Am Montag wird der Vorentwurf der Sekundarschulreform vorgestellt. Trotz vehementer Proteste bleiben ganz große Änderungen aus

Bühne frei!

d'Lëtzebuerger Land vom 02.12.2011

Vielen Dank für Ihr Interesse! heißt es freundlich auf Französisch unter www.reformelycee.lu. Ab dem 5. Dezember will das Erziehungsministerium unter dieser Adresse „unterschiedliche Informationen“ zur Reform der Luxemburger Sekundarschulen für Schüler, Lehrer, Eltern und alle anderen Interessierten bereitstellen.

Die Internetseite ist eine Reaktion auf den Proteststurm, entfacht von Schülern, die sich vom Ministerium nicht genügend in die Reformpläne einbezogen sahen. Gespannt warten nun Gegner wie Befürworter auf den Text, über den in den kommenden Wochen und Monaten in den Schulen beraten werden soll. Vieles spricht dafür, dass der Vorentwurf, den Ministerin Mady Delvaux-Stehres (LSAP) am kommenden Montag allen Akteuren sowie der Presse zukommen lassen will, nicht sehr viele Überraschungen birgt. Eine wesentliche Änderung hatte die Ministerin auf der Informationsversammlung vor über tausend Schülern vor zwei Wochen selbst vorweg genommen: Weil außer den Gewerkschaften auch zahlreiche Direktionen an Form und Umfang des inzwischen in Travail personnel umge-tauften Travail d’envergure Anstoß genommen haben, soll diese Schülerarbeit künftig nicht mehr als Vorbedingung für die Zulassung zum Examen gelten und zudem als ein Fach wie andere auch bewertet werden. Damit wolle man zeigen, so die Ministerin, dass auf berechtigte Kritik durchaus eingegangen werde.

Dass die Entrüstung vieler Lehrer und Schüler nach der Präsentation am 5. Dezember abklingen und ihr Widerstand abflauen wird, ist dennoch nicht sehr wahrscheinlich. Zum einen haben sich etliche als Gegner jeglicher Reformbestrebungen geoutet. Zum anderen zeichnet sich ab, dass das Ministerium an strittigen Kernelementen der Reform zumindest in der Diskussionsvorlage festhalten wird.

Land-Informationen zufolge soll es beispielsweise im Enseignement secondaire nach wie vor zwei Dominantes geben, auch wenn die eine nun ausdrücklich auch die Künste im Titel trägt. Kunstlehrerinnen und -lehrer gehörten zu den ersten, die gegen die Reform Sturm liefen. Durch die geplante Abschaffung der Sektionen sahen sie ihr Fach abgewertet und bemängelten, dass die provisorische Grille horaire weniger Stunden für ihr Fach auf dem ES vorsehe.

Der Streit um die „richtige“ Gewichtung dessen, was zur Allgemeinbildung und was zur Spezialisierung gehört – oder nicht –, dürfte somit weitergehen. Zwar ist in dem rund 40-seitigen Vorentwurf, dem eine argumentative Einleitung über aktuelle Trends in der luxemburgischen Gesellschaft und im Bildungssystem vorangestellt ist, kein Stundenplan enthalten. Der Kampf um das eigene Fach ist dennoch nicht vorbei – schon allein weil Luxemburgs Sekundarschullehrer in der Regel nur ein Fach unterrichten und viele dieses energisch gegen jeglichen Zugriff verteidigen. Der Fächerlobbyismus ist hierzulande stark ausgeprägt, was die zahlreichen geradezu protektionistischen Reflexe in den reformkritischen Stellungnahmen etwa der Französisch-, der Geschichts- und nicht zuletzt der Kunstlehrer erklärt. Die Lehrer der Naturwissenschaften haben sich bisher mit Stellungnahmen zurückgehalten: Kein Wunder, ihre Fächer würden im Rahmen der Reform an Bedeutung gewinnen.

Schon auf den Informationsversammlungen vor zwei Wochen hatte die Erziehungsministerin deutlich gemacht, am Tutorat im unteren Zyklus des Sekundarunterrichts festhalten zu wollen. Im Prinzip scheinen sich die Schulleitungen mit der engeren und individuellen Schülerbetreuung anfreunden zu können. Gegenstimmen wie die einer Lehrerin aus dem Lycée Robert Schumann, geäußert während der Kloertext-Sendung am Sonntagbend von RTL: die Reform sei von der OECD orchestriert; sie habe ihre Schüler auch sonst „an die Hand genommen“, dürften eher nicht die Mehrheitsmeinung darstellen. Die Einwände der Lehrergewerkschaften jedenfalls richten sich weniger gegen das Tutorat an sich, sondern gegen seinen Zeitaufwand. Details regelt aber ohnehin nicht das Rahmengesetz, sondern diese stehen in den für die kommenden Wochen angekündigten Aufführungsbestimmungen.

