Fußnoten zur Unterrichtsreform

Hexenjagd

d'Lëtzebuerger Land vom 02.12.2011

Das kleine Küstenstädtchen Salem nahe Boston hat wegen seiner Hexenverfolgungen traurige Berühmtheit erlangt. Luxemburg könnte dem Provinznest im Nordosten der USA allerdings bald Konkurrenz machen. Denn zumindest seit den jüngsten Schüler-Demonstrationen scheint die Unterrichtsreform der sekundaren Oberstufe Züge einer regelrechten Hexenjagd anzunehmen.

Dabei ist eine grundlegende Reform unseres Bildungswesens dringender denn je, stellt sie doch nichts weniger als die einzig richtige und im übrigen längst überfällige Antwort auf jene tiefgreifenden gesellschaftlichen Umwälzungen dar, welche unser Land in den letzten beiden Jahrzehnten erfahren hat. Wie jede Reform vor und nach ihr, verfolgt auch diese kein anderes Ziel, als Luxemburg für die Herausforderungen der Zukunft wirtschaftlich und sozial fit zu machen. Wer dem bisherigen, angeblich so leistungsfähigen, luxemburgischen Unterrichtsmodell nachweint, der trauert schlicht und einfach einer Gesellschaft nach, die es nicht mehr gibt.

Die Luxemburger sind in ihrem Land nicht länger unter sich, sondern sie teilen es sich inzwischen mit einer ständig steigenden Zahl an Zugewanderten. Und die vielgescholtene Unterrichtsreform dieser Regierung ist nichts anderes, als der Versuch, diesem Tatbestand bildungsseitig Rechnung zu tragen. Dem Tatbestand nämlich, das sich auch im Unterrichtswesen widerspiegelnde, ständig multikultureller und daher auch komplexer werdende Gesicht der luxemburgischen Gesellschaft als Herausforderung anzunehmen und darauf eine schulisch schlüssige Antwort zu finden. Eine Antwort, die, und das muss an dieser Stelle betont werden, in ihrem Grundsatz die richtige ist. Eine Antwort aber auch, welcher allzu unkoordiniert Taten folgten. Mit dem vorhersehbaren Ergebnis, dass nahezu alle Beteiligten, egal ob Jung oder Alt, in eine Art von Fundamentalopposition verfallen, welche jedem vernünftig denkenden Menschen das kalte Grauen in die Glieder treiben muss.

Da bauen sich junge Menschen vor den Toren des Unterrichtsministe[-]riums auf und demonstrieren allen Ernstes für ein Unterrichtssystem, das, gleich beim ersten internationalen Härtetest, seine mangelnde Leistungsfähigkeit eindrucksvoll un[-]ter Beweis stellte. Allein diese in all ihrer Tragik fast schon wieder komisch anmutende Schüler-Protest-Bewegung, da setzt sich die Jugend unseres Landes publikumswirksam für den Erhalt eines Systems ein, das, bliebe es bestehen, sie mit Sicherheit um ihre berufliche Zukunft brächte, zeigt in aller Deutlichkeit, dass es der Ministerin und ihren Mitarbeitern bisher nicht gelungen ist, alle Beteiligten mit ins Boot zu bekommen und sie von der Notwendigkeit dieses so tiefgreifenden Paradigmenwechsels zu überzeugen. Denn, und das ist, wie gesagt, das eigentlich Traurige an der Sache, die Argumente, welche einen derartigen Schritt rechtfertigen, liegen allesamt auf der Hand und könnten ohne viel Aufhebens einer breiten Öffentlichkeit nahe gebracht werden. Denn im Grunde sind sie nichts anderes als der Ausdruck des vielgerühmten, gesunden Menschenverstandes.

1 Unsere ständig ethnisch, und damit auch sprachlich und kulturell, vielfältiger werdende Gesellschaft ruft nach einem Schulsystem, das, nationale Eigenständigkeit hin oder her, nicht länger auf das Deutsche als Quasi-Muttersprache im Unterricht setzt. Meinen wir es ernst mit der sozialen Integration einer möglichst großen Zahl von Mitbürgern mit Migrationshintergrund, so müssen wir ihnen den Weg zu schulischen Erfolgen ebnen. Und diese wiederum führen vor allem über eine Flexibilisierung im Bereich der Unterrichtssprachen.

2 Ein leistungsfähiges gemeinsames Europa setzt zwingend gemeinsame europäische Bildungs-Standards voraus. Durch nichts gerechtfertigte, bildungspolitische Sonderwege werden mit einem Verlust an Wettbewerbsfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt bezahlt. Will das kleine Luxemburg seinen Schulabsolventen faire Wettbewerbschancen garantieren, ist es mithin dazu verdammt, sein Unterrichtssystem europäischen Normen anzupassen. Nur auf diese Art und Weise kann eine Chancengleichheit, welche diesen Namen auch verdient, europaweit gewährleistet werden.

