Regionalisierung der Fleischproduktion

Das L-B-F-Biest

d'Lëtzebuerger Land du 05.09.2002

Gestern Nachmittag trafen sich in Trier Vertreter der Luxemburger Société nationale de l'arboriculture et d'horticulture mit ihren Kollegen aus der Trierer Region und gründeten eine Vermarktungsgenossenschaft für Obst von beiderseits der Mosel. Ein win-win-Verhältnis für beide Seiten: Den deutschen Obstbauern eröffnet die Zusammenarbeit einen besseren Zugang zum Markt im Großherzogtum, den Luxemburgern, so wird gehofft, sichert die geregelte Zulieferung deutschen Obstes ihre Präsenz in hiesigen Supermärkten. Denn seit auf EU- wie auf Weltniveau die Handelsschranken immer weiter fallen, wird die Konkurrenz billigerer Großanbieter immer drückender, beläuft sich der Marktanteil des einheimischen Obst- und Gemüsesektors seit 1994 auf weniger als ein Prozent (siehe d'Land vom 24. August 2001).

Darin liegt das Besondere dieser auf den ersten Blick eher unspektakulären Kooperation. Hinzu kommt: Die Äpfel, Birnen und Erdbeeren, die durch sie vertrieben werden sollen, sind Produkte mit regionaler, nicht nationaler Herkunftsbezeichnung. Das ist für die Luxemburger Landwirtschaft neu.

Geht es nach Jean Stoll, Biologe und Generalsekretär der Tierzüchter- und Beratergenossenschaft Herdbuch in Ettelbrück, sollte es nicht dabei bleiben. Gerade in der Fleischproduktion nicht, wo über die Jahrzehnte strukturelle Ungleichgewichte gewachsen sind, die dem Agrarsektor gar nicht gut tun. Die Rindfleischerzeugung ist nach der Milchproduktion das zweitwichtigste Segment der Luxemburger Landwirtschaft. Doch wenn pro Jahr im Schnitt etwa 50 000 Tiere geschlachtet werden, gelangen nur etwas mehr als 20 000 in die vier heimischen Schlachthöfe, der Rest ins Ausland. Die Kapazität der vier Häuser sei nicht das Problem, sagt Jean Stoll. Vermutlich gebe es sogar zwei Schlachthöfe zuviel. Hauptgrund für den Schlachtexport seien die Essgewohnheiten der Bevölkerung: Wer beim Metzger, aber auch im Supermarkt einkauft, verlangt vor allem edlere Stücke. Filets etwa. Von ihnen aber gibt ein Rind mit einem Schlachtgewicht von über 400 Kilogramm nur fünf Kilogramm her. Die Weiterverarbeitung der weniger guten Teile beipielsweise zu Wurst aber ist in Luxemburg kaum organisiert, denn große Wurst-esser sind die Luxemburger nicht, das weiß man auch beim Metzgerverband. Und so kommt es, dass parallel zum umfang-rei-chen Schlachtexport bis zu 50 Prozent des verzehrten Rindfleischs Importware ist. Dabei übersteigt nach Herdbuch-Schätzungen die Rinderhaltung in Luxemburg den Eigenbedarf der Bevölkerung an Rindfleisch um 50 Prozent.

Welche ökonomischen Auswirkungen das hat, wieviel zusätzliche Wertschöpfung eventuell realisiert werden könnte, falls die Verarbeitung des Fleisches in stärkerem Maße hier erfolgt, ist unbekannt, teilt der Service d'économie rurale im Landwirtschaftsministerium mit. Der Herdbuchverband schlägt darüberhinaus die Schaffung regionaler, grenzüberschreitender Fleisch-Labels vor. Zum Beispiel biete sich eine Zusammenarbeit mit Betrieben in den belgischen Ardennen an. Diese Gegend ist ein typisches Grünlandgebiet, aber auf Grünfutter sollte ein Fleischrind nur bis etwa zwei Drittel seiner Lebenszeit weiden und danach energiehaltigere Nahrung zu sich nehmen. Zum Beispiel Mais, von dem in Luxemburg sehr viel angebaut wird. "Man kann natürlich den Mais zum Tier bringen", sagt Jean Stoll, "aber dann sind viele Fahrten nötig." Zumal ein Tier, um ein Kilogramm Körpergewicht zuzulegen, die vierfache Maismenge fressen muss. Die Alternative: Ardenner Rinder würden zum Maismahl nach Luxemburg ge-bracht, in der Region geschlachtet und verarbeitet und ihr Fleisch unter einem Herkunfts- und Qualitätssiegel zum Vorteil aller beteiligten Seiten regional vermarktet.