Das gilt auch für andere brisante Streitpunkte, etwa wie viele Schüler ein Lehrer im Rahmen des Travail personnel begleiten soll. Oder wie der Fächermix innerhalb der jeweiligen Dominantes Natur- und Geisteswissenschaften genau aussehen wird. Das Festhalten an zwei Dominantes begründet das Ministerium damit, nur so sei eine kohärente Kombination der inhaltlichen Schwerpunkte möglich. Neben Mathe müsse jeder Luxem[-]burger Schüler die drei Sprachen Deutsch, Französisch und English auf anspruchsvollem Niveau beherrschen, auch wenn es differenzierte Sprachniveaus je nach Schwerpunkt und Schulzweig geben und der starke Akzent auf dem Schriftlichen etwas zurückgenommen werden soll.

Die Ministerin und ihre Berater versprechen sich davon mehr Wahlfreiheit, respektive eine spätere Spezialisierung. Möglich soll diese durch eine Kombination aus Wahl- und Pflichtkursen werden, wie es sie in deutschen Bundesländern gibt. Ein Punkt übrigens, über den auf den Regionalkonferenzen von vor zwei Jahren eigentlich Konsens zwischen Ministerium und Schulen erzielt worden war. Mit den jüngsten Lehrerprotesten gerät dieser wieder ins Wanken.

Von Seiten der Lehrerschaft, nicht vom Ministerium. Dort will sich derzeit niemand zu dem Vorentwurf äußern, die Nerven liegen blank. In diesen Tagen jagt eine interne Sitzung die nächste. Nervöse Beamte beraten sich mit den Schulleitungen, die ihrerseits große Mühe haben, den aufkeimenden Protest in ihren Gebäuden in konstruktive Bahnen zu lenken. Die Versionen des Vorentwurfs werden offenbar beinahe stündlich geändert. Gerüchte, wonach es künftig möglich sei, einen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt zu belegen, ohne den Biologie- und Chemieunterricht besucht zu haben, wies Generalkoordinator Michel Lanners am Sonntag bei RTL jedenfalls energisch zurück.

Vielleicht aber lässt sich am Ende doch ein Kompromiss bei bestimmten neuralgischen Punkten finden. Land-Informationen zufolge wird wohl an der automatischen Versetzung zwischen 7e und 6e festgehalten. Allerdings ist im Gespräch, Härtefälle vor Ende der 6e reorientieren zu können. Vor allem klassische Lyzeen und die Apess wehren sich vehement gegen die automatische Versetzung; mit dem Vorschlag kommt ihnen das Ministerium entgegen. Angesichts der Ausnahmeregelungen beim Sitzenbleiben ist aber zu fragen, wie das Ministerium dann seinem Ziel näherkommen will, die im Vergleich zum Ausland exzessiv praktizierte Klassenwiederholung hierzulande einzudämmen.

Gefallen dürfte den Schulleitungen auch, dass die Schulen eine größere Autonomie bekommen als noch im Gesetz von 2004 über die Organisa-tion der Lyzeen. Sie sollen künftig die Qualität ihrer Arbeit sichern und verbessern. Ähnlich wie in den Grundschulen sollen sich die Sekundarschulen dafür Entwicklungsziele geben und diese in einem Schulentwicklungsplan festschreiben. Auch eine größere pädagogische Autonomie ist geplant. So sollen Schulen über ein bestimmtes Angebot an Wahlfächern ihr Profil schärfen und bei der pädagogischen Betreuung eigene Akzente setzen können. Das in den vergangenen Jahren etwas in Vergessenheit geratene Projet d’établissement wird wieder belebt.

Es sind diese Instrumente, und damit verbundene zusätzliche Ressourcen, die insbesondere bei den Schulleitungen auf Zustimmung stoßen. 15 so genannte Lycées pionniers haben bereits Aktionsfelder und -pläne für den unteren Zyklus bestimmt. Im Land-Gespräch begrüßten Direktoren die Hilfen, die sie hierbei vom Ministerium erhalten. Anders die Gewerkschaften, die Zwischenstrukturen wie die neue „Schulentwicklungszelle“ und Koordinatoren (Lehrer, die Projekte schulintern koordinieren) als Konkurrenz zu den Lehrerkomitees bekämpfen: Das Ministerium wolle so die Basis umgehen und die Schulen stärker an die Kandare nehmen.

