor einer solchen Abzweigung stand Luxemburg am Sonntag vor genau 150 Jahren. Es war der Beginn des Deutsch-Französischen Kriegs. Der Antagonismus zwischen Frankreich und dem von Preußen dominierten Norddeutschen Bund hatte sich in den 1860er-Jahren bereits verschärft, aber es war ein kleiner diplomatischer Vorfall, ein kleiner Schubser von Kanzler Otto von Bismarck, ein Nudge, wie es heute in der Verhaltenswissenschaft heißt, der den Krieg auslöste. Es leitet fehl, Bismarck als Puppenspieler zu betrachten, der gezielt die Dinge zu steuern wusste, aber seine manipulierte Emser Depesche setzte die französische Öffentlichkeit in Erregung und veranlasste Kaiser Napoleon III. die Truppen zu mobilisieren.

Das 19. Jahrhundert mag aus Sicht der Gegenwart wie ein fremdes Land wirken, aber Ehre und Stolz waren zu dieser Zeit hehre Werte, die über Handlungen bestimmten. Wie ein nationaler Volkskörper erzürnte sich Frankreich über den brüskierten Ton der Preußen und zog in den Krieg, um sein Gesicht und die Hegemonialstellung auf dem Kontinent zu wahren. Doch nichts davon konnte gerettet werden. Nach wenigen Monaten waren die französischen Truppen von Napoleon III. in der Schlacht bei Sedan besiegt – der Kaiser reichte Bismarck seinen Degen. Die neue Republik kämpfte vergeblich weiter bis Anfang 1871 und wurde von deutschen Truppen in Paris umkesselt. Auf die Niederlage folgte die Demütigung: Wilhelm I. wurde ausgerechnet im Spiegelsaal von Versailles am 18. Januar 1871 zum Kaiser des neu gegründeten Deutschen Kaiserreichs gekrönt. Und Frankreich musste Elsass und große Teile von Lothringen an das neue Reich abtreten. Das Machtverhältnis hatte sich zugunsten des neuen Players in der Europäische Mitte entschieden.

Heim ins Reich Luxemburg blieb in diesem Krieg passiver Beobachter. Das Großherzogtum galt seit dem Londoner Vertrag von 1867 als neutral; die preußische Garnison war abgezogen, die Festung geschleift. Doch trotz dieses Neutralitätsstatus, der in der Luxemburger Bevölkerung zu Beginn noch mit Argwohn betrachtet wurde, war die Gefahr, in einen Konflikt hineingezogen zu werden, stets latent. Nach dem Triumph von Sedan brachen in den deutschen Staaten nationale Vereinigungsträume aus. Die Nationalbewegung forderte die Erschaffung des deutschen Nationalstaats.

Und manche deutsche Zeitgenossen forderten in Zeitungen ebenfalls die Annexion Luxemburgs. Der preußische Gelehrte Heinrich von Treitschke – zu dieser Zeit eine Art Popstar unter den Historikern – veröffentlichte kurz nach der Schlacht von Sedan einen Artikel über Luxemburg und das Deutsche Reich, in dem er davon sprach, die „verpasste Gelegenheit“ von 1867 zu revidieren und die „verwelschte Bevölkerung“ des kleinen Staats „Heim ins Reich“ zu führen. „Und ist nicht die Neutralität des Ländchens, die künstliche Schöpfung einer Nation luxembourgeoise in Wahrheit eine Schmach für Deutschland? [...] Der Friedensschluβ mit Frankreich kann und soll die Gelegenheit bieten, Luxemburg dem deutschen Reich einzuverleiben.“

Comité patriotique permanent Diese Töne aus Preußen blieben in Luxemburg nicht unkommentiert. Zeitungen wie das katholische Luxemburger Wort oder das liberale Blatt L‘Union sprachen sich deutlich gegen eine Annexion und für den Erhalt der Unabhängigkeit aus. Als Stadthalter Prinz Heinrich im Oktober 1870 mit dem Zug nach Luxemburg reiste, wurde er von Massen mit den Gesängen zum Feierwon empfangen, Zeitungsberichte sprechen von 15 000 bis 20 000 Menschen, die sich in der Hauptsadt versammelten. Es war die Zeit, als Mir wëlle bleiwe, wat mir sinn zur patriotischen Parole avancierte und in Mir wëlle jo keng Preise ginn umgedeutet wurde. „Des Volkes Stimme ist Gottes Stimme“, schrieb das Wort begeistert, „beim Anblick des wahrhaft grandiosen Aufschwungs der öffentlichen Meinung und der nationalen Manifestation am 21. Oktober“. Und weiter: „Es war das ganze Volk, welches zusammentrat, um ein Fest des Vaterlandes zu feiern und der Welt das Schauspiel ihrer Liebe an die Heimath, an ihren Fürsten und an ihre Institutionen zu geben.“ (Luxemburger Wort, 23./24.10.1870) Ähnlich kommentierte L’Union das Schauspiel: „Nie, und dies können wir mit Überzeugung behaupten, hat die Geschichte ein Volk hervorgebracht, welches derart einheitlich sein Recht auf Unabhängigkeit eingefordert hat.“ (L’Union, 23.10.1870)

Es waren vor allem Beamte, Handwerker, einfache Bürger, Bauern und Arbeiter, die sich hinter dem Gedanken an ein autonomes Luxemburg versammelten. Die Notabeln und das Wirtschaftsbürgertum betrachteten die Massenszenen mit Argwohn, wollten die großen Nachbarn nicht verstimmen und vor allem nicht die wirtschaftlichen Beziehungen zu Preußen im Zollverein gefährden. Dennoch gründeten 26 Vereine aus Luxemburg das Comité patriotique permanent – eine Art zivilgesellschaftliche Cellule de crise, um für die Unabhängigkeit des Landes zu kämpfen. Den Opportunismus und Zerrissenheit dieser Zeit hat Michel Rodange in seinem Renert festgehalten.

Als Anfang Dezember Bismarck dem Großherzogtum einen vertraglichen Neutralitätsbruch unterstellte, weil es mit einem Eisbahnkonvoi die französische Kriegswirtschaft unterstützte, drohte der Kanzler mit Truppen in Luxemburg einzumarschieren. Die Luxemburger Regierung um Staatsminister Emmanuel Servais legte Protest ein, und die Gefahr eines tatsächlichen Einmarschs war aufgrund der Garantiemächte Russland und Großbritannien für die Luxemburger Neutralität nicht sonderlich groß, aber das Gerücht einer Annexion verbreitete sich trotzdem. Das patriotische Komitee beschloss in einer Eilversammlung am 12. Dezember, eine Petitionsaktion im ganzen Land für den Erhalt der Unabhängigkeit zu organisieren. Die Petitionsaktion fand großen Widerhall: 43 773 männliche Bürger unterzeichneten die Bittschrift, bei einer damaligen Bevölkerung von rund 200 000 Einwohnern.

Luxemburg wurde anders als Elsass und Lothringen nicht Teil des neuen Deutschen Reichs und blieb weiterhin ein autonomer Staat. Aber um es mit Niklas Luhmann zu formulieren: Es hätte auch anders sein können.

Pol Schock
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