Doch eine solche Zusammenarbeit ist derzeit schwer möglich in Europa, das sich nach den BSE-Krisen zwecks lückenloser Rückverfolgbarkeit nicht nur die Kennzeichnung aller Rinder mit zwei Ohrmarken vorgeschrieben hat, sondern auch den Vermerk über das Herkunftsland der Tiere, das Land ihrer Aufzucht und das ihrer Schlachtung, jeweils auf dem Verkaufsetikett. Nicht nur Jean Stoll sieht darin einen "chauvinistischen Zug", auch für den Konsumentenschutzverband ist zertifizierte Herkunft noch längst keine Garantie für Qualität. Ab 1. Januar nächsten Jahres werden überdies drei weitere EU-Labels unionsweit wirksam, die Landwirtschaftsprodukte vom Wein bis zum Camembert sowie ganze Produktionsprozesse geografisch zuordnen. Dass dabei ein gehöriges Maß Protektionismus mitschwingt, räumte ein hoher Beamter der EU-Kommission unlängst gegenüber Le Quotidien ein (20. August 2002). Vor dem politischen Hintergrund einer Re-Nationalisierung der EU-Agrarwirtschaften würden, so der Service d'économie rurale, in letzter Zeit belgische Schlachthäuser schon mal die Schlachtung von Rindern aus Luxemburg ablehnen - zu Gunsten belgischer Tiere.

Sicherlich sei ein "Europa-Rind", das beispielsweise in Deutschland geboren, in Frankreich aufgewachsen und in Luxemburg geschlachtet und zerlegt wurde, den Verbrauchern kaum zu vermitteln, glaubt der Herdbuchverband. Eine regionale Formel L-B-F, wie: geboren im Gutland/Luxemburg, aufgewachsen in der belgischen Province de Luxembourg und ge-schlachtet im lothringischen Metz, aber womöglich doch.

Allerdings sind diese Ideen derzeit weder in der Bauernschaft konsensfähig, noch ist das Nachdenken der Verbraucher über die Frage, was eigentlich Qualität ist, weit genug gediehen. Herkunfts- und/ oder Qualitätslabels gibt es bereits heute allein für Rindfleisch fünf in Luxemburg. Neben zwei Biolabels sind es Véi vum Séi, unterhalten vom Öewersauer-Naturparksyndikat Sycopan, das von der Landwirtschaftskammer betriebene Produit du terroir - Lëtzebuerger Rëndfleesch sowie Cactus-Fleesch vum lëtzebuerger Bauer in gemeinsamer Verwaltung der Supermarktkette mit dem Herdbuchverband.

Dessen Beteiligung an einer kommerziellen Aktivität dürfte ein Grund dafür sein, weshalb seine Ideen zu regionalisierter Produktion, Qualitätssicherung und Vermarktung auf wenig Widerhall stoßen: Eigenaussagen zufolge überstand sein Rindfleischlabel die 2000/2001 auch hier zu Lande umgehende BSE-Angst "sehr gut". So gut, dass den 150 angeschlossenen Betrieben eine Gewinnbeteiligung von einer Million Euro ausgezahlt werden konnte. Dass Qualitätskritrien des Herdbuch-Labels umfassender und strenger sind als etwa die des im Grunde reinen Herkunftslabels Produit du terroir, hatte im September letzten Jahres eine Studie eines ausländischen Gutachters ergeben. Breit diskutiert wurde sie nicht; erst zwei Monate vorher hatten während des Chamber-Hearings über Lebensmittelsicherheit die Vertreter der Landwirtschaftskammer ihren An-satz dargelegt: Besser keine zu hohen Standards definieren, damit möglichst viele Betriebe beteiligt werden können. Worin sich zumindest die traditionelle Meinung der Bauernzentrale, größte Bauerngewerkschaft im Lande, spiegelt, die noch stets gegen "Überforderung" der Landwirte durch zu viele Auflagen eintrat.