Das wird eine der zentralen Herausforderungen der Reformer und ihrer Befürworter sein: die Angst der Lehrer (und der Schüler und Eltern) vor nicht steuerbaren Veränderungen zu mindern. Lehrer wurden zwar von Beginn an der Beratungen aufgefordert, in den zahlreichen Arbeitsgruppen mitzuar-beiten (mit bescheidenem Erfolg), nun dämmert es vielen: An der Reform kommen sie kaum vorbei, sie steht im Regierungsprogramm. Für die Lehrer bedeutet das nicht zuletzt ein Hinterfragen und Umstellen gewohnter Arbeitsweisen und Unterrichtsmethoden.

Für die Schulen kehrt mit Instrumenten wie dem Rapport Lycée, der Schülerleistungen sowie Daten etwa zum Schulklima im nationalen Vergleich beinhaltet und den Schulen helfen soll, eigene Stärken und Schwächen besser kennen zu lernen, eine neue Kultur ein. Die Stärken-Schwächen-Analysen sind nur für den internen Gebrauch bestimmt, klar ist jedoch, dass Schulen zunehmend Rechenschaft für ihre Arbeit ablegen müssen. Werden diese Ergebnisse als konstruktive Kritik genutzt, könnten sie als Ausgangspunkt dienen, um sich beispielsweise stärker über Best practises auszutauschen. Etwas was bisher in Luxemburg trotz Regionalkonferenzen noch eher selten geschieht.

Eben dieses Monitoring ist Gewerkschaften wie SEW und Apess ein Dorn im Auge. Dabei ist mit dem von Gewerkschaftsseite ebenfalls attackierten, aber erfolgreichen Projekt im unteren Zyklus des Enseignement secondaire technique (Proci) der Trend zu mehr Austausch und Vernetzung zwischen den Sekundarschulen überhaupt erst in Gang gekommen.

Eines müssten Direktoren und Lehrer selbstkritisch zugeben: Das hiesige Sekundarschulwesen strotzt nicht gerade vor Innovationsfreude. Das mag mit der Schulgröße (mehr als 1 000 Schüler) und mit der Schwerfälligkeit der Stukturen (Stundentakt, Ein-Fach-Logik) zusammenhängen. Fakt ist, dass der Aspekt der Autonomie in den meisten Stellungnahmen der Schulen zur Reform nur am Rande thematisiert wurde. Erst im Laufe der Beratungen scheinen immer mehr Direktionen daran Gefallen zu finden.

Die Kernfrage aber harrt ihrer Antwort: Ob nämlich mit den geplanten Neuerungen allein den Herausforderungen, denen sich das Luxemburger Schulsystem gegenübersieht, wirksam beizukommen ist. Die meisten Elemente der Reform (Tutorat, automatische Versetzung nach der 7e) existieren in einigen Schulen bereits in dieser oder anderer Form. Und, das ist kritisch anzumerken, ohne Engagement und Erfolg klein reden zu wollen, zum übergroßen Qualitätssprung haben sie bislang noch nicht geführt.

Reformgegner mögen diese Beobachtung als Beleg dafür interpretieren, dass die Neuerungen nichts bringen. Man kann sie aber auch so lesen wie die Studentenorganisation Unel: Gehen diese Reformen weit genug? Schlüsselmoment in der Karriere eines Schülers ist und bleibt die Orientierung nach der Grundschule (dem vierten Zyklus). Noch ist unklar, wie die neue Prozedur aussehen wird. Die Kultur der Klassenwiederholung und Selektion ist tief in das Schulsystem eingelassen. Für viele Lehrer ist die Androhung einer schlechten Note als Motivator offenbar unverzichtbar. Schon zeichnet sich ab, dass in den Grundschulen trotz Reform die Zahl der Sitzenbleiber, nach anfänglich sinkendem Trend, wieder steigt.

Obwohl die Proci-Schulen bessere Resultate erzielen, ist nicht völlig geklärt, worauf diese zurückzuführen sind. Vieles spricht dafür, dass das Zusammenspiel einer individuellen Betreuung, einer konstruktiven Bewertung, differenzierte Sprachniveaus und die automatische Versetzung motivierend und leistungs[-]steigernd auf Schüler wirken. Erstaunlicherweise wird aber über diese zentralen pädagogisch-methodi-schen Fragen (sowie über Alternativen), ebenso wie über Befunde der Bildungswissenschaften und der Motivations- /Lernforschung, gerade auf Lehrerseite trotz lautstarker Reformschelte kaum öffentlich diskutiert. Daran wird der Vorentwurf – leider – vermutlich wenig ändern.

Ines Kurschat
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