Bildungsminister Claude Meisch (DP) will die öffentlichen Europaschulen weiter ausbauen

Europa für alle

d'Lëtzebuerger Land du 14.12.2018

Die Internationale Schule in Differdingen (EIDE) ist eine Baustelle. Das ist nicht pädagogisch gemeint, denn das Konzept der Europaschulen, auf dem die Schule im Viertel direkt hinter dem schmucken Science Center aufbaut, hat sich seit den 1950-ern bewährt. Sondern konkret: Das Gebäude, in dem Schüler der Oberstufe ab 2020 unterrichtet werden soll, ist ein Rohbau. Ein Gebäude steht bereits, in dem sind Schulklassen sowie Büros von Direktor Gérard Zens und Vizedirektorin Elisabeth Da Silva untergebracht. Insgesamt besuchen 313 Mädchen und Jungen die Klassen der Grundschule und 340 die der Sekundarstufe.

„Wir sind eine öffentlich Schule, die offen ist für alle und die, wie die anderen Schulen, auf Mehrsprachigkeit aufbaut“, betont Gérard Zens. Der ehemalige Leiter der Abteilung Sekundarschulen im Bildungsministerium verweist auf den Lehrplan: Eine Schülerin wählt eine Erstsprache, die sie in den kommenden Jahren wie eine Muttersprache lernt. Das kann Deutsch sein, Französisch, Englisch oder Portugiesisch, sowie eine Zweitsprache (EN, FR, DE). Dazu kommt die Unterrichtssprache für die Fächer neben dem Sprachunterricht: Zur Wahl stehen Englisch und Französisch. Wer also Englisch wählt, wird Geografie oder Mathe auf Englisch haben. Auf der Sekundarstufe kommt eine dritte Sprache (EN, FR, DE, PT) hinzu. Luxemburgisch ist für alle verpflichtend.

Die Mehrsprachigkeit ist seit jeher Dreh- und Angelpunkt dieses Schultyps, der mit dem Europäischen Abitur endet, das wiederum Zugang zu den Universitäten in allen EU-Mitgliedstaaten erlaubt. Die erste Europaschule wurde von den Ländern der Europäischen Gemeinschaft und der Luxemburger Regierung im Herbst 1953 auf dem Kirchberg gegründet. Ziel war es schon damals, Kinder mehrsprachig und multikulturell zu erziehen. Aber nicht irgendwelche: Den Gründern, hochrangige EU-Beamte, ging es darum, Schützlingen von Angestellten der diversen EU-Institutionen ein Schulangebot zu machen, das der besonderen Sprachsituation der Kinder, die aus den Mitgliedstaaten der EU stammten, gerecht würde. Damals sei der Luxemburger Lehrplan mit seiner Mehrsprachigkeit Vorbild gewesen, sagt Gérard Zens nicht ohne Stolz. Eine Triebfeder war und sei es weiterhin, „europäische Bürger“ auszubilden, mit Menschen aus verschiedenen Nationen zu kommunizieren. An der Europaschule auf dem Kirchberg und in Mamer gibt es verschiedene Sprachabteilungen. Wer eine Europäische Schule verlässt, spricht am Ende mindestens drei Sprachen fließend.

Das soll auch in Differdingen so sein. Einziger Unterschied: Anders als bei herkömmlichen Europaschulen müssen Eltern, die ihre Kinder nach Differdingen oder zur Zweigstelle in Esch-Alzette schicken, kein Schulgeld bezahlen. Dass der Staat per Vertrag eine öffentliche Europaschule einrichten kann, ist Ergebnis der Erfolgsgeschichte der „Schola europaea“: Nachdem die Schule sich großer Beliebtheit unter EU-Beamten erfreute und Bewerbungs- und Wartelisten immer länger wurden, wurde sie, gegen entsprechendes Entgelt, für Kinder von Angestellten internationaler Firmen geöffnet. Als dritte Etappe folgte die Einrichtung staatlicher Ableger. In Berlin öffnete die erste staatliche Europaschule 1992.

In Luxemburg sieht der liberale Bildungsminister Claude Meisch (DP) in den europäischen Schulen ein Eckstein seiner Bestrebungen, das Schul- und Sprachenangebot landesweit zu diversifizieren: „Unterschiedliche Schulen für unterschiedliche Kinder“ ist sein bildungspolitisches Motto, an dem er auch in der zweiten Legislaturperiode festhalten will. Im Koalitionsvertrag ist eine weitere öffentliche Schule nach europäischem Vorbild angekündigt, nach beschlossenen Klassen in Differdingen, Esch-Alzette, Bad Mondorf, Clerf und Junglinster dann demnächst in der Hauptstadt.

Dagegen sträubt sich vor allem die Lehrer-Gewerkschaft SEW-OGBL, die mit dem Minister seit längerem über Kreuz liegt und gegen dessen Diversifizierungsansatz auf Konfrontation geht. Dass unter Meisch immer mehr Schulen entstehen, deren Lehrpläne aus dem Ausland kommen, also nicht von hiesigen Programmkommissionen und mit Unterstützung des Bildungsministeriums entwickelt werden, stößt den Gewerkschaftern auf. Sie werfen Meisch vor, die Privatisierung und Neoliberalisierung der öffentlichen Schule voranzutreiben, ohne dabei die längerfristigen Folgen für das Schul- und Ausbildungssystem zu bedenken.

„Unsere Programme sind nicht privat, sondern für alle einsehbar“, unterstreicht dagegen Zens. Der Luxemburger Staat hat wie die anderen Mitgliedstaaten einen Sitz im Höheren Rat in Brüssel, der über Ausrichtung, Organisation und Finanzen der Europaschulen entscheidet. Die Inhalte der Lehrpläne bestimmt Luxemburg also mit. Zudem ist Luxemburg über zwei Inspektoren, einen für die Grundschule und einen für die Sekundarstufe, an der Supervision der Umsetzung der pädagogisch-didaktischen Inhalte beteiligt.