Womöglich aber kommt durch den jüngsten Vorstoß von EU-Landwirtschaftskommissar Franz Fischler, die Prämien von der bewirtschafteten Fläche abzukoppeln und stärker als bisher an Produktqualität und Umweltschutz zu binden, Bewegung in die Angelegenheit. Fischler habe "im Kern Recht", meint Jean Stoll - im Unterschied zu sämtlichen Bauerngewerkschaften und Landwirtschaftsminister Fernand Boden (CSV). Fischler sei zu verstehen als Aufforderer zum Energie- und Ressourcensparen im gesamten Agrar- und Lebensmit-telbereich. Die Minimierung der Transportwege zwischen Erzeugerbetrieben, Schlacht-höfen und Verkaufsstellen könne man zwar als vorrangig ökologische Frage ansehen, sagt Jean Stoll. Das werde sich aber ändern, sobald die externen Kosten der wachsenden Straßentransportflut in Speditionstarife einfließen, wie es die EU-Kommis-sion in ihrem transportpolitischen Weißbuch für das Jahr 2010 zumindest vorschlägt, und es womöglich gar eine Umlage auf die Treibstoffpreise gibt. In abgeschwächter Form steht das Herdbuch-Label vor diesem Problem schon heute: Das unter seinem Namen angebotene Fleisch reinrassiger Limousin- und Charolais-Rinder ist ohne Zukauf von Tieren aus dem Ausland nicht in ausreichender Menge bereitzustellen. 35 Prozent des Fleisches stammt von in der Limousin-Ursprungsregion Limoges geborenen, danach in Luxemburg mindestens sechs Monate lang aufgezogenen Tieren. Was 800 Kilometer Wegdistanz mit sich bringt, und weshalb man gerne Partner aus Lothringen gewonnen hätte. Allein in der Limoges jedoch fanden sich Partner, die den Anforderungen des Herduch-Labels ge-nügten. Dieses aber beinhaltetein wissenschaftlich begründetes Bilanzsystem: Erfasst werden sämtliche Energie-, Nährstoff- und Spritzmittelkreisläufe auf den Höfen, und sie werden nach unten optimiert. Vor fünf Jahren begann das. "Jetzt", sagt Jean Stoll, "senken wir die Grenzwerte drastisch." Eine Datenbank erfasst außerdem in Zukunft die Herkunft und die zu-rückgelegte Wegdistanz sämtlicher eingesetzter Mittel zur Enegiebilanzoptimierung. Stoll würde das System am liebsten auf die gesamte Agrarbranche des Landes ausdehnen. Und muss sich gelegentlich anhören, Herdbuch wolle die Landwirtschaft usurpieren.

Könnten die Verbraucher die Einrichtung regionaler Qualitätslabels voranbringen helfen? Sowohl Jean Stoll wie auch Louis Koener, Präsident des Metzgerverbandes, sehen riesigen Aufklärungsbedarf. Eine "éducation alimentaire" sollte am besten schon in der Spielschule einsetzen, meint Koener, der sich von der in seiner eigenen Metzgerei einkaufenden Kundschaft im-mer wieder von Fragen bombardiert sieht. "Die Leute wollen wis-sen, wo das Fleisch herkommt, was drin ist, und so weiter." Die meisten Verbraucher aber interessiere nur das Verfallsdatum und der Preis. Das müsse sich ändern.

"Regionalisierung" ist auch dem Metzgerverband nicht fremd. Wenngleich er damit in erster Linie Luxemburg selbst meint. Es gebe, sagt Louis Koener, sowohl ungenutzte Nischen in einer "eher artisanalen Wurstfabrikation", die sich in touristisch attraktiven Gegenden einrichten und entsprechend vermarkten lasse, als auch Möglichkeiten, aus dem im Lande selbst geschlachteten Fleisch mehr von den begehrten edlen Stücken zu schneiden als bislang noch der Fall. Dazu müssten die Zerteilerhallen in den Schlachthöfen modernisiert werden. Damit werde demnächst begonnen, die Branche habe in der Tat viel zu lange damit gewartet.

Eindringen wollen die Luxemburger Metzger stärker in die Fleischnachfrage der Restaurants und Großkantinen. Doch das wird schwer: Dort, klagen Metzger wie Bauerngewerkschaftler wie Herdbuch, zeigten sich die Konsumenten von ihrer unverantwortlichen Seite: "Sie essen, ohne nachzudenken", sagt Louis Koener, "zum Beispiel Fleisch aus Südamerika, das billig im Einkauf ist, aber eben keinerlei Qualitätsgarantie enthält." 

Peter Feist
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