Bildungsreformen

Nicht genug

d'Lëtzebuerger Land vom 11.03.2010

Kaum hat die Unterrichtsministerin ihre Eckpunkte für eine Reform des Sekundarunterrichts unterbreitet, da stürmen sie los: die die es schon immer besser wussten und sich nun ungeniert in Radio- und Zeitungsforen über die Vorschläge auslassen. Zu den unterhaltsameren Beiträgen gehören die der Nostalgiker, die allen Ernstes meinen, Reformen seien nicht nötig, habe ihr 1968 bestandenes Abschlussexamen sie doch bestens auf das anschließende Auslandsstudium vorbreitet. So als hätte die Zeit still gestanden und als würde es Immigration, Internet, Globalisierung und Bildungswettlauf nicht geben.

Eine zweite Gruppe wittert, nach der Reform der Grundschule, eine weitere Demontage des Bildungssystems durch die Sozialisten. Dass Schüler „nur“ noch in sechs Fächern statt in bis zu 13 Fächern geprüft werden und differenzierte Sprach­anforderungen mehr jungen Menschen den Zugang zu weiterführenden Studien erlauben sollen, ist für sie ein Beleg für ein weiteres politisch gepushtes nivellement vers le bas. Der einzige Wettbewerbsvorteil der Luxemburger, ihre Mehrsprachigkeit, würde demontiert, der Abschluss abgewertet. Dahinter verbirgt sich eine elitäre Denkweise: Für den Sohn oder Tochter das klassische Gymnasium, den anderen als Trostpreis das Technique.

Die Idealisierung des gegenwärtigen Systems klappt nur, weil andere Trends ausgeblendet werden: Viele der französischen, belgischen und deutschen Arbeitnehmer, die über die Grenze pendeln, um hier zu arbeiten, sind hoch qualifiziert und sprechen immer öfter mehrere Sprachen. Auf der Strecke bleiben die geringer Qualifizierten, darunter viele Luxemburger.

Dabei ließe sich fragen, ob die überfälligen Reformvorschläge weit genug gehen, um das sozialistische Versprechen von der Chancengleichheit einzulösen. Die Dreigliedrigkeit des Systems bleibt: mit dem Préparatoire, das für immerhin jeden zweiten betroffenen Schüler die Endstation seiner Schullaufbahn darstellt, dem Technique und dem Classique; an den Grundpfeilern rüttelt auch eine LSAP-Unterrichtsministerin nicht.

Aber Wahl- und Pflichtfächer, mehr Allgemeinbildung und eine spätere Spezialisierung gehören in Deutschland seit Jahrzehnten zum Repertoire der Sekundarschulausbildung, ein Garant für bessere Bildungschancen sind sie nicht: Deutschland erzielte bei Pisa nur einen mittelmäßigen Platz – und musste sich wiederholt Tadel für die hohe soziale Selektivität seines Bildungssystems gefallen lassen, die sich an der Uni noch fortsetzt. Ob daher die Luxemburger Hoffnung aufgehen wird, durch eine individuellere Betreuung, gezieltes Methodentraining, mehr Englisch und die Fortschreibung des Kompetenzansatzes mehr Schüler besser auf die Hochschule vorzubereiten, ist ungewiss, wenn nicht auch andere Voraussetzungen stimmen. Zumal die Orientierungsprozedur nach dem sechsten Schuljahr, Schlüsselmoment im Karriereverlauf eines Schülers, noch immer die alte ist.

Auch fehlt ein anderer wichtiger Aspekt: Mehr noch als gestraffte Inhalte tut hierzulande eine neue Lern- und Unterrichtskultur Not. Dafür braucht es willige und fähige Lehrer – und die brauchen vor allem Zeit. Was passiert, wenn Lehrer unvorbereitet mit neuen Unterrichtsformen konfrontiert werden, lässt sich derzeit bei der Grundschulreform beobachten. Ohne ein Konzept, wie die Lehrer auf ihre neue Rolle vorbereitet werden können, drohen dieselben Probleme und Pannen wie in der Grundschule. Und ob die Gewerkschaften das ein zweites Mal mitmachen werden, darauf sollte sich die Ministerin lieber nicht verlassen.

Ines Kurschat
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