Führung und Kontrolle in der Luftfahrt

Luxemburgische Zustände

d'Lëtzebuerger Land du 20.11.2003

Als Transportminister Henri Grethen (DP) am letzten Freitag Nachmittag kurzfristig die Presse zu sich rief, teilte er mit, er werde "nichts sagen". Keinen Kommentar abgeben, keine Schlüsse ziehen aus den Auszügen zum Entwurf des technischen Abschlussberichts zu den Ursachen des Absturzes einer Fokker 50 der Luxair am 6. November 2002.

"Chaos" habe im Cockpit geherrscht, heißt es in dem Bericht, aus dem das RTL-Radio teilweise zitiert hatte. Pilot und Copilot seien zur Landung "nicht vorbereitet" gewesen, gegen alle Regeln sei "improvisiert" worden. Und in Frage gestellt wurde die Schulung der Piloten.

Ganz neu ist das nicht. Schon der Anfang des Jahres vorgestellte Zwischenbericht, der auch die auf dem Voice recorder der Unglücksmaschine verzeichneten Aufnahmen veröffentlichte, ließ auf das schließen, was Luxair-Direktion und Pilotenvereinigung gleich nach dem Unfall ausgeschlossen hatten: menschliches Versagen. Ein Fiasko an Öffentlichkeitsarbeit. Spätestens am 15. Dezember, wenn der definitive Bericht vorliegen soll, wie der Minister versprach, wird sich die Schuldfrage endgültig stellen. Dass sie ohne Ausflüchte beantwortet wird, daran muss die Öffentlichkeit ein Interesse haben, und deshalb war die Veröffentlichung der vorläufigen Untersuchungsresultate durch RTL auch gerechtfertigt.

Die Beantwortung der Schuldfrage müsste allerdings mit einer langen historischen Exegese über die Führung der nationalen Passagierfluggesellschaft einhergehen. Sie darf nicht in der "Ära Heinzmann" beginnen, sondern muss auf den Ursprung zurück reichen, muss klären, ob schon unter der Leitung von Roger Sietzen Dysfunktionen aufgebaut wurden, ob sie unter der Führung von Jean-Donat Calmes behoben wurden - denn immerhin scheinen Machtkämpfe an der Spitze der Luxair noch heute zu schwelen.

Fragen werden sich allerdings auch die wechselnden Transportminister und die Beamten in der Direktion für Zivilluftfahrt gefallen lassen müssen. Henri Grethen erklärte vor einer Woche, falls der Abschlussbericht tatsächlich die Kompetenz der Luxair-Pilotenschaft und die Vergabe der Pilotenlizenzen in Zweifel ziehen sollte, müsse man bedenken, dass der Staat über keinerlei Handhabe über die Lizenzvergabe verfüge. Doch wenig später ließ der Transportminister durchblicken, dass eine großherzogliche Verordnung über die Pilotenlizenzen ausgearbeitet wurde. Desweiteren eine über die medizinische Kontrolle der Piloten. Demnächst sollen sie auf den Instanzenweg geschickt werden. Sie seien "keine Konsequenz" aus dem Unglück vom letzten Jahr, betont der Minister, sondern sie dienten der Umsetzung des Gesetzes über die Zivilluftfahrt aus dem Jahr 1999, das noch unter der CSV-LSAP-Regierung erging.

Dann jedoch kann man nicht nur der Luxair Führungsfehler vorwerfen. Dann wurde auch von politischer und administrativer Seite die Regelung der Verhältnisse in einem Verkehrssektor, dessen Sicherheit so stark von der Einhaltung strenger Regeln abhängt, viele Jahre lang verpasst, vergessen oder verschleppt.

Peter Feist
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