„Wir müssen in einem Europa, das zusammenwächst und wo die Arbeit ein, wenn nicht der entscheidende Mobilitätsfaktor ist, Schulangebote machen, so dass Eltern ihre Kinder mitnehmen und sie die Schule vor Ort besuchen können. Außerdem müssen wir die Kinder auf einen internationalen Arbeitsmarkt vorbereiten“, ist Zens überzeugt. Viele, die die europäischen Klassen in Differdingen und Esch-Alzette besuchen, seien Kinder, deren Eltern in Luxemburg eine Anstellung gefunden haben. Um wirtschaftlich weiter zu wachsen, um die Digitalisierung voranzutreiben, um Fintech und Forschung auszubauen, braucht Luxemburg Fachkräfte aus der ganzen Welt. Und die bringen Kinder mit oder bekommen sie.

Andere wiederum finden sich im herkömmlichen Luxemburger Schulsystem mit der starken Betonung des Deutschen oder des Französischen nicht zurecht. „Wir versuchen diese Diversität positiv zusammenzuführen. Mit dem flexiblen Sprachenunterricht sollen sie am Ende der Schullaufbahn ein quasi äquivalentes Niveau erreichen“, betont Elisabeth Da Silva. Das diversifizierte Sprachangebot sei auch Ergebnis dessen, dass immer mehr Schüler ins Ausland abwanderten. Die Gefahr, dass portugiesische Europaschüler sich über die Fächerwahl Portugiesisch, Französisch und Englisch den Weg in den öffentlichen Dienst dauerhaft versperren können, sieht sie eher nicht. „Es gibt andere aussichtsreiche Tätigkeitsfelder außerhalb des Staatsdienstes“, so die Vizedirektorin.

Die von den Gewerkschaften geäußerte Sorge, die internationalen Schulangebote könnten die große soziale Segregation des Luxemburger Bildungssystems weiter verschärfen, in dem Kinder aus ärmeren Familien deutlich schlechtere Bildungschancen haben, teilt Direktor Zens nicht: „Rund 20 Prozent unserer Schüler bekommen Studienbeihilfen. Da kann niemand ernsthaft behaupten, bei uns gebe es keine soziale Mischung.“

Ob das Europaschulmodell sozial benachteiligend wirkt, wird sich zeigen müssen. Das hängt nicht nur vom Einzugsbereich der Schule ab, also wer die Schule besucht, sondern auch von Hilfsangeboten, die die Lehrkräfte leistungsschwachen Schülern anbieten. Die EIDE ist eine Ganztagsschule, Hausaufgaben und Förderkurse sollen im Prinzip während der Schulzeit erledigt sein. „Das kommt Eltern entgegen, die mit der Hausaufgabenbetreuung daheim überfordert sind“, so Da Silva.

Die staatlichen Europaschulen in Berlin wurden 2012 umfassend wissenschaftlich evaluiert. Demnach war der sozioökonomische Hintergrund der Europaschüler nur an Einzelschulen besser (mit Englisch und Französisch als Unterrichtssprache, weil diese Angebote eher von Kindern besser gestellter Familien wahrgenommen wurden) als an Regelschulen; für andere galt das aber nicht. Auch sind keine „Ghettoschulen“ mit Ausländerkindern entstanden, wie Kritiker befürchtet hatten. Im Gegenteil: Schüler nicht-deutscher Herkunft waren besser integriert, ihr Ansehen und ihre Einbindung in den Klassenverband und in die Schulgemeinschaft gelang an den staatlichen Europaschulen deutlich besser als an den Regelschulen.

Der Differdinger Bürgermeister Roberto Traversini hatte darauf bestanden, dass ein Teil der EIDE-Schüler aus der Gemeinde kommen sollte. Das klappt wohl, wie eine parlamentarischen Anfrage der CSV-Abgeordneten Martine Hansen zeigt: Die drei stärksten Schülergruppen sind Franzosen und Luxemburger, gefolgt von Portugiesen.

Das heißt nicht, dass die soziale Herkunft nicht doch ein entscheidender Faktor in der Schullaufbahn bleiben wird: Um sich bewerben zu können, müssen Eltern das Angebot kennen. Während besser gestellte Eltern oft bewusst die Schule für ihr Kind auswählen, ist das bei anderen nicht immer der Fall: Weil sie das luxemburgische Schulsystem nicht durchblicken, weil sie die Bedeutung von Bildung nicht verstehen – oder weil sie schlichtweg keine Zeit haben, um sich um eine optimale Schule für ihr Kind zu kümmern. Die französischsprachige Plattform www.mengschoul.lu will bei der Orientierung helfen, ist aber etwas schwerfällig.

Egal, welche öffentliche Schule ein Kind besucht: Eltern sollten wissen, welche Möglichkeiten mit dem jeweiligen Abschluss verbunden sind. Wichtig ist, über die Schulzeit hinauszublicken: Im Handwerk dominieren deutschsprachige Lehrberufe. Die Sprachlücke im Angebot der beruflichen Ausbildungen besteht nicht erst seit gestern, offenbar bereitet es große Probleme, mehr auf Französisch anzubieten. Auch muss es englischsprachige Ausbildungsgänge geben, damit Schüler der internationalen Schulen den Übergang ins Berufsleben meistern können, ohne das Land wechseln zu müssen. Bildungsminister Claude Meisch hat nun weitere fünf Jahre, um hier etwas Kohärentes aufzubauen.

Ines Kurschat
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