Newsroom

Ein Don Quijote unserer Zeit

d'Lëtzebuerger Land vom 03.06.2016

Politiker, die nicht nur in sozialen Netzwerken Unwahrheiten verbreiten, weil sie ihren Zwecken dienen; Blogger und andere zivile Meinungs- und Stimmungsmacher – sie alle bescheren uns „Fakten“ in einer Größenordnung, die immer schwerer zu überblicken ist. Von einer Beurteilung des Wahrheitsgehalts mal ganz abgesehen. Welcher Quelle kann man trauen, wer will die Öffentlichkeit in die Irre führen und zu welchem Zweck? Wo bleibt das Korrektiv, das Tatsachen bestätigt und Mären als Schimären entlarvt?

„Jeder hat ein Recht auf seine eigene Meinung, keiner jedoch ein Recht auf seine eigenen Fakten“, sagte jüngst der österreichische Nachrichten-Anchorman Armin Wolf in einer Diskussion und verwies so auf die zentralen Aufgaben seriöser Journalisten: objektive, auf Tatsachen beruhende Berichterstattung, eingehende Prüfung von Informationen und Zurechtrücken von Halb- und Unwahrheiten. Mehr denn je braucht die breite Masse zuverlässige Informationen, um sich im Informationsdschungel zurechtzufinden und sich eine fundierte Meinung bilden zu können.

Aaron Sorkin, amerikanischer Serienmacher, der uns schon in The West Wing gezeigt hat, wie man seinen Job (den des US-Präsidenten) trotz aller Zweifel, Versuchungen und Probleme korrekt macht, führt uns in Newsroom nun vor, was er von einem unbestechlichen Berichterstatter erwartet.

Schon die Anfangsszene zeigt, wohin die Reise führt: Anchorman Will McAvoy (Jeff Daniels hat für seine Rolle einen Emmy Award bekommen) fällt bei einer Podiumsdiskussion durch ausweichend-witzige und ziemlich substanzlose Aussagen auf. Er will nicht anecken, seine tollen Einschaltquoten nicht gefährden, die er mit einer mittelmäßigen, aber gefälligen News-Show erzielt. Als er jedoch glaubt, im Publikum seine Ex-Producerin MacKenzie McHale (Emily Mortimer) zu sehen, bricht der alte Will aus ihm hervor und in einem mitreißenden Monolog erklärt er auf die entsprechende Frage einer jungen Studentin faktenreich, warum Amerika nicht mehr „the greatest country in the world“ sei.

Und damit kann’s losgehen. Will und MacKenzie treten an, wieder Qualitäts- und Substanzjournalismus zu betreiben, Quoten hin, Werbeaufträge her. In ihrem Bereich wollen sie Amerika wieder groß machen. Don Quijote dient durchaus als Vorbild und wird oft zitiert. Will McAvoy demontiert elegant, geschickt und wortgewandt so manche Interviewpartner, indem er ihre Lügen mit Tatsachen konfrontiert. Das tut richtig gut. So wie es gut tut, wenn europäische Journalisten Politikern, Meinungsmachern und Populisten in der direkten Konfrontation Fakten unter die Nase reiben, wenn sie das Volk mit Geschöntem einlullen oder mit Gefälschtem aufhetzen wollen. Auch wenn man so langsam den Eindruck gewinnen kann, dies sei ein Kampf gegen Windmühlen.

Aber auch um Whistleblower, Quellenschutz und um Risiken und Versuchungen geht es in der Serie. Das Newsroom-Team geht trotz intensiver Recherche einer Fehlinformation auf den Leim. Was zeigt, dass auch Journalisten nicht vor Manipulation gefeit sind, siehe etwa die Berichterstattung zur Kölner Silvesternacht. Newsroom bietet exzellente und intelligente Unterhaltung und wirft dringende Fragen über Berichterstattung und Öffentlichkeit nicht nur im digitalen Zeitalter auf.

Jutta Hopfgartner
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