3 Zu den Fundamenten dieser gemeinsamen Bildungs-Standards gehört, dass fortan zwischen Bildungskompetenzen einerseits und Bildungsinhalten andererseits strikt unterschieden wird. Erstere stellen fortan die zu erreichenden Unterrichtsziele dar. Die Effizienz derselben hängt wesentlich von der ebenso präzisen wie exhaustiven Bestimmung der im Rahmen eines europaweit harmonisierten Unterrichtes zu erwerbenden und nachzuweisenden Fähigkeiten ab. Die Lerninhalte beziehungsweise Unterrichtsstoffe, denen bisher vornehmlich die schulische Aufmerksamkeit hierzulande galt, dienen, und das ist neu, fortan ausschließlich zur Einübung besagter im Vorhinein festgelegter Kompetenzen. Sie besitzen also keinerlei erschöpfenden Anspruch mehr, sondern ihnen kommt, im Gegenteil, lediglich exemplarische Funktion zu. Denn was der Markt verlangt, ist kein totes Fachwissen, sondern die Fähigkeit, wirksam zu einer Problemlösung beitragen zu können. Und eben diese soll an exemplarischen, im Regelfall in Form von Texten dargebotenen Wissensinhalten erworben und erprobt werden. Nicht mehr und nicht weniger.

Was den Sprachenunterricht angeht, reduzieren sich die anzustrebenden Kompetenzen auf das Verstehen von Texten einerseits sowie auf das Verfassen von Texten andererseits. Die getrennte Bewertung dieser beiden Grundkompetenzen erlaubt es, auf ebenso einfache wie wirksame Art und Weise, den je[-]weiligen Schwächen des Schülers schnell auf die Spur zu kommen und sie zu beheben, mit dem Ziel, jenen größere schulische Erfolgs[-]chancen zu eröffnen, welche zwar über die nötigen kognitiven Voraussetzungen verfügen, jedoch leider, nicht selten aufgrund eben jenes bereits erwähnten Migrationshintergrundes, erhebliche sprachliche Defizite in einer der beiden Unterrichtssprachen an den Tag legen.

4 Eine Reform der sekundaren Oberstufe muss einen möglichst reibungslosen und zeitökonomischen Übergang in das richtige Fachstudium gewährleisten. Dies setzt voraus, dass sich das Gymnasium von jeglichem pseudo-akademischem Ballast befreit und sich, wie gesagt, dem Auf- und Ausbau der mathematischen, sprachlichen und logischen Kompetenzen verschreibt. In der Praxis bedeutet dies, dass die Vielfalt der inhaltlichen Ausdifferenzierungsmöglichkeiten im Sinne der genannten Kernkompetenzen auf eine mathematisch-[-]naturwissenschaftliche einerseits sowie eine sprachlich-humanwissenschaftliche Dominante andererseits zurückgeführt wird.

5 Zu der in der gymnasialen Oberstufe auszubildenden sprachlich-humanwissenschaftlichen beziehungsweise mathematisch-naturwissenschaftlichen Kompetenz gehört ferner unverzichtbar die Fähigkeit dazu, eine schriftliche Arbeit wesentlichen Umfanges (travail d’envergure) zu verfassen. Sie ist es letztlich, welche, ganz abgesehen von der Tatsache, dass sie zum selbstständigen Arbeiten anleitet, ein ebenso schnelles wie erfolgreiches Studium sicherstellen hilft, da die Seminar- beziehungsweise Diplom- oder Master-Arbeit nach wie vor die Kernzelle des wissenschaftlichen Arbeitens darstellt.

6 Unterstützend dazu müssen ferner, über die jeweiligen SPOS-Dienste hinaus, geeignete Beratungsstrukturen geschaffen werden, welche eine maßgeschneiderte, an realen Marktbedürfnissen orientierte Studienberatung sicherstellen. Denn nur eine solche kann sich als in der Lage zeigen, die Basis für ein ebenso zeitökonomisch wie gezieltes Studieren zu legen.

Woran die gegenwärtige Bildungsreform krankt, ist weniger deren schlicht als bare Vernunft zu bezeichnender Kern, sondern, man kann nicht müde werden, es zu wiederholen, vielmehr deren allzu unkoordiniert praktizierte Umsetzung. Mit dem fatalen Ergebnis, dass Schüler wie Lehrer, diejenigen also, auf deren alleinigen Schultern der Erfolg eines derartigen Mammutprojektes, welches nichts weniger als einen Paradigmenwechsel in unserer Unterrichtspolitik bedeutet, ruht, sich mit ihren Ängsten und Nöten allein gelassen fühlen. Kein Wunder also, dass sie mit einer Art von Fundamentalopposition antworten, welche, sollte sie allgemein die Oberhand gewinnen, das arme reiche Luxemburg auch noch um sein letztes Quentchen europäische Wettbewerbsfähigkeit bringen wird.

Denn was bei den nun angekündigten Gesprächen mit Lehrer- und Schüler-Delegationen herauskommen wird, ist leider absehbar. Eine von jenen vermaledeiten „kleinen Lösungen“ nämlich, für die unser Ländchen längst traurige Berühmtheit erlangt hat: „ „ De klenge Kueb“, „ De klenge Pei“, „ De klengen Tram“, „De klenge Futtballstadion“ und viele andere Notlösungen mehr lassen grüßen. Wie schon gesagt, dabei kann einem nur das kalte Grauen in die Glieder fahren!

Jean-Paul Hoffmann
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